Nach fast zwei Wochen Eiseskälte und Affenhitze in Deutschland und Österreich war ich also vorgestern mit einem gesäuselten "Hello Carnaby Street, hi Speakeasy, groovy Chelsea, can you dig it?" auf den Lippen in meine immer noch swingende Wahlheimatstadt zurückgekehrt, wo am Flughafen schon der Paisley-gemusterte E-Type auf mich wartete, als mir ein cooles Kid unbekannten Geschlechts eine nach Räucherstäbchen duftende Oblate in den Mund schob. Der Rest war ein psychedelischer Nebel. Irgendwann in der Früh erwachte ich zwischen Rotweinflecken auf meinem von Brandlöchern übersäten Flokati, wälzte mich ein paar Mal hin und her, drehte das Radio auf, hörte die Nachrichten und erlebte dabei einen grausamen Realitätsschock so wie Austin Powers in Teil 1. Während ich außer Landes gewesen war, hatten sie mir meine Sixties weggenommen. Die freie Liebe, die Drogen, die Lava-Lampen, alles. Und das war so geschehen:
Arriving on a jetplane
Vergangenen Montag hatte Tony Blair seine Rede zu einem neuen Fünfjahresplan der Regierung in Sachen Law & Order gehalten. Das Thema hat eine besondere Bedeutung, schließlich blickt Blair gerade auf seine ersten zehn Jahre als Vorsitzender der von ihm persönlich radikal "modernisierten" Labour Party zurück. Einer der wesentlichen Faktoren, die ihn damals zu einem strahlenden Kandidaten zur Überwindung der jahrzehntelangen Dominanz der Konservativen machten, war sein Standpunkt zur Verbrechensbekämpfung. In einer Rede als oppositioneller Schnatteninnenminister sagte Blair damals, Labour würde "tough on crime and tough on the causes of crime" sein - "hart gegen das Verbrechen und seine Ursachen". Diese Abkehr von den liberalen Tönen, die für Labour im Kampf um die Gunst von Boulevard und Spießertum immer einen natürlichen Nachteil bedeutet hatten, wurde damals als taktisches Meisterstück gehandelt, das entscheidend half, Blairs Weg zum Premierminister zu ebnen.
"Zu jener Zeit", sagte Blair nun letzten Montag, "wurde diese Verschiebung im Standpunkt Labours zur Frage von Recht und Ordnung als schlaue Politik angesehen. Tatsächlich handelte ich aber aus Instinkt." Ausgehend von diesem Bekenntnis, das sehr viel über Blairs Selbstverständnis als auserwählte Leitfigur aussagt (er betrachtet es als die essentielle Berufung seines "leadership", gegen den Widerstand seiner Untergebenen und Berater dem eigenen Instinkt zu folgen), setzte Blair zu einer Grundsatzrede an, die seinen alten Slogan von der Cool Britannia auf Orwellsche Weise zur Cruel Britannia mutieren ließ. Als Großbritannien letztes Jahr mit den USA in den Irakkrieg zog, hatten mich viele meiner Freunde da drüben am Kontinent gefragt, was einer wie Tony Blair eigentlich davon habe, sich an einen wie George Bush anzubiedern. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass meine damaligen Antworten (er will unbedingt Geschichte machen, er hat Visionen eines "wohltätigen" Neoimperialismus etc.) am Kern der Sache vorbeigingen. Blairs Bündnis mit der neokonservativen US-Administration ist keine Zweckgemeinschaft, sondern beruht auf tiefen geistigen Verwandtschaften. Und getreu den Slogans der neuen amerikanischen Rechten hat er nun auch dem sozialen Erbe der Sixties den Kampf angesagt.
Ich zitiere wörtlich: "Die Strategie von heute ist die Vollendung einer Reise der Veränderung, sowohl für progressive Politik als auch für das Land. Sie markiert das Ende des liberalen, sozialen Konsens der Sechziger in Sachen Recht und Ordnung." Die Menschen, führte Blair aus, hätten genug von diesem Konsens, denn sie wollten eine Community, wo die "gesetzestreue Mehrheit an der Macht ist. Wo es die, die nach den Regeln spielen, gut haben, und die, die das nicht tun, bestraft werden. Für mich war das immer schon sowas wie ein persönlicher Kreuzzug."
Hemdlose Konsensträger
Wohlgemerkt, diese Rede wurde im Volltext publiziert, und einer wie Blair wirft mit im derzeitigen Kontext des neuen Anti-Islamismus (und Antisemitismus) ordentlich provokanten Vokabeln wie "Kreuzzug" sicher nicht unbewusst herum. Gleichzeitig macht er den "liberalen Konsens" zum Komplizen des Verbrechens und bietet als moralisch überlegene Alternative eine Renaissance der autoritären Gesellschaft an: "toughen the law" - das Gesetz härter machen.
Nennt mich ein trockenes Stück Wurst, aber ich bin ein Kind der sozialliberalen Revolution, die Blair da angreift, und die in Österreich eigentlich erst in den Siebzigern zu greifen begann. Mehr noch als das, ich verbrachte meine Teenagerjahre in den Achtzigern, als die erste neokonservative Welle sich in den Altachtundsechzigern ihr Feindbild suchte. Richtig trendy war das damals, denn der Backlash gegen die ollen Hippies fand einen fruchtbaren Schnittpunkt mit dem ebenfalls hippie-feindlichen Credo der Ex-Punk-Generation. Wer so wie ich in einem bürgerlichen Wiener Gemeindebezirk in die Schule ging, konnte miterleben, wie der strenge Stil der Neuen Deutschen Welle politisch-ästhetische Koalitionen mit dem Vormarsch rechter Ideologien einging. Mag sein, dass Bands wie die Deutsch-Amerikanische Freundschaft oder Extrabreit von den Poppern in meinem properen Gymnasium missverständlich adoptiert wurden. Aber das Spiel mit dem Schockieren des zum heuchlerischen Du-Wort neigenden Latzhosen-Elements im Lehrkörper war immer schon ein Gefährliches. Und die Ironie hinter Texten wie "Scheinasylanten, Scheinasylanten - da hilft nur noch Hubschraubereinsatz" ging damals sicher nicht nur in Wiener Schulhöfen verloren, wo freche Bürgersöhne den Englischlehrer, der sie mit friedliebenden Dylan-Texten nervte, mit Hitlergrüßen und Nazi-Parolen provozierten. Seither ist mir jedenfalls die Lust am Hippie-Klatschen ordentlich vergangen. Die Crux lag wie immer im Kontext. Schon möglich, dass die Achtundsechziger sich mit der repressiven Toleranz des Establishments arrangiert hatten. Aber ihr Fehler lag doch wohl gerade darin, und nicht in den alten Idealen, die sie dabei verraten hatten. Wie produktiv konnte ein Am-Rauschebart-Zupfen der alten Linken wirklich sein, während die echte Welt von so Typen wie Reagan und Thatcher regiert wurde?
So sahen sie aus, die später diese undisziplinierten jungen Leute in die Welt setzen sollten. Trau mich wetten, dass die was mit "verschiedenen Lebensstilen" im Schilde führten.
Ich für meinen Teil flüchtete mich damals vor dem Zeitgeist - wie viele andere auch - ziemlich tief hinein in eine Parallelwelt der fiktiven Sechziger mit ihren naiven Utopien und nagte an dem scheinbaren Widerspruch, mir mit meiner Retro-Manie die Sehnsucht nach einem progressiven Lebensgefühl auszuleben. Genauso wie sie damals dämonisiert und idealisiert wurden, verwendet auch Blair heute die Sechziger als eine munter verzerrbare Metapher. Er behauptet, die Rechtspolitik der Epoche habe sich "auf die Rechte der Rechtsbrecher, den Schutz Unschuldiger und das Verständnis der sozialen Ursachen von deren Kriminalität" (ähm... der Kriminalität der Unschuldigen?) konzentriert. In der Zwischenzeit hätten sich viele "die Freiheit genommen, ohne die Verantwortung" zu übernehmen: "Eine Gesellschaft der verschiedenen Lebensstile brachte eine Gruppe von jungen Leuten hervor, die ohne elterliche Disziplin großgezogen wurden, ohne ordentliche Vorbilder und ohne einen Sinn für Verantwortung gegenüber anderen." So einfach ist also die Welt, wenn man daran glaubt, dass nur eine harte Hand die faulen Äpfel wieder auf die richtige Bahn bringen kann (Ups! Sprachbilderkollision), wen kümmern schon so gefühlsduselige Nebensächlichkeiten wie "soziale Ursachen"?
Ein bisschen Härte gab es damals gerade noch. Gut so.
Als Antwort darauf will ich mich gern auf Tony Blairs Niveau herablassen und ein anderes Jahrzehnt zu meinem Feindbild küren, die Achtziger nämlich. In gewisser Hinsicht bin ich nämlich ganz d'accord mit dem Herrn Premierminister. Die Verrohung der sozialen Sitten und die Verleugnung von Verantwortung will mir auch nicht behagen. Aber als Wurzel davon sehe ich nicht etwa den antiautoritären Geist der Sechziger, sondern die außer Rand und Band geratene Egomanie jenes Jahrzehnts, das die Entsolidarisierung der Gesellschaft zum individuellen Wohlstandsprinzip erhob. Die Blüten der destruktiven Selbstsucht sind auf den Spielwiesen von Thatchers Kindern gewachsen. Wo Ellbogen recht sind, ist Beinstellen billig. Eine derart brutalisierte Gesellschaft lässt sich durch "härtere Gesetze" weder harmonisieren noch disziplinieren. Im Gegenteil. Denn ihr Problem ist nicht ihre mutmaßliche Weichheit, sondern gerade ihre zunehmende Härte. Sagt mir mein Instinkt, sowas hab ich nämlich selber auch.
Lasst euch also die Sixties nicht verderben, ihr unbezähmbaren Blumenkinder. Geht hinaus und hört ungeniert die Bees, The Coral, den Ladybug Transistor und wie sie noch alle heißen mögen. Vor allem aber, in Abwandlung jenes runde vierzig Jahre alten Spruchs: Traut keinem Premierminister, der E-Gitarre spielt. Sein Rock stinkt.
Not his bag, man
PS In Erwartung der unvermeidlichen Vorwürfe im Forum: Nein, objektiv kann und will ein Kommentar nicht sein.
PPS: Blairs Rede im Originaltext.