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London/Canterbury | 24.12.2003 | 07:00 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Elektrische Momente 13&14
  (Die Online-Version der ausgelaufenen Homebase-Serie zum Nachlesen)
 
 
 
The Who, "My Generation", Gitarre: Pete Townshend
  Es ist der Frühling 1965, unter der Aufsicht des Produzenten Shel Talmy steht eine rotzige junge Band in einem Londoner Studio und improvisiert herum. Die Bandmaschine läuft. Während Sänger Roger Daltrey Däumchen dreht, erzeugen Pete Townshend an der Gitarre, Keith Moon am Schlagzeug, John Entwistle am Bass und der Session-Pianist Nicky Hopkins so viel Krach wie möglich.

The Who: "The Ox"

Oberflächlich betrachtet, ist das alles nur ein Haufen improvisierter Lärm. Aber sein Zustandekommen ist alles Andere als zufällig. Konzentrieren wir uns einmal auf den neunzehnjährigen Gitarristen. Pete hat gerade erst die Kunstschule verlassen, um sich auf seinen Job als angehender Popmusiker zu konzentrieren. Aber das Kunststudium war nicht umsonst. In einem Vortrag sah Pete, wie sein Lehrer, ein Österreicher namens Gustav Metzger, im Namen der autodestruktiven Kunst einen Kontrabass zerschlug. Als Pete eines Abends bei einem Auftritt in einem Londoner Pub irrtümlich seine Gitarre beschädigt, erinnert er sich an Metzger und zertrümmert sein Instrument. Er wird es wieder und wieder tun, und er wird damit als einer der Allerersten aktiv Ausdrucksformen der zeitgenössischen Kunst in den Pop übernehmen. So ist eine der scheinbar stumpfsinnigsten Gesten der gerade erst entstehenden Rockmusik gleichzeitig eine ihrer intellektuellsten.

 Ein junger Townshend und sein maßgefertigter Marshall-Turm
 
 
  The Who: "The Kids Are Alright"

Townshend hat Metzgers Zerstörungsidee zwei wesentliche Elemente hinzuzufügen: Zunächst verpackt er sie ihn zugängliche Popsongs wie "The Kids Are Alright", Hymnen an eine neue Generation selbstbewusster Teenager. Vor allem aber dramatisiert er seine Momente des Zorns und der Zerstörung mit einem noch nie da gewesenen Sound.

Der Londoner Schlagzeuger und Musikhändler Jim Marshall hat für Pete, den Sohn seines ehemaligen Bandkollegen Cliff Townshend (Saxophonist der Militär-Big Band The Squadronnaires), auf dessen speziellen Wunsch einen 100 Watt starken Verstärker mit zwei großen Boxen gebaut, die sich zu einem mannshohen Turm stapeln lassen. Sämtliche Rockgitarristen der Welt werden später einmal über so einen Verstärker spielen, aber irgendjemand musste ihn erst einmal erträumen: Das war der junge Pete. Und irgendjemand musste diesem Traum realisieren: Das waren die Techniker in Marshalls Werkstätte. Shel

Talmy, der Produzent, war wiederum klug genug, es dem neunzehnjährigen Gitarristen mit der langen Nase zu erlauben, sich mit diesem Monster in sein Studio zu stellen und ein nie zuvor gehörtes Gewitter chaotischer Rückkopplungen zu erzeugen.

The Who: "My Generation"
(Achtung: Wer sich die Deluxe-Version des Albums zulegt, sollte sich an die Mono-Version halten. Der Stereo-Version fehlen wichtige, unreproduzierbare Overdubs, die Townshend direkt aufs Mono-Masterband spielte)
 
 
 
Sonic Youth, "Expressway To Yr Skull", Gitarristen: Lee Ranaldo, Thurston Moore, Kim Gordon
  Die ungewöhnlich gestimmten Gitarren, die flirrenden Obertöne, die abgedämpften Achteln als Androhung der jederzeit möglichen, plötzlichen Lärm-Explosion, mit Drumsticks auf die Saiten klopfen, unterhalb der Brücke anschlagen, das alles sind Trademarks, von vielen Bands geliehen, von einer erfunden und etabliert: Sonic Youth.

Sonic Youth, "Bull In The Heather"

Als sie Mitte der Neunziger diese Single namens "Bull In The Heather" veröffentlichten, waren Sonic Youth schon lange keine "klingende Jugend" mehr, sondern verkörperten das im Titel des zugehörigen Albums so schön formulierte Paradoxon des "Experimental Jet Set". Heute werden die ergrauten Eminenzen der New Yorker Downtown-Szene immer noch zur Avantgarde gezählt, auch wenn der Begriff selbst längst ins Museum gehört. Aber Sonic Youth scheinen das gar nicht zu verleugnen, schließlich haben sie begeistert und bereitwillig historische Exponate aus ihrer Bandgeschichte zur Ausstellung "Go Johnny Go" in der Wiener Kunsthalle beigesteuert.

 Thurston Moore
 
 
  Glenn Branca: "Symphony#1"

Diese Geschichte reicht mittlerweile schon über zwei Jahrzehnte zurück. 1981 erschien die "Symphony#1 - Tonal Plexus" für Gitarren, Keyboards, Blasmusik und Percussion, das Werk des aus der New Yorker "No Wave"-Szene der späten Siebziger kommenden Glenn Branca.

Unter den Gitarristen, die hier Brancas Vision lautstark umsetzten, befanden sich der junge Thurston Moore und Lee Ranaldo, die gemeinsam mit Kim Gordon als Sonic Youth die Ästhetik der E-Gitarre für immer verändern sollten.
 
 
 
  "Branca gelingt es, die sogenannten bösen sexuellen Mächte der Rockmusik in ihrem primitiven Zustand in eine Form des Widerstands zu verwandeln." Das sagte Kim Gordon 1983, als die Sonic Youth-Platten "Confusion is sex" und "Kill Yr Idols" auf Brancas Label "Neutral" erschienen.
 
 
 
  Sonic Youth: "Teenage Riot"

Nach ihrem 1990 unterschriebenen Major-Label-Deal fiel es wohl schwer, Sonic Youth länger als Verkörperung dieses von Gordon beschriebenen Widerstands zu betrachten. Aber Ranaldo, Gordon und vor allem der schlaksige Riese Thurston Moore haben nie aufgehört, die Gitarre anders als die anderen zu behandeln. Sie sind mehr abstrakte Künstler als schöngeistige Musiker, wahre Soundfetischisten mit einer eingebauten Verachtung für straighte Akkorde. Die vertrackten offenen Stimmungen ihrer Gitarren sind der Alptraum jedes Gitarrenroadies. Und kein geringerer als Neil Young bezeichnete einen ihrer Songs als eine der größten Gitarrennummern überhaupt:

Sonic Youth: "Expressway To Yr Skull"
 
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