"Es gibt doch eine Gerechtigkeit: Frauen kommen stärker als wir, aber seltener." (S.12)
Warum ich Beigbeder lese?
Nun ich habe schon als Schulkind gerne den Staberl gelesen.
Ich weiß nicht warum ich mich so gern ärgere, aber gesund kann das eher nicht sein.
Aber wo ich sein neues Buch schon mal gelesen und den Herrn auch getroffen habe, kann ich Euch ja gleich auch was drüber erzählen.
"Festival in Deauville = Meisterschaft der Vereinsamung in der Menge. Auf der Terrasse des Hotels Normandy ertrinken die Langustinen in Mayonnaise, und keiner kommt ihnen zu Hilfe. Ich sitze zwischen Christine Orban und Phillipe Bouvard. Lieber säße ich am Nebentisch zwischen Brian de Palma und Elli Medeiros.
Ich bin ständig gedopt. Meine Gesundheit mag darunter leiden, aber ich kenne nur wenig Produkte, die mir das Gefühl geben, der Tod sei ein nebensächliches Ereignis."
Ob mir seine neue Sonnenbrille gefällt, will Herr Beigbeder wissen als ich ihn im Hotel treffe, die hat er sich grade erst in der Kärntnerstraße gekauft, Yves Saint Laur-Irgendwas, Sonne scheint freilich keine.
Ich also erstmal einen auf Vogel Strauss machen und nix sagen, da fängt sein Gesicht ein wenig zu tanzen an.
Und plötzlich treffen wir ein wortloses Abkommen - Sonnenbrillen sind uns in the long run eh beiden wurscht.
"Eine aberwitzige Alkoholikerin küsst mich, und ich wende angewidert den Kopf ab, weil ich Küsse hasse, die nach Champagner riechen. Da gehe ich lieber allein nach Hause. Ich werde wieder zwölfmal masturbieren müssen, bevor ich einschlafen kann. Nächstes Mal nicht vergessen: Vor Zungenküssen prüfen, ob die Frau ausschließlich Wodka getrunken hat."
Genau dieser schwer fassbare Zweifel zwischen Arroganz und Unsicherheit zieht sich auch durch Beigbeders Bücher. Da kämpft der Zynismus gegen das schlechte Gewissen und feiert dennoch einen wortwitzigen Etappensieg nach dem anderen.
Um die Arschloch-Rolle konsequent durchzuziehen fehlt Beigbeder wie seinen Protagonisten eine Zuglandung voll Unsensibilität.
Der Inhalt des neuen Beigbeders "Der Romantische Egoist" ist schnell wiedergekäut. Frederic erschafft die Kunstfigur Oscar, die ist im Prinzip aber natürlich eh wieder Beigbeder selbst. Dieser Platzhalter durchlebt mehr oder weniger Beigbeders Leben der letzten Jahre.
Als Tagebuch.
Da wird von Paris über New York bis nach Cannes gefickt, gesoffen, gestylet, gekokst, gelacht, gewitzelt, geprasst, geweint und gelitten.
Auf dem Altar des schnellen Lachers wird auf 284 Seiten jeder Verdacht auf Bescheidenheit geopfert.
Da wird Faulheit mit Leiden verwechselt und um Verständnis dafür gebuhlt.
"Sind wir nicht alle faul und feige?", so die zentrale Frage des Buchs.
"Nein sind wir nicht, denn manche können sich das gar nicht leisten", müsste die Antwort lauten.
Beigbeder´s Durchbruch als Schriftsteller und Abrechnung mit seinem Vorleben als Werbe-Schani.
"Die Kokser mit den erschrockenen Augen am Ausgang der Toiletten, ihre sorgenvolle Miene, wenn sie ein halbes Gramm intus haben. Warum verschleudern sie ihre Kohle, um sich Angst zu machen? Ich schäme mich, dieser erbärmlichen Bruderschaft bestürzter Nachteulen anzugehören. Ihre kodierte Sprache, wenn sie Stoff suchen: "Hast du Feuer? Hast du was? Kommst du mit aufs Klo? Schieben wir nochmal was nach?" Und warum fragen sie immer mich? Ich habe das Gefühl, das wird durch dieses Buch nicht besser werden."
Das unsympathischste Buch, dass ich je gelesen habe. Die finale Bankrotterkärung der von Zynismus und Selbstmitleid triefenden so called "Popliteratur".
So wollte ich eingangs über diese Buch urteilen.
Zwei Gründe sprechen aber dagegen:
Erstens ist die kokainschwangere Nabelschau dieser skizzierten Scheinwelt viel zu unfreiwillig komisch um wirklich ernst genommen zu werden.
Und zweitens zuckt Beigeders Gesicht schon wieder.
Offenbar muss sich da wer sehr überwinden seine Rolle zu spielen.
Vor einem Tom Cruise habe ich beispielsweise viel mehr Angst.
Oscar, put the pipe down.
"Der romantische Egoist" von Frederic Beigbeder
ist im Ullstein Verlag 2006 erschienen und wurde, wie die hier verwendeten Auszüge, von Brigitte Große aus dem Französischen übersetzt.
Und am 1. Mai gibts in FM4 Connected das Interview zu hören.