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Wien | 26.8.2001 | 10:00 
Flaschendrehen und Tischerlrücken, Schmerzenhören und Seelebrennen, garniert mit einem Hauch von Zimt.

Fuchs, Pfister

 
 
Regener, hallo ?
  Meldet sich eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Die Stimme eines 40-jährigen Mannes, die an den spitzbübischen Charme eines 17-jährigen Schulsprechers erinnert. Soll ich zu dem Mann, zu dessen Platten ich lückenlos mitsingen kann jetzt Du oder Sie sagen? Sven nimmt mir die Entscheidung ab: "Ja du, Robert, das find ich gut so. Rufste mich sowas um 19 Uhr an? Dann können wa ja loslegen..."
 
 
'Jetzt musst Du springen'
  Singt Sven Regener im gleichnamigen Stück des aktuellen Element of Crime Albums "Psycho". Und irgendwie trifft das den Kern der Geschichte. Was fragt man einen Mann den man gern zum älteren Bruder oder zum Kneipenkumpel hätte? Was fragt man jemand, den man aufgrund seiner Texte zu kennen meint? Was fragt man jemand, der Sätze wie "Freut mich, dass es dich freut mich wiederzusehen" zum Besten gibt? Was fragt man jemand, der einen schon unzählige Male zum Lachen und Weinen gebracht hat, und den man dennoch noch nie getroffen hat?
Sven Regener als Aushängeschild von Element of Crime ist für viele Thema. Ob jetzt seine Songtexte in Literaturvorlesungen rezensiert werden oder ob frustrierte Werbe-Medien-Sonstwas-Menschen bei bekifften Abenden stundenlang an seinen Lippen hängen. "Frischgeduschte Augen löffeln jeden Tag aus Satellitenschüsseln das Leben ihrer Wahl" für die Freunde der Sprache, "Ich laufe wie ein Trottel durch die Straßen, und du bist bist gar nicht da" für die Freunde des Selbstmitleids. Jeder Liebhaber von Pathos und Schwermütigkeit wird von Element of Crime versorgt werden. Versorgt mit Textfetzen, die einen weiteren Tag ein frostig-zynisches Lächeln zum verkorksten Leben aufs Gesicht zaubern. Anstatt durchzuknallen. Und das ist ja auch schon was wert.
Noch wenig Zeit, und ich weiss noch immer nicht was ich Sven fragen soll.
Ach egal, ich erzähl Euch jetzt einfach mal vom Buch, irgendwas ergibt sich dann immer...
 
 
 
Herr Lehmann...
  kann es eigentlich gar nicht leiden von allen Freunden "Herr Lehmann" genannt zu werden. Ist ja auch sowieso eine Unsitte "Herr" und "Du" zu koppeln. Doch Herr Lehmann regt sich nicht groß drüber auf, bringt ja auch nix. Herr Lehmann arbeitet in einer Bar in Berlin-Kreuzberg, hasst frühstückende Menschen und Freibäder und hält die Einführung von 0,5 Liter Bierflaschen an Bars für eines der schändlichsten Verbrechen überhaupt.
Doch Herr Lehmann sitzt das aus. Herr Lehmann sitzt alles aus. Die folgende Leseprobe ist eine Anleitung zum Aussitzen:

 
 

Dann sah er den Hund. Herr Lehmann kannte sich mit Hunderassen nicht aus, aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass man so ein Tier mit Absicht züchtete. Der Hund hatte einen großen Kopf mit einer mächtigen, sabbernden Schnauze und zwei großen, lappigen Ohren, die links und rechts herunterhingen wie zwei welke Salatblätter. Sein Rumpf war fett, und sein Rücken so breit, daß man darauf eine Flasche Whisky hätte abstellen können, seine Beine waren dagegen unverhältnismäßig dünn, sie ragten aus dem Körper heraus wie abgebrochene Bleistifte. Herr Lehmann, der es nicht übermäßig witzig fand, dass man ihn jetzt so nannte, hatte noch nie so ein hässliches Tier gesehen. Er erschrak und blieb stehen. Er traute Hunden nicht. Und der Hund knurrte ihn an.
Jetzt bloß nichts falsch machen, dachte Herr Lehmann, der andererseits auch keinen Sinn darin sah, sich wegen einer albernen Anrede groß aufzuregen, immer fest in die Augen schauen, das schüchtert sie ein, dachte er und konzentrierte seinen Blick auf die beiden schwarzen, blanken Löcher im Schädel seines Gegenübers. Der Hund zog im Rythmus seines Knurrens die Lefzen hoch und runter und starrte zurück. Sie hatten etwa drei Schritte Abstand voneinander, der Hund bewegte sich nicht, und Herr Lehmann bewegte sich auch nicht.
 
 
 
  Diese seitenlange Szene endet schlussendlich damit, dass Herr Lehmann eine Flasche Whisky im Mantel findet, sich am Boden setzt und besäuft. Bis er dann auf die glorreiche Idee kommt, den fetten Hund mit Schnaps zu zähmen. Es gelingt. Als der besinnungslose Hund schließlich den stundenlangen Freiheitsentzug aufgibt, kommt die Polizei und zeigt Herrn Lehmann wegen Tierquälerei an.

Überhaupt ist diese Stelle symptomatisch für einen, der im Mikrokosmos Kreuzberg (und in Wahrheit sprechen wir da auch nur von einem Bezirk) nur eines will: Ein möglichst unaufgeregtes Leben führen. Er wird bald dreißig, kümmert sich nicht groß um Dinge wie Musik oder Kunst und liebt seinen Job in der Bar. Als er gefragt wird, ob dieses "Dahinwursteln" denn ein Lebensinhalt sei, meint er: "Was willst Du damit sagen, Lebensinhalt? Ist das Leben ein Glas oder irgendein Behälter, in den man was hineinfüllt, etwas hineinfüllen muss sogar, denn irgendwie scheint sich ja die ganze Welt einig zu sein, dass man so etwas wie einen Lebensinhalt unbedingt braucht. Ist das Leben so? Nur ein Behältnis für was anderes? Ein Fass vielleicht? Oder eine Kotztüte?"

 
 
  Im Verlauf der Geschichte passieren dann dennoch viele Dinge, die Herrn Lehmann aus seiner Welt reißen. Einer Welt, die vielleicht größer ist als sie scheint, und für Herrn Lehmann sowieso groß genug ist. Er verliebt sich, die Beziehung zerbricht und ganz zum Schluss fällt auch noch die Berliner Mauer. Um jetzt nicht zuviel vorwegzunehmen möchte ich an dieser Stelle die Buchbesprechung mit der Kritik von Marcel Reich-Ranicky schließen: "Alles in allem liest sich die Inhaltsangabe dieses Romans ziemlich furchtbar. Die ersten Seiten habe ich mir gedacht, was habe ich verbrochen, mich mit dieser Art "Literatur" beschäftigen zu müssen. Doch dann habe ich gelacht. Herzlich gelacht. Und ich lache nie unter meinem Niveau. Es ist also ein niveauvolles Buch."
Nun, ich habe gelacht und geweint.
Aber vielleicht muss das bei Sven Regener so sein.

 
 
Nachtrag
  Mittlerweile habe ich mit Sven Regener telefoniert. Als ich ihm erzähle, ich sei ein wenig nervös, da ich nicht unbedingt der große Literaturkritiker bin, meint er, kein Problem, er sei auch nicht der große Literat.
Klingt alles sehr sympatisch.
Und irgendwie hat sich dann wirklich alles ergeben.
Für mein Interview und für Herrn Lehmann.
 
 
 
  Sven Regener, Herr Lehmann. 298 Seiten. Erschienen im Eichborn Verlag, Berlin.
 
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