Stimmt schon, es ist irgendwie deprimierend, wie ich in meinen Beiträgen hier zusehends von Nachruf zu Nachruf stolpere, aber dieser hier ist unvermeidlich. Schließlich hatten wir unlängst erst als Album der Woche das jüngste Werk von Matisyahu dran, der über die Verknüpfung von alttestamentarischen Inhalten und Reggae-Beats eine musikalische Ausdrucksform für den Lubawitsch-Chassidismus findet.
Zumindest nach pop-historischen Begriffen schließt sich damit ein Kreis, der vor 37 Jahren mit dem ersten Reggae-Song begann, der je die Nummer eins britischen Charts erreichte: "The Israelites" von Desmond Dekker.
Get up in the morning slaving for bread, Sir
So that every mouth can be fed
Poor me, the Israelites
Schwer zu sagen, wie die Briten damals diesen Text verstanden, aber die (nicht ganz runde) Analogie zwischen der Diaspora der Juden und der AfrikanerInnen bzw. dem Exodus der Israeliten von Ägypten ins Gelobte Land und der Verschiffung afrikanischer SklavInnen nach Jamaika hielt mit diesem Song ihren Einzug ins Vokabular des Pop-Mainstream.
Die Metapher hatte aber von Anfang an noch einen anderen konkreten Nachklang, waren zur Zeit der Veröffentlichung dieses Songs doch gerade erst 21 Jahre vergangen, seit im August 1948 ein Schiff namens Empire Windrush im Hafen von Tilbury angedockt hatte.
An Bord waren 500 JamaikanerInnen, die vor der Armut ihrer Heimat nach Großbritannien flohen, wo nach dem Krieg akuter Mangel an Arbeitskräften herrschte. Über die nächsten Jahre sollten ihnen Zehntausende folgen.
Einer der typischen Jobs für jamaikanische EinwanderInnen war Busschaffner, insofern ist es natürlich doppelt bedeutungsschwanger, dass Desmond Dekker am Cover des Notenhefts zu "The Israelites" im schicken hellen Sakko auf dem offenen Hinterdeck eines Londoner Doppeldeckers steht.
Aber die Geschichte von "The Israelites" hat noch ein paar interessante Fußnoten mehr. Ein Jahr bevor Desmond Dekkers Song die Charts anführte, hatte der konservative britische Politiker Enoch Powell mit seiner berüchtigten "Rivers of Blood"-Rede den schwelenden Rassismus gegen die EinwanderInnen angefacht. Wenn es so weitergehe, prophezeite Powell, würde es nicht lange dauern, ehe "der schwarze Mann seine Peitschenhand über den weißen Mann" hält. Der konservative Parteichef Ted Heath warf Powell umgehend aus seinem Schattenkabinett, aber seine Rede machte ihn zu einem bedenklichen Volkshelden und löste eine Welle rassistischer Übergriffe aus.
Zur gleichen Zeit hatte sich in der britischen Jugendkultur ein ganz spezifischer Wandel ereignet. Anfang bis Mitte der Sechziger hatte die neben ihrer Besessenheit von smarten Anzügen und Motorrollern auch obsessiv musikinteressierte, weiße Subkultur der Mods die Musik der jamaikanischen Minderheit für sich entdeckt: Den Ska, eine flottere Vorläuferform des Reggae, oder "Blue Beat", wie die Mods dazu sagten.
Als die Popkultur gegen Ende des Jahrzehnts in Richtung Psychedelik und Hippie-Ästhetik driftete, stiegen viele dieser Mods auf Kaftans und Paisley-Muster um, während ein harter (proletarischer) Kern sich in eine Art Style-Fundamentalismus flüchtete und sich die Haare umso kürzer schor.
Diese ersten Skinheads pflegten eine besondere Affinität zu Ska und seiner in Richtung Reggae-Tempo rutschenden Abwandlung Rocksteady, und ein Teil davon beruhte auch auf der in den Songs des Genres betriebenen Glamorisierung jamaikanischer Schmalspurgangster, der sogenannten Rude Boys, die ihrerseits James Bond und die smarten US-Gangster der Hollywood-Filme als Ikonen verehrten. Siehe Desmond Dekkers Hit "Shanty Town" aus dem Jahre 1967:
007
At ocean eleven
And the rudeboys a go wail
'Cause them out of jail
Rudeboys cannot fail
'Cause them must get bail
Dem a loot, dem a shoot, dem a wail
A Shanty Town
Dem a loot, dem a shoot, dem a wail
A Shanty Town
Dem rudeboys get a probation
A Shanty Town
And rudeboy bomb up the town
A Shanty Town
Die Szene der Skinheads war damals noch nicht von der National Front oder der British National Party infiltriert. Doch wie ein Londoner Bekannter, der damals selbst ein heimatloser Ex-Mod war, mir einmal erzählte, äußerte sich der interkulturelle Kontakt zwischen weißen Skinheads und schwarzen Rude Boys unter anderem darin, dass sie gemeinsam Pakistanis zusammen schlugen.
Wie immer dem auch gewesen sein mag (die konsequent die ursprüngliche Unbescholtenheit ihrer Bewegung beschwörenden Skinheads Against Racial Prejudice werden mir das sicher wieder als Unterstellung ankreiden), die Stimmung in Großbritannien war so aufgeladen, dass zum Beispiel die Beatles kurzerhand beschlossen, ihren als Parodie auf ausländerfeindliche Propaganda gedachten Song "Get Back" sicherheitshalber zur Beziehungsgeschichte umzudichten.
In diesem Klima also erschien ein Song wie "The Israelites" über die Unterdrückung eines Sklaven durch den Sklaventreiber. Seine Frau und Kinder haben ihn verlassen, er hat kein Geld, aber er will nicht der Versuchung erliegen, ein Gangster zu werden. "Shirts them ah tear up, trousers are gone / I don't want to end up like Bonnie and Clyde".
Und noch bevor Chris Blackwell (dessen Schützling Millie Small mit dem Ska-Song "My Boy Lollypop" 1965 immerhin schon Platz zwei der Charts verbucht hatte) mit seiner Idee eines Rock/Reggae-Crossovers Bob Marley mainstream-tauglich gemacht hatte, erreichte Desmond Dekker ausgerechnet mit diesem Song seine einzige, unverhoffte Number One.
Desmond Dekker, geboren 1941 als Desmond Adolphus Dacres in Kingston, Jamaika, erlag gestern, am 25. Mai 2006 in Surrey, England, einem Herzinfarkt. Am 2. Juni hätte er in Prag beim Respect Festival, am Tag drauf beim 30 Jahre Arena-Fest in Wien auftreten sollen.