Dass die Welt des Medien-Managements mit dem Pentagon um die Meisterschaft im orwellianischen Sprachgebrauch konkurriert, liegt in der Natur ihres Gewerbes.
Insofern sollte es also niemand verwundern, wenn der jüngste, freundlich benannte Creative Review in der Unterhaltungsabteilung der BBC seine geballte Kreativität im Schwingen einer schweren Axt durchs Programmschema ausdrückt.
Gefällt wurde diesmal Top of the Pops, die 42 Jahre alte Mutter aller Charts-Shows und eines der Ur-Formate des Musikfernsehens
So viele sanft auf eine potenzielle Webstory hinweisende Emails von FreundInnen und KollegInnen hab ich schon lang nicht mehr gekriegt, die Marke Top of the Pops hat also durchaus ihre internationale Bedeutung (ich hätt diese Story ja schon früher schreiben sollen, musste aber die letzten Tage als Geschworener bei Gericht sitzen - ein rasend interessantes Erlebnis, über das ich hier leider nichts erzählen darf... nur soviel: Staatsanwalt, Verteidiger und Richter tragen tatsächlich diese schrecklich kratzig aussehenden Perücken).
Die erste Top of the Pops-Sendung 1964
Nun bin ich ja grundsätzlich sehr anfällig für Nostalgie und Sentimentalität. Ich stehe sogar kurz davor, eine Bewegung zur Rehabilitierung jener beiden weitgehend desavouierten Gefühligkeiten ins Leben zu rufen und sie aus den Klauen der Schlager-, Film-, Geschenk- und Gedenkartikelindustrie zu befreien, die mit diesem zutiefst menschlichen Bedürfnis offenbar nichts Gescheites anzufangen weiß.
Graham Coxon, mit dem ich die bedenklich eskapistische Angewohnheit teile, beim Spazierengehen halb die Augen zuzublinzeln, um die hässlichen neuen Autos aus dem Straßenbild auszublenden, wird definitiv Ehrenmitglied, und Wayne Coyne von den Flaming Lips ebenfalls, das versprach er mir (allerdings erst nach Ende unseres Interviews, das ihr übrigens kommenden Dienstag in Connected hören könnt) unlängst mit den Worten: "Look, if you don't have sentimentality and nostalgia in music, you have nothing. And I'm serious about that!"
Er hat recht.
Jimmy Saville
Es sollte also theoretisch einen Nerv in mir kitzeln, wenn Top of the Pops ab Ende Juli eingestellt wird, weil damit wieder ein wichtiges Stück Trash- und Popkultur verloren geht.
Vor nicht allzu langer Zeit lief im britischen Fernsehen eine als Liebeserklärung ans Musikfernsehen verkappte Top of the Pops-Hommage von Jarvis Cocker.
Ich gab mir mühe, mich in seine Bewunderung für den objektiv hochgradig lächerlichen Original-TOTP-Moderator Jimmy Saville hineinzuversetzen.
Und ich versteh auch die ganzen feuchtaugigen Geschichten, die einem fast alle BritInnen von Mitte zwanzig bis Ende fünfzig über ihre erste Begegnung mit der wundersamen Welt der Popmusik via Fernsehen erzählen.
Wenn etwa Wreckless Eric beschreibt, wie entsetzt seine Eltern darüber waren, dass Brian Jones wie ein Mädchen aussah.
Oder das unterschwellig homophobe Raunen, das durch die Nation ging, als der junge Morrissey mit Gladiolen um sich warf.
Ganz zu schweigen vom hormonellen Effekt, den die bei Unabkömmlichkeit der jeweiligen Band eingesetzte Tänzerinnentruppe Pan's People auf die britischen Teenager der Siebziger (und ihre plötzlich pop-interessierten Väter) ausgeübt haben soll.
Oder jene Phase in den Achtzigern, wo kein geringerer als John Peel sich überreden ließ, die Sendung zu moderieren - und seine Überleitungen propt mit sarkastischen Einzeilern würzte (hier ein Interview dazu.
TOTP in denn Siebzigern, als das Wetter so wechselhaft war, dass gleichzeitig Frauen Badehosen und Männer Rollkragenpullis trugen.
Aber für einen wie mich, der zu jener Zeit mit Spotlight, Ohne Maulkorb und Okay aufwuchs, wirken die zu allen möglichen Anlässen wiederholten Clips legendärer Top of the Pops-Auftritte eher blutleer, zumal Top of the Pops überwiegend eine Playback-Show war (ganz im Gegensatz zu alten britischen Live-Musik-Sendungen wie Ready, Steady, Go!, Old Grey Whistle Test, The Tube oder einer aktuellen wie Later...with Jools Holland)
Es gab schon auch Bands, die darauf bestanden, live aufzutreten, und seit den Neunzigern war es üblich, ein Instrumental-Playback mit Live Vocals zu kombinieren, aber klanglich ging das nur selten gut.
Die elenden Achtziger, als die Kids wie ihre Großeltern aussahen
Das andere, was ich auf der unvorteilhaften Seite mit Top of the Pops verbinde, ist der Distinktionsgewinn von Bands wie The Clash oder zuletzt Arctic Monkeys, die sich demonstrativ weigerten, in der Sendung aufzutreten (der Tanz von Pan's People zu "Bankrobber" von The Clash war wohl einer der kuriosesten Momente der Fernsehgeschichte), oder das schändliche Verhalten der BBC beim einzigen TOTP-Auftritt von Robert Wyatt 1974.
Der Regisseur wollte den querschnittsgelähmten Wyatt aus seinem Rollstuhl in einen Korbsessel setzen. Das niederschmetternde Argument: "This is a family show." Wyatt bestand auf seinem Rollstuhl, die Bildregie zeigte ihn nur von der Brust aufwärts, und der Regisseur versicherte ihm, dass er nie wieder in der Show auftreten würde. "As if I cared", antwortete Wyatt.
Undertones
Wollen wir also Top of the Pops nicht verklären, und wollen wir uns auch nicht mit der Wiederholung der immergleichen müden Argumente zufrieden geben, dass das Internetzeitalter oder gar die Video-iPods schuld am rasanten Publikumsverlust der Sendung in den letzten Jahren gewesen wären.
Die Faces spielen 'Maggie May' mit John Peel an der Mandoline
Schuld ist vielmehr - so wie neulich beim Ende von Smash Hits - ganz offensichtlich die sinkende Relevanz der Singles-Charts. Wenn selbst Pop-LiebhaberInnen mit gutem Gewissen durchs Leben gehen können, ohne einen Dunst davon zu haben, was im potemkinschen Dorf der Charts vor sich geht, dann kann eine Sendung wie Top of the Pops einfach nicht die gleiche Bedeutung erreichen wie früher in den goldenen Zeiten der Pop-Single - und nein, das ist keine von Nostalgie oder Sentimentalität geprägte Aussage, das ist nüchternes Faktum.
A family show.
Keine Frage, Top of the Pops musste tatsächlich längst weg. Fragt sich nur, was der Creative Review der BBC stattdessen bringen wird.