(Die Online-Version der ausgelaufenen Homebase-Serie zum Nachlesen)
Booker T & The MGs, "Green Onions", Gitarre: Steve Cropper
Mar-Keys: "Last Night"
Ich sag es nicht zum ersten Mal (siehe Bo Diddley, Moment Nummer 6): Vor vierzig Jahren und mehr, da klang die Musik, die man R&B nannte, noch genau danach, was die Abkürzung bedeutet: Rhythm & Blues.
Die gängige Popgeschichte behauptet, der weiße Mainstream hätte den schwarzen R&B damals als "Race Music" diskriminiert. Die sogenannte "British Invasion" Mitte der Sechziger - die Beatles, die Stones und die Animals - hätten den amerikanischen R&B über die Popcharts zurück nach Amerika importiert und so den weißen Kids diese fremde Musik aus ihrer segregierten Nachbarschaft zu Ohren gebracht. Aber wie üblich hat die gängige Popgeschichte damit höchstens zur Hälfte recht, denn bei weitem nicht alle weißen Kids in den USA waren so ignorant. "Last Night" von den Mar-Keys erreichte im Jahre 1961 Platz fünf der US-R&B-Charts, und der Gitarrist der Band war ein junger Whitey aus Missouri namens Steve Cropper.
Steve Cropper
Steve Cropper, auch respektvoll "The Colonel" genannt, spielte sich durch alle Studios des Südens und fand seine Heimat Anfang der Sechziger in Memphis bei Stax Records, jenem Label, das als Gegenpol zu Tamla Motown in Detroit eine funkige, raue, R&B-lastige Version jener Musik hervorbrachte, die man neuerdings auch "Soul" nannte.
Sam & Dave: "Soul Man"
"Soul Man" in der Originalversion von Sam & Dave mit Steve Cropper an der eierschalenfarbenen Telecaster. Dass Riffs wie dieses heute längst zum Klischee erstarrt sind, liegt wohl daran, dass Steve Cropper und seine alten Kollegen vom Stax-Label in ihrer (Re-)Inkarnation als Blues Brothers Band schon seit Ende der 1970er die Zweitverwertung der eigenen Legende betreiben. Es sei ihnen vergönnt.
Wilson Pickett: "In The Midnight Hour"
Cropper ist der unauffälligste aller Gitarrenhelden, immer sparsam, immer präzis und elegant, aber auch immer unverkennbar. Zwischen 1961 und 1967 entwickelte Steve Cropper im Schatten von Sängern wie Wilson Pickett, Eddie Floyd oder Otis Redding das Grundkonzept der funkigen Soulgitarre mit einem Hauch von Country und starkem Bezug zum Blues.
Otis Redding: "Dock of The Bay"
Aber sein einflussreichster Track entstand 1962, als Cropper und der Rest der Stax-Backing Band eines Tages im Stax Studio vor sich hin improvisierten, nachdem der Sänger den Raum verlassen hatte. Das Instrumental, das aus dieser Session hervorging, hieß "Green Onions". Die Band verlieh sich den Namen Booker T & The MGs, schließlich hatte Keyboarder Booker T mit seiner Hammond-Orgel die melodiöse Hauptrolle gespielt, aber die sägend scharfen, verhallten Riffs, die Steve Cropper da zwischendurch einstreute, waren das wirklich Spektakuläre an der Nummer - größtmöglicher Effekt mit dem geringstmöglichen Aufwand. Steve Cropper war nur ein dürrer Kerl im steifen Anzug mit einer brillantinesteifen Tolle. Auf der Bühne bewegte er sich kaum, aber seine Riffs waren reine Sexmusik.
Booker T & The MGs: "Green Onions"
The Byrds, "Eight Miles High", Gitarre: Roger McGuinn, David Crosby
Diese Story beginnt mit einer Pionierleistung des Product Placement in der Popmusik. Als die Beatles im Jänner 1964 nach New York kamen, herrschte beim kalifornischen Gitarrenhersteller Rickenbacker helle Aufregung. John Lennon hatte sich in den hungrigen Tagen der Band in Hamburg von seinem sauer Ersparten eine sauteure Rickenbacker gekauft, und jetzt, wo die Beatles in den USA die Nummer eins der Charts anpeilten, wirkte jeder Fernseh-Auftritt wie eine perfekte Werbung für die Firma.
The Beatles: "A Hard Day's Night"
Allerdings spielte George Harrison, der andere Gitarrist der Beatles, ein halbakustisches Modell des Konkurrenten Gretsch. Rickenbacker-Chef F.C. Hall sah das als Herausforderung. Er baute eigens für die Beatles im New Yorker Savoy Hilton eine Gitarrenausstellung auf und zeigte ihnen seine futuristischen neuen Modelle. John, Paul und Ringo nahmen eine nagelneue zwölfsaitige Rickenbacker quer durch den Central Park ins Plaza Hotel mit, wo ein grippekranker George Harrison gerade im Bett Telefoninterviews fürs Radio gab. Sie überreichten George das Instrument. Harrison war begeistert und erzählte sofort den Teenagern Amerikas von seiner neuen Lieblingsgitarre.
Roger McGuinn und seine Rickenbacker
Zu den beeindruckten amerikanischen Beatles-Fans gehörte unter anderem eine junge Band namens The Jet Set, die sich später in The Byrds umbenennen sollte. Im Beatles-Film "A Hard Day's Night" entdeckte Gitarrist Roger McGuinn George Harrisons Rickenbacker. Er musste sofort auch eine haben, und in seinen Händen sollte dieses revolutionäre Stück Gitarrendesign seinen unverkennbaren Charakter annehmen.
The Byrds: "Hey Mr Tambourine Man"
McGuinns zwölfsaitige Rickenbacker war die Gitarre des Düsenzeitalters. Ihre gewölbte Decke sah beinahe aerodynamisch aus. Und wo früher traditionelle F-Löcher gewesen waren, glichen ihre asymmetrischen Schlitze aggressiven Raubkatzenaugen. Sie war schwer zu spielen, hatte aber einen durchdringenden Sound, der sich dank McGuinns polyphonem Gezupfe zu einem Wall of Sound verdichtete.
The Byrds: "Turn! Turn! Turn!"
Seit Roger McGuinn sie in die Hand nahm, ist diese Gitarre ein Markenzeichen für Folk Rock und das erwählte Instrument all jener, die sich davon inspiriert fühlten, von Tom Petty über Peter Buck von R.E.M. bis zu Teenage Fanclub oder sogar Thom Yorke und Ed O'Brien, dem straightesten der drei Radiohead-Gitarristen. Aber wenn es einen Song gibt, der McGuinns Rickenbacker-Wahn am besten repräsentiert, ist das vermutlich "Eight Miles High" mit seinem ausgespaceten Solo, das übrigens entgegen allen Gerüchten nicht von Glenn Campbell, sondern von Roger McGuinn persönlich gespielt wurde.
McGuinn gibt sich hier nicht mehr mit seinen charakteristischen Arpeggios zufrieden, er versucht auch noch auf dem alles andere als handlichen Instrument herum zu solieren. Und er scheitert auf grandiose Weise.