Ein Sommertag in Chiswick, einer aus unerfindlichen Gründen in den Siebzigern von Rockstars und Fernsehmoderatoren besiedelten Westlondoner Vorstadt mitten unter der Heathrowschen Einflugschneise mit jeder Menge mittelteurer Wine Bars und blühenden Büschen in den Vorgärten. Vor dem ziemlich stylischen Hauptquartier der Plattenfirma Independiente parkt ein schwarzer People Carrier mit verdunkelten Scheiben und Arsenal-Maskottchen am Rückspiegel, dem ein paar Männer in Hip Hop-Kleidung entsteigen. Ein kontinentaler Musikjournalist drängt sich an ihnen vorbei durch die Tür, stellt sich der Rezeptionistin vor und landet schließlich auf derselben ledernen Wartecouch wie beschriebene Männer. Eine Frau mit Fragebogen nähert sich und beginnt, beschriebene Männer über ihre Aktivitäten, Lyrics und dergleichen auszufragen. Journalistin kann sie keine sein, denn die Natur des Gesprächs verrät komplexere hierarchische Verhältnisse. Beschriebene Männer schwanken in ihren Antworten zwischen halbherzig ausgestoßenen Phrasen ("It's a kind of wake-up call, knowwha'amsayin'") und um Worte ringender Verlegenheit, Frau mit Fragebogen sucht ihrerseits nach freundlich formlosen Floskeln, um die Zungen beschriebener Männer zu lösen ("That's brilliant. Anything else?").
Nach ein paar Minuten stellt sich heraus: Beschriebene Männer gehören zur So Solid Crew, und Frau mit Fragebogen sammelt Infos für ihre Pressemappe.
Ein nicht unbefriedigendes Erlebnis, jene vermeintlichen Meister der arroganten Selbstinszenierung (die sich nämlich in Wahrheit gar nicht selbst inszenieren, sondern bloß inszenieren lassen) einmal so unbedarft und hillflos zu sehen, denke ich mir, während ich von einer Assistentin in den ersten Stock gelotst werde. Dann sitzt mir Martina Topley-Bird in ihrer himmelblauen Mütze gegenüber, und mit einem Mal ist mein ganzer Zynismus wieder wie weggeblasen. Keine Ahnung, wie sie das macht, aber wer sich ihr Soloalbum "Quixotic" anhört, kann den Effekt nachempfinden. Funktioniert jedes Mal.
Nein, ich will hier jetzt keine dubiosen esoterischen Thesen über weibliche Spiritualität ablassen, ganz im Gegenteil: Martina Topley-Bird hat zwar das Talent, auf völlig unzudringliche Weise eine sehr direkte Intimität zu vermitteln - solo noch weit mehr, als ihr das damals in den Neunzigern bei Tricky erlaubt war - aber diese emotional involvierende Ebene entspringt paradoxerweise ihrem rational analytischen Zugang zu zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie sagt das besser:
"The notion of romantic love can be very impractical, and it's interesting that it's endured as a noble thing, because there's not a traditional application of 'Do two people work together?'. It's a case of people being attracted to each others' neuroses and then having some kind of chemical imbalance and going 'Wa-hey, we're in love', and then all carnage ensues afterwards, but I still think it's one of the endearing things about humans."
Die Menschen auf "Quixotic" sind allerdings nicht liebenswert im herkömmlichen Sinn. Da wäre etwa die erste Person Singular aus "Lying", die im Morgenmantel der Freundin der zweiten Person Singular herumläuft (den Rest können wir uns denken). Und dann ist da noch "Sandpaper Kisses", eine von nahöstlichen Modulationen umschmeichelte Melodie mit dem gerade wegen des wertfreien Tonfalls umso treffenderen Refrain "You're gonna leave her, you have deceived her".
"If something sounds too sweet, you darken the meaning of the song", sagt Martina. Dass der Tricksmeister persönlich sein Hüsteln zu "Ragga" beisteuert, verstärkt den Effekt.
Die Frage, ob ihrem Beitrag zu Trickys Frühwerk nicht immer die nötige Anerkennung gezollt wurde, stellt sich für Martina nicht mehr: "The way it may have been portrayed then was not really of interest to me. I just wanted to have my vocals at work out there. That in turn did affect people's traditional way of perceiving us as a group. I feel much less uncomfortable with it now. You know, we have an ongoing relationship which is obviously personal and private because we are family. But also we have an affinity that just works. I was shocked when I stopped working with him that I just didn't find that automatically, instantly elsewhere."
In der Zwischenzeit scheint sie aber doch eine Menge verwandter Seelen gefunden zu haben, von David Arnold, der ein paar seiner Trademark-gerechten Streicherarrangements beisteuert, über David Holmes, Starseed Alex McGowan, sowie Josh Homme und Mark Lanegan von bzw. aus dem Umkreis der Queens of the Stone Age bis zu Martinas Stiefbruder Nick Bird.
"Quixotic" ist so vielseitig (siehe Hookmix), wie das diese prominente Liste von Mitarbeitern erwarten ließe, aber wer eine strategisch positionierte Produktion der Marke Trip Hop-Diva erwartet hätte, kennt Martina sowieso schlecht: "If there's a path laid out for you, you have to question if that's what you really want to do."