Ich will ja nicht undankbar klingen, aber anfangs sah das wie eine jener Sachen aus, die man trotzdem macht, obwohl man kein wirklich gutes Gefühl dabei hat.
Ich meine, ein Michael Stipe-Interview, sowas schlägt man nicht aus. Selbst wenn man ehrlich zugeben muss, dass einen REM schon seit bedenklich langer Zeit (mehr als einem Jahrzehnt) nicht mehr wirklich berühren konnten.
Und selbst wenn es kein intimes Zwiegespräch, sondern eine jener üblicherweise so unbefriedigenden Konversationen mit drei Kollegen aus anderer Damen und Herren Länder am runden Tisch werden würde. Obwohl ich andererseits schon darauf gespannt war, welche Fragen wohl der laut Terminplan angesagte Redakteur des russischen Playboy stellen würde.
Das Cover der neuen Compilation.
Immerhin, dachte ich mir, würde ich Michael Stipe ganz ungeniert über die wirklich wichtigen Jahre von REM befragen dürfen. Schließlich war der Anlass des Promotion-Termins ja das Erscheinen einer Best of-Compilation aus dem Frühwerk von REM vor ihrer Zeit bei Warner Brothers, als ihre Platten noch beim vom Bruder des Police-Schlagzeugers (und CIA-Direktoren-Spross) Miles Copeland betriebenen Independent Record Syndicate herauskamen.
Ich hatte ja keine Ahnung, was die Wiederbegegnung mit diesem alten Liedgut alles in mir auslösen würde. Nachdem ich mir in einem Durchgang sowohl die erste Disc mit den Hits wie "Radio Free Europe", "Welcome to the Occupation", "Finest Worksong", "The One I Love" oder "It's The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)" als auch die zweite mit den Raritäten und Live-Aufnahmen angehört hatte, war ich zur willenlosen Geisel der Vergangenheit mutiert.
Und ich wusste sofort, dass ich euch hier wieder mit meinen Geschichten davon belästigen müsste, wie das früher einmal war.
An sich verfüge ich ja aus mehreren Gründen nur über beschränkte Erinnerungen an die verschwendeten Nächte meiner Jugend, aber ich entsinne mich da doch einer spontanen "Und jetzt gehen wir noch woanders hin"-Party in der Wohnung des Freunds eines Freunds. Ich muss so 17, 18 gewesen sein. Irgendwann meinte jener Freund eines Freunds, mit meiner sturen Fixierung auf die Sixties müsse es jetzt einmal ein Ende haben, und drückte mir ein Album von REM in die Hand.
"Die kenn ich eh", log ich. In Wahrheit hatte ich nur die paar Songs gehört, die in der Ö3 Music Box gelaufen waren. Die flache Achtziger-Ästhetik des Plattencovers stieß mich zwar ab (ich glaube, es war "Fables of the Reconstruction"), aber was ich dann hörte, konnte selbst ein von der feindlichen Gegenwart leidenschaftlich entkoppelter Dogmatiker wie ich nicht so leicht verwerfen.
Von diesem Abend an gehörten REM für mich wie für so viele andere auch zu jenem auserwählten kleinen Kreis von approbierten Bands, die sowas wie eine alternative Erfahrung dieser gottverlassenen Dekade ermöglichten. Ihre Wichtigkeit lässt sich also gar nicht überschätzen, und all diese Gefühle prasselten nun beim Anhören dieser Compilation wieder auf mich nieder.
Es war kein nostalgisches Gefühl, weil in den Sound der frühen REM auch besagte Entfremdung bereits vorsorglich mit rein verwoben ist. So empfand ich das jedenfalls immer, und Michael Stipe sollte das auch im Interview indirekt bestätigen, als er erklärte, warum die auf der Bonus-CD enthaltene Version von "Finest Worksong" mit den kraftvollen Bläsersätzen es damals nicht aufs "Document"-Album geschafft hätte. Die Bläser, meinte Stipe, seien zwar großartig, aber sie reflektierten nicht "what that album was about".
Weil sie so festlich klingen?
"Genau."
Aber jetzt hab ich schon wieder zu weit vorgegriffen. Ich wollte ja erst noch den Star-Treff-Moment beschreiben. Der natürlich keiner war. Weil ein Michael Stipe mit seinem stoppeligen, klassischen Schädel vom ersten Augenblick an bereits so vertraut ist wie, sagen wir, die Skyline von Manhattan, wenn du zum ersten Mal nach New York kommst.
Du kennst jede Furche seiner Wangen, jede Biegung seiner Krähenfüße schon vom Fernsehen. Nur so winzige Details wie die Umrisse seiner Kontaktlinsen in den vom Jet-Lag ermüdeten, blutunterlaufenen Augen können da noch überraschen.
Michael Stipe, 46, weiß genau, wie weit er heute von seinem Ich vor 25 Jahren entfernt ist, aber er sieht auch die Gemeinsamkeiten: "Ich habe immer noch dieselben Unsicherheiten, die wir ein Leben lang mit uns herumtragen", sagt er und verweist auf das Cover-Foto der Compilation, wo sein junges Ich sein Gesicht hinter Hand und Mikrophon versteckt.
Was ihn beim Zusammenstellen von "And I Feel Fine" am meisten erstaunt habe, sei die unfassbare Stirn, die er und seine drei Freunde Peter, Bill und Mike damals an den Tag gelegt hätten. Als dezidierte Nichtmusiker und blutige Dilettanten Songs zu schreiben, Platten aufzunehmen und ein ganzes Jahrzeht lang auf Tour zu gehen, unterbrochen nur von Studiosessions, ein Album pro Jahr, nicht einmal genug Zeit, um Texte zu schreiben. Stattdessen nur Lautmalen. "Murmur" eben.
Und dann der mit "Fables of the Reconstruction" und "Document" vollzogene Schritt zu persönlichen, politischen, politisch-persönlichen Inhalten. "Als 'Welcome to the Occupation' geschrieben wurde, war ich sehr frustriert über die Administrationen von Ronald Reagan und Bush Senior. Es fühlte sich an wie das finstere Zeitalter der amerikanischen Politik und niemand konnte sich vorstellen, dass es je noch schlimmer werden könnte. Heute wissen wir es leider besser."
Stipe erinnert sich auch, wie er sich in einem Studio in Memphis mit dem Produzenten von Mavis Staples unterhielt, als der nebenbei das Wort "Vokal-Arrangement" erwähnte: "Das war so, als wäre in meinem Kopf eine Glühbirne aufgegangen: Was denn, Stimmen kann man auch arrangieren?"
Aber laut ausgesprochen haben Sie das nicht, oder? (in meinem Kopf war ich mit Stipe per Sie)
"Möglicherweise schon. Ich könnte ihn damit verscheucht haben."
So sprach der scheinbar unaffektierteste, ungezierteste, nahbarste Mensch der Welt, und hätte ich nicht am selben Tag in der Zeitung ein Foto von Stipes Shopping Trip mit Gwyneth Paltrow gesehen, dann hätte ich fast vergessen, dass es da auch noch diese andere Celebrity-Welt gibt, die er bewohnt.
Ich hatte jedenfalls einen verlorenen alten Helden wiedergewonnen, und sowas passiert nicht oft. Die einzige Enttäuschung blieb, dass der russische Playboy nicht aufgetaucht war.
Ausschnitte des Interviews und jede Menge Songs von der REM-Compilation "And I Feel Fine - The Best of the IRS Years 1982-1987" sind heute bzw. morgen (je nachdem, wann ihr das lest), am 20.9. ab 14 Uhr in FM4 Connected zu hören.