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London/Canterbury | 10.5.2006 | 22:06 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
The Dirty Waterloo Club
  "All the sycophants and vampires
I've packed them off to hell"
(Blood Thirsty Bastards)

Also will ich einmal kein "sycophant" sein und Carl einfach sagen, was ich wirklich so denke...

Es ist schon ein paar Wochen her, da steckte mir der Promo-Typ von der Londoner Plattenfirma, der so schnell redet, dass er immer ein bisschen weißen Schaum im Mundwinkel hat, die CD der Dirty Pretty Things in die Hand, während ich auf mein Interview mit Karen O von den Yeah Yeah Yeahs wartete.

Ich legte die Scheibe in meinen abgewetzten Discman, und eine halbe Stunde später stand er schon wieder vor mir: "Und?"

Und?

Ich hatte nicht wirklich viel mitgekriegt, außer dass das wesentlich disziplinierter und ausbalancierter rockte als Babyshambles, aber dass die ganze Sache doch stark nach den Libertines zu klingen schien. Sogar das typisch zungenfaule Dohertysche Krächzen war in der Zeit, wo er bei den Libertines die Parts des abwesenden Pete singen musste, offenbar irgendwie auf Carl Barâts Stimme übergegangen.

Ich sagte dem Promo-Mann natürlich nur Ersteres, man ist ja Diplomat, aber Zweiteres stellte sich nach etwas genauerer Beschäftigung mit diesem Album ohnehin bloß als faule Frühdiagnose heraus.
 
 
  Während die Libertines den Sound eines romantisierten, schlingernden Piratenschiffs namens Albion erschufen und Babyshambles seit der Meuterei auf dem gekaperten Beiboot weiter in Richtung Arkadien treiben, sind die Dirty Pretty Things nämlich eindeutig auf trockenem Londoner Boden daheim.

Wie der Albumtitel "Waterloo to Anywhere" so schön sagt: Im Gegensatz zur Welt des Pete Doherty ist es hier nicht das Ziel, sondern der Ausgangspunkt, der feststeht. Und so ein geerdetes Lebensbild verlangt nach einem musikalisch/geographischen Bezug.

London ist eine Stadt mit vielen verschiedenen Sounds, vom Grime in den Council Estates bis zum Trad Jazz in den Pubs von Putney. Und das, was die Dirty Pretty Things da machen, gehört ebenso ins Fix-Repertoire der lokalen Folklore.

Das ist der Sound, den du im Kopf hast, wenn du an der Old Street Station aus der Underground an die Oberfläche kriechst, und rund um dich staubige weiße Ford Transit-Lieferwagen über den Asphalt donnern. Der Sound, der hervorragend zu dem Poltern in deinen Ohren passt, wenn du die Rolltreppen runterstolperst, um die letzte Northern Line zu erreichen. Ein aggressiver, gehetzter, mitleidloser Sound, mit schwarzem Teer in den Nasenlöchern aber trotzdem mit einem Wippen in den Knien.

 Der Herr Carl
 
 
 
 
  Wenn ich nicht wüsste, wer in den Dirty Pretty Things mitspielt, hätte ich diesen Sound ja in einem Pub namens Boston Arms, gegenüber von der Underground-Station Tufnell Park angesiedelt.

Seit ich denken kann, spielen dort Bands dieser Art, vor allem aus der Partie rund um Billy Childish, zumeist vor schütterem Publikum, das - wenn ich mich recht erinnere - meist von Stadt, Leben und Alkohol ermattet in den Bänken hängt. Ich war schon sehr lange nicht dort, aber ein kurzer Blick auf die Website des dort ansässigen Dirty Water Club zeigt, dass auch diesen Freitag wieder die unermüdlichen Buff Medways im Boston Arms spielen werden, sogar mit Delia, die ich einst - glaub ich - mit Mambo Taxi da spielen sah, im Vorprogramm. Ach ja, und am 21. Juli haben sie sogar eine Nikki Sudden-Tribute-Nacht. So ein Lokal ist das.

 
 
  Ich will damit nicht sagen, dass der Sound der Dirty Pretty Things, den ich letztens hier im Tagesprogramm vom Montag flapsig als "derselbe Clash-meets-Buzzcocks-meets- Sham69-meets-The Kinks-meets-The-Milkshakes-Krach wie bisher" bezeichnet habe, nicht originell genug oder "nichts Neues" wäre. Schließlich ist ein Fahrrad ein Fahrrad und kein Flugzeug und als solches vollkommen in Ordnung.

Der Kritiker vom Independent bezeichnete "Waterloo To Anywhere" kürzlich als "meat'n'spuds"-Musik (Fleisch und Kartoffel), aber jedesmal wenn ich dieses abschätzige Kürzel für ordinäre Rockmusik höre, muss ich dran denken, dass a) diese Kombination doch eigentlich sehr mundet, und b) kulinarische Metaphern (siehe z.B. das beliebte Prädikat "vom Feinsten") eine ganz eigenartige, gastrozentrische Einstellung zur Musik verraten.
 
 
 
  Was wiederum die Texte angeht, verspüre ich wenig Lust, mitzuspekulieren, was hier von Pete Doherty handeln mag und was daran Carl Barâts Auseinandersetzung mit dem Dämon in seiner Seele ist. Mein Verdacht ist ja, dass die Bezüge auf "crack whores", "blood thirsty bastards", böse Dealer, gefährliche Begegnungen in Sackgassen, "pieces of silver and a dead man's shoes", und schon überhaupt die anachronistischen "rude boys on the run" einfach nur vorkommen, weil's gut klingt.

Selbst daran wäre eigentlich nichts auszusetzen, stünde Barât nicht in direkter Konkurrenz zum lyrisch eindeutig begabteren Doherty.
Aber egal, dafür hat er immerhin die zweifellos bessere Band.
He, was wär eigentlich, wenn die zwei sich zusammentun? Nur so eine Idee.
 

 
audio
 
title: Prime Cuts: Waterloo To Anywhere
artist: Dirty Pretty Things
length: 1:02
MP3 (994KB) | WMA
   
 
 
PS:
  Ich kann es mir echt nicht verbeißen, darauf hinzuweisen, dass es bei Gelegenheit auch nicht ganz falsch wäre, sich einmal die Pretty Things ohne das Dirty vorn dran anzuhören. Vor allem "Emotions" und "SF Sorrow", aber auch den frühen R&B-Krach.
 
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