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London/Canterbury | 25.12.2003 | 07:00 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Elektrische Momente 15&16
  (Die Online-Version der ausgelaufenen Homebase-Serie zum Nachlesen)
 
 
 
The Jimi Hendrix Experience: "Manic Depression", Gitarre: Jimi Hendrix
  The Jimi Hendrix Experience: "Wild Thing" (BBC Radio Session)

Der Mythos Hendrix ist das Abbild der klassischen Fabel vom kolonialistischen Wohltäter, der den edlen Wilden zähmt: Chas Chandler von den Animals begab sich auf Empfehlung einer Bekannten ins Café Wha? im New Yorker Greenwich Village, sah die Band auf der Bühne, schnappte sich den Gitarristen und verschleppte ihn nach London, um einen Star aus ihm zu machen.

Dort angekommen, stellte er den ehemaligen Fallschirmspringer der US Army seinen prominenten Musikerkollegen vor. Hendrix bekam seine Backing Band und seine Marshall-Verstärker. Der Linkshänder ging auf die Bühne und zeigte den zahmen englischen Kollegen, wie man eine Stratocaster verkehrt herum zum Jaulen bringt.

 Jimi Hendrix
 
 
  The Jimi Hendrix Experience: "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" (Live 1967)

Solange er noch einen klaren Kopf hatte, nützte und manipulierte Hendrix sein Image: Diesen grenzrassistischen Mythos des animalischen, sexuell aufgeladenen Freaks, der zügellos seinen musikalischen Instinkten folgt. Eine dazu passende Legende sagt etwa, Hendrix habe nichts von Noten verstanden und nur nach Gehör gespielt.
 
 
 
  The Jimi Hendrix Experience: "The Wind Cries Mary"

Gut möglich, aber völlig unerheblich. Notenlesen konnten auch die Beatles nicht. Wer je begonnen hat, Gitarre zu spielen, weiß, dass ein Griffbrett so was wie sein eigenes Notensystem darstellt. Hendrix' Stärke lag in seinem tatsächlich unnachahmlichen Sound, im scheinbar so nachlässigen Spiel der gleichzeitig so starken und butterweichen Finger seiner rechten Greifhand. Er verwendete Feedback, aber auf kontrolliertere, melodiösere Weise als seine Zeitgenossen. Nicht zuletzt dank seiner Schwäche für ausgeklügelte Effektpedale wurde Hendrix' Sound zu seiner Zeit völlig zu Recht als "elektronisch" bezeichnet. Mit anderen Worten: Hendrix war keine ungestüme Urgewalt, sondern einer, der ganz genau wusste, was er tat.
 
 
 
  The Jimi Hendrix Experience: "(Let Me Stand Next To Your) Fire"

"Let Jimi take over, you know what I'm talking about, yeah!" singt Hendrix vor seinem Solo.

In einem Brief an seinen Vater Al Hendrix schrieb Jimi im Jahre 1965: "Heutzutage wollen die Leute nicht, dass man gut singt. Sie wollen, dass man schlampig singt und einen guten Beat für seine Songs hat. Das ist der Angelpunkt, auf den ich abziele. Dort ist das Geld zu holen. Falls du also in drei oder vier Monaten eine Platte von mir hörst, die ganz furchtbar klingt, schäme dich nicht. Warte nur, bis das Geld herein gerollt kommt."

The Jimi Hendrix Experience: "Manic Depression"
 
 
 
Radiohead: "Creep", Gitarren: Jonny Greenwood, Ed O'Brien, Thom Yorke
  Sie sind sich ihrer Verwundbarkeit bewusst, die Gitarrenhelden des 21. Jahrhunderts. Sie wissen nur zu gut, wie schnell man sich heutzutage lächerlich machen kann. Weil alle Posen, in die man sich wirft, bereits jemand anderem gehören. Da gibt es kein unbesetztes Territorium mehr, sondern nur mehr die Wahl zwischen der schrankenlosen Bejahung des Klassischen und der demonstrativen Sabotage der eigenen Rolle. Jonny Greenwood von Radiohead hat Letzteres gewählt. Deshalb klingt sein Soloalbum "Bodysong" auch so.

Jonny Greenwood: "Moon Mall"

 Jonny Greenwood
 
 
  Aber gehen wir noch einmal zurück ins Jahr 1993, als Nirvana gerade so richtig groß waren und die für den Grunge-Gebrauch viel zu gut erzogene Indie-Band Radiohead aus Oxford ihr erstes Album "Pablo Honey" aufnahm. Damals schrieben Radiohead noch Songs mit dezent selbstironischen Titeln wie "Anyone Can Play Guitar".

Radiohead: "Anyone Can Play Guitar"

"Und wenn die Welt sich dreht, und wenn London brennt
Werde ich mit meiner Gitarre am Strand stehen
Ich will in einer Band sein, wenn ich in den Himmel komm"

So sang das Thom Yorke, und Lead-Gitarrist Jonny Greenwood steuerte die zu Melodie und Sentiment passenden Alternative Rock-Riffs bei.
 
 
 
  Zu diesem Zeitpunkt hatten Greenwoods knochendürre Gestalt und sein dunkler Scheitel noch nicht jenen ikonenhaften Nimbus angenommen, der das Eigenartige zum Charismatischen verklärt. Noch hatte Greenwood keine Sehnenscheidenentzündung im rechten Handgelenk erlitten, noch hatte er nicht die orthopädische Armschiene zum Symbol der eigenen Verletzlichkeit, sowie des puren, schmerzverachtenden Durchhaltevermögens erhoben.

Radiohead: "Paranoid Android"

Im Gitarrensolo von "Paranoid Android" schien man zu hören, dass es wehtat, und dank solch hymnischer Songs wurden Radiohead gegen Ende der Neunziger zur neuen Hoffnung des seriösen Rock hochstilisiert. Ihr Status erhöhte sich aber noch weiter, als Radiohead Anfang des 21. Jahrhunderts genau jenes Format der Rockband mit elektronischen Mitteln mutwillig sabotierten.
 
 
 
  Radiohead: "Idioteque"

Ironischerweise war Jonny Greenwood auch im Jahre 1993 durch einen reinen Sabotage-Akt zum Gitarrenhelden geworden. Es heißt, Radiohead hätten jenen bewussten Song durchgespielt, ohne zu wissen, dass die Bandmaschine lief. Und Jonny, der die Nummer nicht leiden konnte, schlug vor dem Refrain mit seinem verzerrtesten Sound ein paar erstickte Protestakkorde an, die Thom Yorkes elegischem Geschrummel spöttisch zuwiderliefen. Egal, ob diese Geschichte tatsächlich wahr ist. Egal, ob die Band den Song immer noch hasst oder sich mittlerweile wieder damit versöhnt hat: Das war der Moment, der Radiohead genau jene Öffentlichkeit verlieh, die ihre spätere Verweigerung überhaupt erst sichtbar machte.

Radiohead: "Creep"
 
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