Bevor wir beginnen, eine kleine Erklärung: In den letzten Wochen liefen in der Homebase unseres Muttersenders - aus Anlass der Ausstellung "Go Johnny Go" in der Wiener Kunsthalle - täglich kleine Beiträge unter dem Titel "Electric Moments", verfasst von meiner Geringfügigkeit, gesprochen von Mirjam Unger, klanglich umgesetzt von Karl Schmoll und den Soundkadetten von der FM4-Produktionsabteilung. Worum es dabei ging, hab ich schon einmal erklärt (bitte hier nachlesen). Nur eins sei noch einmal klargestellt: Electric Moments ist keine Bestenliste, sondern eine willkürliche Zusammenstellung rein subjektiv ausgewählter Momente des Gebrauchs elektrischer Gitarren auf fm4-kompatible Weise. Kommentare der Marke "Wo bleibt der Jazz?" oder "Was... kein Jimmy Page?" erübrigen sich daher schon im Vorhinein.
Mit dem heutigen Tag wird in der Homebase die dreiundzwanzigste und letzte Folge der Electric Moments laufen. Aus der hübschen Idee, die ganze Serie auf eine CD zu pressen und ein Büchlein mit den Manuskripten dazu zu legen, wird leider nichts. Dazu ist die rechtliche Situation bezüglich all der verwendeten Musikfutzel viel zu kompliziert - und das Gleiche gilt leider auch für eine Veröffentlichung der Soundfiles auf unserer Homepage.
Also hab ich mich dazu entschlossen, die Manuskripte mit in Kursivschrift angeführten Hinweisen auf die verwendeten Hörbeispiele zu versehen, um euch wenigstens die Möglichkeit zum selbständigen Nachhören der Referenzen zu geben.
Jeden Tag werden zwei dieser Manuskripte hier erscheinen.
In Sachen Sendeterminen haben die KollegInnen in Wien an meiner ohnehin arbiträr geordneten Liste ein bisschen herumgewürfelt, aber ich halte mich hier an meine ursprüngliche Reihenfolge. Die da wäre:
1) The Smiths: "Bigmouth Strikes Again", Gitarre: Johnny Marr
2) Sex Pistols: "Anarchy In The UK", Gitarre: Steve Jones
3) James Brown: "Get Up (I Feel Like Being a Sex Machine)", Gitarre: Phelps "Catfish" Collins
4) David Bowie: "Heroes", Gitarre: Robert Fripp
5) Dick Dale & The Deltones: "Miserlou", Gitarre: Dick Dale
6) The Breeders: "Cannonball", Gitarren: Kim Deal, Kelley Deal
7) The Kinks: "You Really Got Me", Gitarren: Ray & Dave Davies
8) Nirvana: "Smells Like Teen Spirit", Gitarre: Kurt Cobain
9) The Beatles: "Helter Skelter", Gitarren: Paul McCartney, John Lennon, George Harrison
10) Bo Diddley, "Hey Bo Diddley", Gitarren: Bo Diddley & Lady Bo
11) The Stooges, "I Wanna Be Your Dog", Gitarre: Ron Asheton
12) Television, "Marquee Moon", Gitarren: Tom Verlaine, Richard Lloyd
13) The Who, "My Generation", Gitarre: Pete Townshend
14) Sonic Youth, "Expressway To Yr Skull", Gitarren: Lee Ranaldo, Thurston Moore, Kim Gordon
15) The Jimi Hendrix Experience: "Manic Depression", Gitarre: Jimi Hendrix
16) Radiohead: "Creep", Gitarren: Jonny Greenwood, Ed O'Brien, Thom Yorke
17) Booker T & The MGs, "Green Onions", Gitarre: Steve Cropper
18) The Byrds, "Eight Miles High", Gitarren: Roger McGuinn, David Crosby
19) Blur: "Song 2", Gitarre: Graham Coxon
20) Neil Young, "Cinnamon Girl"
21) My Bloody Valentine, "Only Shallow", Gitarren: Kevin Shields, Bilinda Butcher
22) Can "Oh yeah", Gitarre: Michael Karoli
23) Bob Dylan, "Like A Rolling Stone" live in Manchester 1966, Gitarren: Bob Dylan, Robbie Robertson
Wie ihr bemerken werdet, wurden meine Manuskripte mit der Zeit immer länger, weil ich mich immer frecher über das knappe, vereinbarte Format hinweg setzte. Recht so. Und damit gleich zur ersten, bei weitem knappsten Portion:
The Smiths: "Bigmouth Strikes Again", Gitarre: Johnny Marr
Mitte der Neunzehnachtziger Jahre bewies Johnny Marr, dass man auch ein Gitarrenheld werden kann, ohne Soli zu spielen. Wir sind ihm noch heute dafür dankbar.
The Smiths: Oscillate Wildly
Wenn die Songs der Smiths so klangen, als würde Sänger Morrissey seine sarkastisch poetischen Texte einfach über Johnny Marrs elegante Gitarrenfiguren jodeln, dann lag das wohl daran, dass sie auch tatsächlich genauso entstanden. Ein Instrumental wie "Oscillate Wildly" bewies, dass Johnny Marr die bestimmende musikalische Kraft in der Band war. Er selbst sagt, dass sein Gitarrenstil stark von den dünnen Wänden der Wohnung seiner Eltern in Manchester beeinflusst war. In Johnnys Zimmer saßen seine Kifferfreunde und hörten Neil Young, im Zimmer nebenan machten sich die Freundinnen seiner Schwester fertig für die Disco. Und ihr Lieblingssoundtrack dazu waren die funkigen Grooves von Chic.
Neil Young: "Hey Hey My My" Chic: "Le Freak"
Johnny Marr
Johnny Marr war von beiden dieser Einflüsse gleichermaßen beeindruckt. Auf der einen Seite die elegischen Moll-Akkorde des Neil Young und auf der anderen die mathematische Funk-Präzision des Chic-Gitarristen Nile Rodgers. Johnny beschloss, beide Spielweisen zu kombinieren. Und daraus entstand dann ein Sound, der das Vokabular der Pop-Gitarre um eine ganze Dimension erweitern sollte.
The Smiths: "Bigmouth Strikes Again"
(Anm: On air wurde "What Difference Does It Make?" gespielt. Im Nachhinein finde ich aber, dass "Bigmouth" die beschriebene Fusion aus Rodgers und Young besser illustriert.)
Sex Pistols: "Anarchy In The UK", Gitarre: Steve Jones
Es ist ein romantischer Mythos, an dem wir alle sehr hängen: Die Punkbands stahlen sich ihre Gitarren, lernten in einer Woche drei Akkorde und bewiesen, dass ein jeder, der will, auch kann.
Im Fall der quintessentiellen Punkband, der Sex Pistols, ist nur die erste Hälfte dieses Mythos wahr. Ihr Manager Malcolm McLaren hatte Sylvain Sylvain von den New York Dolls dessen weiße Gibson Les Paul entwendet, sie zurück nach London mitgenommen und Sex Pistols-Gitarrist Steve Jones überantwortet.
New York Dolls: "Personality Crisis"
Was der damit machte, war allerdings alles andere als dilletantisch. Jones spielte die simpelsten Riffs unter der Sonne, aber er spielte sie mit einer ungeheuren Präzision, die in krassem Widerspruch zum anarchischen Image seiner Band stand.
Steve Jones mit "seiner" weißen Les Paul
Sex Pistols: "Anarchy In The UK"
Dieser Song, "Anarchy In The UK" stammt von "Never Mind The Bollocks", dem einzigen ordentlichen Album der Pistols. Zum Zeitpunkt der Aufnahmen hatte die Band keinen Bassisten (Glen Matlock war gefeuert), und Steve Jones nahm Bass und Gitarren hintereinander auf. Mit seiner weißen Les Paul türmte er Spur um Spur identischer Parts übereinander, immer exakt im selben Timing, immer mit derselben Phrasierung, genau im Einklang mit Paul Cooks Schlagzeug. Der Sound der Pistols war also gerade deshalb so druckvoll, weil er von einer disziplinierten, minimalen Zweimannband erzeugt wurde. Und Johnny Rotten? Der brauchte nur noch drüberzurotzen.