(Die Online-Version der ausgelaufenen Homebase-Serie zum Nachlesen)
Blur: "Song 2", Gitarre: Graham Coxon
Popbands haben für gewöhnlich keine auffälligen Gitarrenhelden, das ist eine Sache für Rockbands. Blur waren da immer eine Ausnahme.
Blur: "There's No Other Way"
Einerseits ist Graham Coxon ja nicht der Typ, der sich gern hervortut. Andererseits hatte er es bei seiner Band mit Damon Albarn, einem der größten Egos seiner Generation zu tun, und unterbuttern ließ er sich auch wieder nicht gern. Es gab harmonische Augenblicke, fast schon schöngeistig melodische Momente, da zogen die beiden Ex-Schulfreunde an einem Strang.
Blur: "This is a Low"
Graham Coxon
In den meisten Fällen aber erzeugten sie ihre Energie aus Reibung. Wenn Damon einen disco-tauglichen Elektro-Pop-Song schrieb, dann schürfte Graham mit abgehackten Punkriffs an der Oberfläche.
Blur: "Girls & Boys"
Und wenn Damon mit seinem bisher populistischsten Song den Krieg um die britischen Charts gewinnen wollte, reagierte Graham mit kaum verbrämter Sabotage.
Blur: "Country House" (siehe das bizarre Gitarrensolo)
Wie wir wissen, konnte diese Geschichte nicht gut enden. Graham Coxon stieg aus, macht heute zwar immer bessere Solo-Alben aber zweifellos zuviel davon. Sowohl er als auch Damon profitierten immer von einem skeptischen Gegenüber, das ihnen nun abgeht. Einstweilen bleibt der Song "Battery In Your Leg" aus "Think Tank" das letzte Zeugnis davon, was passiert, wenn Coxon mit seinen unzähligen Effektpedalen den Albarnschen Popsongs jenen gewissen, atmosphärischen Touch des harmonisch Brüchigen verleiht.
Blur: "Battery In Your Leg"
Albarn versus Coxon, das ist keineswegs der klassische Widerspruch zwischen Pop-Instinkt und sturer Idiosynkrasie, als der er oft dargestellt wird. Paradoxerweise waren es doch just jene zwei Minuten, in denen Albarn dem widerborstigen Graham Coxon das ästhetische Ruder überließ, die Blur von der Britpop-Band zum globalen Phänomen erhoben - ein von seinen Einzelteilen her eigentlich völlig unerheblicher, kleiner Grunge/Punk-Track, eingeleitet von einem primitiven Schlagzeugbeat, den Coxon selbst spielt, ehe Drummer Dave Rowntree übernimmt und Alex James' verzerrter Bass die ebenso simple Vier-Akkord-Phrase auffettet. Und irgendwo darüber fegt Graham Coxon mit seinem metallisch monotonen Riff völlig selbstvergessen dahin.
Die rituellen ein bis zwei Minuten Hardcore hatte es schon seit "Modern Life Is Rubbish" auf jedem Blur-Album gegeben, aber "Song 2" ist anders als etwa "Globe Alone" oder "Bank Holiday", weil völlig unironisch und ungezwungen. Genau dieser flüchtige Moment, als die verkopfteste aller großen britischen Popbands das Denken sein ließ, war und bleibt Blurs einziger Welthit. Unwiederholbar für immer (siehe "Crazy Beat").
Blur: "Song 2"
Neil Young, Cinnamon Girl
Wo es um religiöse Verehrung geht, soll man gar nicht erst rational zu argumentieren versuchen. Es gibt Bekehrte, für die ist das weinerliche Organ des Neil Young die berührendste aller Stimmen. Und das beim ewig linkischen Zerren seiner Fingerkuppen am Griffbrett entstehende Jaulen ist für sie die einzige Art Gitarrensolo, die die Welt wirklich braucht. Glücklicherweise sieht Young selbst das ganz genauso.
Neil Young & Crazy Horse: "Like A Hurricane (Live)"
Neil Young
"Niemand interessiert, ob du deine Technik gut beherrscht", sagte Neil Young einmal, "Wenn du fähig bist, dich auszudrücken, dann weißt du, warum du spielst. Der technische Aspekt ist meiner Ansicht nach purer Firlefanz. Das langweilt mich zu Tränen. Ich kann nicht schnell spielen, ich kenne keine Skalen. Eine Note reicht."
Neil Young übertreibt nicht. Die endlose Vielfalt der Färbungen einer einzigen, dahin dröhnenden Note, die Obertöne der Rückkopplungen aus seinem Verstärker, das ist, was ihn wirklich interessiert. Seine Hand klammert sich fest an den veralteten Bigsby-Vibrato-Hebel, der seit Jahrzehnten verlässlich für chaotische Verstimmung sorgt. Aber selbst das ist für Neil Young mit ein Teil seiner Reise zum expressiven Klang. "Wenn du am Anfang des Songs gestimmt warst", meint er, "macht es doch keinen Sinn, gestimmt zu bleiben."
Seinen Sinn für den monotonen "Drone" entwickelte Neil Young in den Sechzigern gemeinsam mit seinem alten Kollegen und Rivalen Stephen Stills, der für das zweite Album ihrer gemeinsamen Band Buffalo Springfield einen Song namens "Bluebird" geschrieben hatte. Auf der Suche nach einem Raga-artigen Feeling mit Tampoura-ähnlich frei schwingenden Saiten stimmten Stills und Young jeweils beide E-Saiten ihrer Gitarren um einen Ganzton auf D herunter.
Buffalo Springfield: "Bluebird"
Neil Young hat diese Stimmung seither immer wieder verwendet, unter anderem im klassischen Opener seines zweiten Solo-Albums "Everybody Knows This Is Nowhere", der noch dazu ein Vorzeigeexemplar seiner größten Spezialität, dem alles andere als eintönigen Ein-Ton-Gitarrensolo, enthält.