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London/Canterbury | 21.12.2003 | 07:00 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Elektrische Momente 7&8
  (Die Online-Version der ausgelaufenen Homebase-Serie zum Nachlesen)
 
 
 
The Kinks: You Really Got Me, Gitarren: Ray & Dave Davies
  Wie sagte doch Dave Davies von den Kinks?

"Es hieß noch nicht Heavy Metal, als ich es erfand."

The Kinks: "You Really Got Me"

Hobbygitarristen werden bestätigen: Das Riff von "You Really Got Me" ist alles andere als sophisticated. Die Greifhand rutscht zwischen zwei Barree-Akkorden hin und her, bis sich der Daumen verkrampft. Und mehr braucht die Welt auch gar nicht.

Eigentlich war es nicht Lead-Gitarrist Dave Davies, sondern sein großer Bruder Ray Davies, der dieses Riff erfand, und zwar nicht auf der Gitarre, sondern am Klavier seiner Eltern im lauschigen Londoner Vorort Muswell Hill. Die Nummer entstand als gesetzter Blues-Song, aber auf ihrem Weg ins Studio nahm sie wesentlich aggressivere Formen an. Und das hatte nicht nur mit den Stricknadeln zu tun, die Dave Davies in den Lautsprecher seines kleinen grünen Verstärkers steckte, um einen möglichst dreckigeren Sound zu erzielen.

 Dave Davies
 
 
  Als die Kinks "You Really Got Me" einspielten, ging es um ihre letzte Chance. Wenn ihre dritte Single gefloppt wäre, hätte das das sichere Ende ihrer Karriere bedeutet. Ray Davies war von einer ersten Aufnahme des Songs nicht überzeugt. Der damals gerade Achtzehnjährige ging zu seinem Musikverleger und ließ ihn die Veröffentlichung des Songs blockieren. Nur so konnte er Produzent Shel Talmy dazu zwingen, die Nummer noch einmal aufzunehmen. Ein skeptischer Talmy lenkte ein und gab den Kinks nur eine Studio-Session, um es besser zu machen. Die Band spielte förmlich um ihre Existenz. Und das hört man auch. Beim entscheidenden letzten Take grinste Dave Davies seinen großen Bruder frech an und warf sich in das rücksichtsloseste, riskanteste aller möglichen Gitarrensoli. Und laut Ray Davies kann man, wenn man ganz genau hinhört, gerade noch ausmachen, wie er dem frechen Dave kurz davor ein herzhaftes "Fuck Off" entgegenbrüllt.
 
 
 
Nirvana: Smells Like Teen Spirit, Gitarre: Kurt Cobain
  Alles war nur ein Missverständnis, von Anfang an.

Nirvana: "Smells Like Teen Spirit"
(vgl: The Monkees: "I'm Not Your Stepping Stone"

Wow, sagten die Leute von MTV, als diese Gitarrenwände über sie hereinbrachen. Das rockt aber wirklich. Das setzen wir auf volle Rotation.

Und die Nummer lief und lief, bis sich diese vier Akkorde permanent in die Hirnrinde einer ganzen Generation gebrannt hatten. Nicht zuletzt dank dieser vier Akkorde wurden Nirvana und Kurt Cobain zum Symbol einer neuen Rock-Rebellion. Dabei ist gerade "Smells Like Teen Spirit" das beste Beispiel dafür, wie weit sich der Sound einer Gitarrenband von einem Produzenten manipulieren lässt.

 Kurt Cobain
 
 
  Als Kurt Cobain mit Produzent Butch Vig ins Studio ging, soll er zu ihm gesagt haben: "Ich will, dass unsere Platte langsamer und härter klingt als Black Sabbath. Dreh alle Höhenregler ab."

Black Sabbath: "Black Sabbath"

Als die Platte dann fertig war, fand ein unglücklicher Cobain, sie klänge mehr Mötley Crüe.

Mötley Crüe: "Girls Girls Girls" (Was Kurt nicht wissen konnte, war dass die Realität seinen Sarkasmus zumindest teilweise einholen sollte: Im Jahr 2000 sprang Hole-Schlagzeugerin Samantha Maloney auf einer Tournee für den erkrankten Mötley Crüe-Drummer ein. "It is a great moment in the history of rock when Samantha Maloney gets to play 'Girls Girls Girls' with Mötley Crüe," war der Kommentar von Hole-Frontfrau und Cobain-Witwe Courtney Love.)
 
 
 
  Doch das alte Paradoxon an Nirvana ist eben, dass sie ohne Butch Vigs technologisch ausgefeilte, bombastische Produktion und seinen Trick, Kurt verschiedene Gitarren-Takes aufnehmen zu lassen, die er dann dem vollen Breitwand-Effekt zuliebe übereinander schichtete, nie die gleiche weltverändernde Wirkung erzielt hätten. in anderen Worten: Dass all die Kids sich nicht mit Kurts Widerstand gegen den eigenen Sell-Out identifizieren hätten können, hätte Butch Vig Cobains Visionen zuvor nicht in massenkompatible Form gebracht. Hätte er nicht sichergestellt, dass dieser Song genauso sicher die Zielgruppe trifft wie die Parfümmarke, nach der Kurt ihn benannt hatte: Teen Spirit.
 
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