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London/Canterbury | 16.12.2005 | 18:42 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Eleanor's boys put the boot in
  Zur Einleitung: Anders als zuletzt beim Lennon-Mord-Jubiläum soll das hier keine Antwort auf die hier kürzlich gepostete Franz Ferdinand-Geschichte von Martin Blumenau sein. Dieser Text war schon mehr oder weniger fertig, bevor ein Arzt-Besuch, gefolgt von einem jetzt schon bereuten, weil viel zu teuren Sakko-Kauf dazwischen kam, aber ja, das Thema ist dasselbe. Fast.

Gestern nämlich hab ich auch wieder meinen Beitrag zur globalen Erwärmung geleistet. Ich weiß, ich sollte zwanzig Bäume pflanzen, aber das bloß wegen des Gasaustauschs, nicht wegen der Buße, derer leistete ich genug auf meinem langen Marsch durch die Schlangen in den Bauch des fliegenden Boliden einer der brutistischsten Niedrigpreisfluglinien dieses geschundenen Planeten.

In Wien angekommen und hinreichend gerädert, legte ich mich erst einmal aufs Ohr, den Rest des Tagesablaufs erspare ich euch und schwupp - sind wir schon beim Kern der Sache, dem Grund meiner frühen Anreise zum jahresendfestlichen Wiegenheimatsbesuch: Franz Ferdinand spielten in der Wiener Stadthalle (ja, vielleicht habt ihr schon davon gehört).
 Ihr wisst ja eh, wie Franz Ferdinand aussehen. Die Web-Redaktion hat mir Franz-Bilder von gestern versprochen. Hier einstweilen das als bescheidener Platzhalter!
 
 
  Ich konnte, durfte und wollte das nicht versäumen, denn diese Halle hat eine wichtige Bedeutung in meiner nicht unerheblich langen Laufbahn als Populärmusikabhängiger. Wenn immer alle von der unschlagbaren Magie des kleinen Club-Gigs reden, dann würde ich hier gerne einmal für den Massenauflauf in einer anonymen, großen schwarzen Halle samt mobilen Chips- und Eis-Verkäufern die Lanze brechen.
 
 
 
  In solchen Gebäuden haben viele von uns ihren ersten Rock'n'Roll-Gig gesehen. Ich selbst zwar nicht - das waren vielmehr die Undertones (bei einer Festwochen-Eröffnung open air am Schottentor mit Drahdiwaberl als Vorband) -, aber in den mittleren Achtzigern sah ich in der Stadthalle immerhin (nicht lachen!) Queen, Deep Purple, Peter Gabriel und äh die Dire Straits. Erstere übrigens, nachdem mein Freund, der Queen-Fan, und ich an den behäbigen Kartenabreißern vorbei über die Absperrungen gesprungen waren. Als ich das gestern Nachmittag Alex Kapranos erzählte, wurde er ein bisschen neidisch, ist er doch seit seiner Kindheit selbst Queen-Fan, auch wenn er lange Zeit aus Coolheits-Gründen nicht dazu stehen wollte. Und jetzt sollte also tatsächlich eine Band wie Franz Ferdinand in just jener Kathedrale der Pop-Initiation konzertieren, in der damals Freddie Mercury uns wissen ließ, dass alles, was wir hören, "Radio Gaga" sei. Ich konnte also in meinem Innersten kein Verständnis dafür aufbringen, dass B. lieber Eis laufen ging, während L. daheim blieb, weil er wenn dann nur für die Vorband gekommen wäre aber dann eben lieber gleich gar nicht kam.
 
 
 
  Wo wir schon dabei sind kurz ein paar eher inkompetente Worte zu den Rakes. Als deren Auftritt begann, wanderte ich noch ziellos durch die Gänge (so wie auffällig viele andere FM4-KollegInnen, wir sind offensichtlich nicht fähig, uns zu orientieren). Da kamen Paul Thomson und seine Angetraute Esther mit zwei kleinen Köfferchen (einer davon in rotem Samt) durch den Hintereingang hereingehinkt. Die beiden waren am Nachmittag hinaus in den Wind gegangen und hatten sich Wien angesehen. Die Schiele-Ausstellung in der Albertina und irgendein berühmtes Kaffeehaus. Man könnte es wesentlich schlechter angehen. Nur Wiener hätten daran was auszusetzen.
 
 
 
  Ich erwischte jedenfalls gerade noch die letzten zwei Rakes-Songs, die waren recht anständig, auch wenn ich das sub-Ian Curtis-mäßige Zappeln des Sängers nicht ganz verwinden konnte, aber wenn ihr zu jenen Leuten gehören solltet, die nachher meinten, die Rakes wären GANZ GROSSARTIG gewesen, dann seid ihr herzlich geladen hier drunter eure glühenden Schwärmereien zu posten. Detto wüsste ich gern den Titel der dritten von 20 Nummern, die Franz Ferdinand gestern spielten, nachdem sie solide aber ein wenig steif "This Boy" und "Come on Home" heruntergespult hatten. "Do You Want To" kam danach schon ein wenig entspannter und brachialer rüber, aber am Ende von "I'm Your Villain" zeigte sich, in welche Richtung sich dieser Abend drehen würde.
 
 
 
  Zu diesem Zeitpunkt waren bereits alle optischen Show-Effekte des Bühnen-Backdrops durchgespielt, und die Band begann langsam die Zone des vorher Ausgemachten zu verlassen. Wann immer ich Franz Ferdinand bis dahin gesehen hatte, waren sie unglaublich diszipliniert mit ihren Songs umgegangen aber in diesem Fall klang der Anfang der "See you later"-Coda mehr nach Black Sabbath als nach The Jam.
 
 
 
  Der überschwängliche "Lalala"-Teil in der nächsten Nummer "The Fallen" erwies sich wieder einmal als ein großer verschwendeter Refrain, Nicks hysterische Stimme in den Strophen von "Tell Her Tonight" verriet seinen steigenden Adrenalinspiegel und in der räudigsten Version von "Matinee", die ich bisher gehört habe, brüllte er im Hintergrund fast wie ein junger Mike Mills, um einmal von den üblichen Vergleichen wegzukommen.
 
 
 
  Andy Knowles, der fünfte Franz und ein Alleskönner der ehrfurchterrengendsten Sorte, wechselte für "Walk Away" ans Schlagzeug, damit Paul seine Einlage an der E-Gitarre liefern konnte, und Alex holte mit seiner Akustischen das elegische Maximum aus den in der Studiofassung eher zynisch angelegten Strophen. Auch die Zeile "I could be there when you land" in "Eleanor Put Your Boots On", seiner sehnsüchtigen Ode an Eleanor Friedberger, klang unzweifelhaft echt.
 
 
 
  In "Take Me Out" streikte zuerst Nicks Gitarre, dann gab's eine kleine Verwirrung vor dem ersten Refrain. "What You Meant" war gewagt verstimmt, Nick drehte sich zum Verstärker und stimmte in einer ruhigen Strophe kurz sein Instrument. Mir fiel auf, dass ich solch erfrischende Amateurhaftigkeit auf einer Bühne dieser Größenordnung noch nie gesehen hatte. Da kommt üblicherweise ein hektischer Roadie gelaufen und hängt dem Gitarristen schnell ein identes Ersatzmodell um den Hals. Aber Franz Ferdinand behandelten diese Bühne ohne Respekt vor der Größe der Halle, wechselten zwischendurch die Plätze und machten dem Lichttechniker das Leben schwer.
 
 
 
  "Darts of Pleasure" klang funkiger als zuvor, und Alex nützte die Pause vor dem Schampus und dem Lachsfisch zu einer Vorstellung der Bandkollegen im Soul-Revue-Stil. Nick revanchierte sich mit "This is the man in red, the man with the guitar from down below and the voice from up above, this man is der einzigartige Alex Kaprrranos". Dann bestieg jener Einzigartige die Basstrommel, improvisierte ein paar dramatische Arpeggios dahin und ging von da fließend ins Riff von "40 ft" über. Der lärmige Schluss klang von unserer Perspektive aus schlicht herrlich (wir standen hinterm Mischpult), und "Michael" beendete das Set mit einem programmatischen "Nothing matters now".
 
 
 
  Als dann der Zugabenblock anfing, hatten Franz Ferdinand sich bereits im Verlauf des Gigs von einer effizienten Popband in eine einigermaßen brutale Rockband transformiert. Ich hatte sie noch nie so erlebt. Als ich Nick nach dem Konzert drauf ansprach, sagte er nur: "Die wollten das so!" (Er meinte das Wiener Publikum, Winterthur am Tag davor soll übrigens "rubbish" gewesen sein). "Evil and a Heathen" wurde in der Wiener Version jedenfalls zu einem "Radar Love"-verwandten, metallischen Speed-Glam-Monster, "The Outsiders" steigerte sich unter Mithilfe des gleichzeitig mit Paul Thomson und einem Mann in einer komischen Mütze (irgendwer da draußen weiß sicher, wer das war) das Schlagzeug bearbeitenden Knowles in ein perkussives Finish und das Feuer im Schluss-Song "This Fire" war diesmal tatsächlich "out of control".
 
 
 
  Als die Lichter angingen, standen da einige Kids in verschwitzten T-Shirts, roten Wangen und glasigen Augen herum und schauten in die Gegend, so als wüssten sie nicht recht, was das alles nun für den Rest ihres Lebens bedeuten würde.
 
 
 
  Genau so soll es sein, dachte ich mir, ging ums Eck und traf den geschätzten Kollegen Thomas Kramar von der Presse, fragte ihn, wie's denn für ihn so war, und erntete die Antwort: "Irgendwas fehlt dieser Band, ich weiß nicht was. Vielleicht ist es die schwarze Galle."
 
 
 
  Hm. Hat das Delirium meiner Übermüdung meine Urteilsfähigkeit beeinträchtigt? Bin ich einfach zu leicht zufrieden zu stellen? Fest steht, dass ich gestern mein bestes Stadthallen-Erlebnis überhaupt je hatte. Und das inkludiert Winnetou und meinen Tag als Ballbub beim Tennisturnier, bitteschön.
 
 
 
Der Mitschnitt on Air
  Franz Ferdinand in Concert: Der Mitschnitt aus der Wiener Stadthalle ist am 25. Jänner ab etwa 20.30 Uhr im Rahmen der FM4 Homebase zu hören.
 
 
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