(Die Online-Version der ausgelaufenen Homebase-Serie zum Nachlesen)
The Stooges, I Wanna Be Your Dog, Gitarre: Ron Asheton
The Stooges: "1969"
"Well it's 1969 ok, war across the USA"
Es ist 1969, überall in den USA herrscht Krieg, stellt James Osterberg alias Iggy Pop fest, bloß hieß er damals noch nicht Pop, sondern Iggy Stooge, so wie seine Band, The Stooges.
1969 mag das Jahr gewesen sein, als Woodstock den Flower Power zum globalen Konsumartikel machte. Doch schon an seinem Höhepunkt roch der Hippie-Traum bereits schwer nach Verwesung. Die Stooges hatten mit Blumen und Frieden nie viel am Hut, sie waren eine Punkband nach allen Regeln der damals noch nicht erfundenen Definition. Und dass sie so anders klangen als der Rest, hatte seine guten Gründe. Schließlich kamen die Stooges aus dem Herz der amerikanischen Automobilindustrie, der Motor City Detroit.
Ron Asheton
Martha & The Vandellas: "Motorin'"
In den mittleren Sechzigern war Detroit nicht nur ein Zentrum des Autobaus, sondern auch eine der Welthauptstädte der Popmusik gewesen. Denn dort kam der elegant eskapistische Soul des Tamla Motown-Labels her.
Bloß stand die schillernde Oberfläche des Motown-Glamour in immer krasserem Gegensatz zum sozialen Klima in der großteils verwahrlosten Industriestadt, wo eine institutionell rassistische Polizei die wachsende Unzufriedenheit in der diskriminierten schwarzen Community mit Gewalt zu unterdrücken versuchte. Nach einer rassistischen Razzia zuviel brachen 1967 die Riots von Detroit aus. In den Straßenkämpfen zwischen schwarzen Detroitern auf der einen, Militär und Polizei auf der anderen Seite, kamen 43 Menschen ums Leben.
Marvin Gaye: "Inner City Blues"
Nach den Riots flüchtete die weiße Mittelklasse ins Weite der Vororte, aber die Freaks unter den weißen Kids suchten nach neuen Wegen, um ihrem Zorn gegen die Staatsmacht Luft zu machen. Als brüderlich linksradikales Gegenstück zu den Black Panthers rief John Sinclair die White Panther Party ins Leben. Deren Hausband war eine lärmige Detroiter Proto-Punk-Gruppe namens MC5.
MC5: "Kick Out The Jams"
Wenn MC5 die politisch gepolten Vorreiter waren, dann waren die Stooges eine nihilistische Spaßguerilla, die ihnen mit donnernden Hufen hinterherritt.
Als die Stooges 1969 mit dem gerade aus The Velvet Underground ausgestiegenen John Cale ins Studio gingen, mussten sie den Großteil ihrer Songs erst schreiben. Zuvor hatte es gereicht, einfach Lärm zu machen. Der an Cales erste Produktion gestellte Auftrag der Plattenfirma war, den Sound der Stooges airplay-tauglich zu machen. Cale scheiterte an dieser Vorgabe auf grandiose Weise.
The Stooges: "No Fun"
Doch es war ein besonders primitiver Track, der der nie gehörten Brutalität im Sound des Stooges-Gitarristen Ron Asheton freien Lauf ließ. Er bestand aus zwei brachial herausgehämmterten, übersteuerten Riffs, begleitet von nachlässig mitschwingenden freien Saiten, und sprach aus, was Iggys Lederhalsband über dem nackten Oberkörper versprach: "Ich will dein Hund sein."
The Stooges: "I Wanna Be Your Dog"
Television, "Marquee Moon", Gitarristen: Tom Verlaine, Richard Lloyd
Wir könnten uns mit dem Formellen aufhalten: Mit der im Nachhinein so absurd unerheblich erscheinenden Tatsache, dass diese Band sich einst vorwerfen lassen musste, keine echte Punkband zu sein.
Television: "Elevation"
Was dagegen sprach? Sie spielten zutiefst vertrackte Gitarrenläufe, noch dazu praktisch unverzerrt, und sie hatten Songs mit ausgedehnten Jams hintendran, die live gut und gern eine halbe Stunde dauern konnten.
Dafür sprach wiederum, dass sie aus derselben Szene rund um den authentischen New Yorker Punk-Club CBGB's kamen wie etwa die Ramones, Blondie und die Talking Heads. Abgesehen davon kochten Television aber ihre eigene Suppe.
Richard Lloyd, Tom Verlaine
Television: "Friction"
Ihr Sänger nannte sich nicht etwa Rotten oder Vicious, sondern nach einem französischen Dichter: Verlaine. So wie sein schriller Gesang, lebte Tom Verlaines Gitarrenspiel von der schieren Waghalsigkeit seiner Intonation. Seine endlosen dramatischen Melodie-Bögen hoben sich vom üblichen Genudel der in ihren eingelernten Skalen gefangenen Rockgitarristen meilenweit ab. Verlaines Ex-Freundin Patti Smith verglich seine Soli mit dem "Schreien tausender Vögel".
(siehe die vogelgesangsartigen Zerlegungen am Schluss des Solos von "Marquee Moon")
Aber Tom Verlaine war nicht der einzige, der bei Television für elektrische Momente sorgte. Neben ihm spielte der technisch ebenbürtige, aber diszipliniertere Richard Lloyd die beinahe gleichberechtigte zweite Gitarre. Auf dem Cover ihres Debüt-Albums "Marquee Moon" war sogar verzeichnet, wer von den beiden jeweils welches Solo spielte. Nicht unbedingt das coolste, was eine Punkband 1977 hätte machen können.
Television: "See No Evil"
Television sind die Band, die selbst eingefleischte Indie-Kids veranlasst, ihre instinktive Abneigung gegen den Gute-Musiker-Kult noch einmal zu überdenken. Sogar Strokes-Fans werden zugeben, dass da - trotz all der ständigen Vergleiche zwischen ihrer Lieblingsband und Television - doch ein unleugbarer Unterschied in Sachen Sophistication besteht. Und auch ein erfolgreicher Verlaine-Epigone wie Stephen Malkmus darf sich noch ein bisschen mehr bemühen.
Das unübertroffene Monument der zweistimmigen Grazie der Gitarren von Television ist und bleibt jedenfalls der Titelsong ihres ersten Albums: "Marquee Moon". Das erste Solo gehört übrigens Richard Lloyd, das zweite Tom Verlaine.
Television: "Marquee Moon"
PS: jetzt erhältlich als wunderbar klingendes Remaster