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London/Canterbury | 8.3.2007 | 01:51 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
"Don't lick your fingers..."
  Ein gutes Monat ist es jetzt her, dass ich auf diesen grauen Seiten mit den saloppen Worten "darüber später einmal mehr" meine Enttäuschung herunter spielte.

Ich hatte schließlich gerade ein großes Konzert von Arcade Fire (und noch manch anderes Erhebendes, siehe die verlinkte Geschichte) erlebt, und das Letzte, was ich wollte, war diesen Eindruck mit meinem Maulen über den einen Downer des Tages zu verunreinigen.

Ich war zusammen mit einem Haufen anderer Journalisten in diesem Hotel an der Themse herumgestanden und hatte auf meinen Interview-Slot gewartet, während das neue Arcade Fire-Album auf Dauerrotation lief.

Die Liste meiner Fragen zu diversen bedeutungsschwangeren Textzeilen wurde dabei immer länger, und ich schwebte schon ganz in meiner Prä-Interview-Trance, als mich eine Kollegin aus Deutschland oder Spanien oder sonstwo fragte, wen von der Band ich denn eigentlich interviewen würde.

Die Idee, dass ich nicht mit Win Butler oder Régine Chassagne sprechen würde, war mir ewigem Amateur eigentlich gar nicht gekommen, aber nun drängte sie sich förmlich auf. Alles hatte zu gut geklungen, das Interview war mir in den Schoß gefallen, der öffentliche Verkehr hatte nicht versagt, an der Rezeption gab es gratis Äpfel... irgendwo musste der Haken kommen.
 
 
Der zweite von links und die erste von unten haben mit dem kleinen Ösi gesprochen.
 
 
"Hi", sagte er, lächelte freundlich und ging an uns vorbei, verschwand in den Tiefen des Hotelkorridors
  Ich fragte also beim Plattenfirmenpromo-Team nach und erhielt eine verdächtig unpräzise Antwort. "Win is floating", hieß es. Er treibe sich frei zwischen den Interview-Zimmern herum, tauche nur hin und wieder da oder dort auf.

"Ja, und Régine?", fragte ich. Ich sollte mich überraschen lassen, alles sei noch offen, hieß es.

Eine Viertelstunde später lotste mich die Frau, die das gesagt hatte, einen Stock tiefer zu den Interviewzimmern und zog einen abgenudelten ausgedruckten Zettel hervor, auf dem mein Name neben denen von Schlagzeuger Jeremy Gara und Violinistin Sarah Neufeld stand.

Die Schreiberin einer flämisch-belgischen Fernsehillustrierten wurde Régine zugewiesen. Ich versuchte noch mit ihr zu tauschen, aber es half nichts.

Da flüsterte mir die Promo-Frau verschwörerisch ins Ohr: "Win's in the room at the moment. You might get lucky."
Aaah, na hervorragend. Alles in mir entspannte sich wieder, die Promo-Dame steckte die Magnetkarte in den Schlitz, und die Zimmertür ging verheißungsvoll auf.
 
 
 
  Win Butler persönlich steckte uns seinen Kopf entgegen. "Hi", sagte er, lächelte freundlich und ging an uns vorbei, verschwand in den Tiefen des Hotelkorridors. Floating.

Das Interview war dann trotzdem ganz nett (Ausschnitte waren und sind die ganze Woche über in unseren Prime Cuts-Slots bzw. in meiner letzten Heartbeat-Sendung zu hören), aber all meine spezifischen Fragen zu den Songs, die nun einmal Win und Régine schreiben, blieben unbeantwortet.

Und es dauerte eine Zeit, bis mir klar wurde, dass das auf irgendeine Weise auch wieder gut so war. Diese Interview-Fixiertheit der Musikverwertungsindustrie, die des Musikers Kommentar oft wichtiger als das Besprochene nimmt (weil "exklusiv"), ist ohnehin ein Unfug. Wie oft hab ich mich schon geärgert, weil nach einem Interview weniger von der Platte da war als zuvor.
 
 
 
 
 
Nach den Bomben und der Repression die Apokalypse
  Klar ist jedenfalls auch so, dass der Titel "Neon Bible" mehr ist als das Zitat eines gleichnamigen Buchs von John Kennedy Toole (besser bekannt für seine "Confederacy of Dunces") oder dessen vor knapp sieben Jahren herausgekommener Verfilmung (dieser Artikel dazu scheint mir ziemlich kompetent zu sein).

Die Texte, die uns die Plattenfirma dazu gab (ob sie bei der fertigen CD-Version dabei sind, weiß ich ehrlich gesagt nicht), waren nicht vollständig. Gleich im ersten Song "Black Mirror" fehlte die nicht ganz irrelevante zweite Strophe, wo Win sich von Security-Kameras erschossen fühlt. Dafür war da eine Zeile nachzulesen, die ich nie und nimmer herausgehört hätte:
"Le miroir casse / The mirror casts mon reflet partout"

Die Metapher des zerbrochenen Spiegels ist im Französischen meines bescheidenen Wissens nach ja keine unbeliebte, aber der Schlussreim hat einen eindeutigen Bezug auf ein Thema, das sich genauso durch dieses Album zieht wie durch alle Nachrichtenmedien der letzten (mindestens) vier Jahre.

"Mirror mirror on the wall
Show me where the bombs will fall"
 
 
 
  Der zweite Song "Keep The Car Running" macht klar, wo die allseits herumschwirrenden Vergleiche mit den Waterboys herkommen, und wechselt vom Kriegsgebiet in die paranoide Beklemmung eines autoritären Systems.

"If some night I don't come home,
Please don't think I've left you alone"

Nach den Bomben und der Repression gesellt sich im Titeltrack gleich eine Ahnung der kommenden Apokalypse hinzu.

"Not much chance for survival
If the neon bible is right"

In meiner persönlichen Neonbibel - dem Fernseher neben mir - läuft passenderweise gerade eine Geschichte über indische Überlebende des Tsunami vom Vorjahr, die sich mit dem Verkauf ihrer Nieren finanziell über Wasser halten.

Die Neonbibel ist gleichzeitig Bote und Teil des Problems. "Don't lick your fingers when you turn the page", sagt Win Butler, denn die Zeitung ist getränkt im "poison of your age" und vergiftet den Leser wie die verbotenen Schriften im "Namen der Rose".

Und die (anti-)klerikale Metapher kehrt gleich in "Intervention" wieder zurück, hörbar zunächst in Form einer Kirchenorgel, übrigens nicht aus der kleinen Kirche, die die Band für diese Platte in ihr eigenes Studio umfunktionierte, sondern aus einer stattlich großen Kirche in Downtown Montreal.

Dann die Schlüsselzeile "Working for the church while your family dies". Was genau damit gemeint ist, hätten uns nur Win oder Régine sagen können, aber ich trau mich wetten, dass die Kirche, um die es hier geht, als Allegorie auf jede Art sich über menschliches Wohlergehen hinweg setzenden Dogmas zu verstehen ist. Im Hintergrund stöhnen die Soldaten: "We'll go at it alone."
 
 
 
  In "Black Wave/Bad Vibrations" übernimmt Régine Chassagne das Heft mit einer optimistischen Geschichte des Neuanfangs einer Flüchtenden, die nie mehr zurückblicken will, aber mitten im Song gerät der flotte Beat ins Stocken und verlangsamt sich zu einem Grollen, aus dem Win Butlers Stimme wie ein verwunderter, gealterter Bryan Ferry hervorkriecht und mit träger Zunge von der großen schwarzen Welle singt, die aus der Mitte des Meeres emporsteigen und sie beide verschlingen wird.

"Ocean of Noise" und "The Well And The Lighthouse" führen dieses maritime Sprachbild fort. "An ocean of violence between me and you", aber gerade an dem Punkt, wo all das schwarze Wasser sich in einer diffusen Grund-Düsternis zu verlaufen droht, folgt das primitive Meisterstück des Albums.
 
 
 
"I don't wanna fight in a holy war"
  Von der Form her klebt der "(Antichrist Television Blues)" am althergebrachten 12-Takte-Schema und Win Butlers Stimme empfindet detailgenau Bruce Springsteen nach ("right down to the last whoop", wie Sarah Neufeld sagt).

Es ist die Geschichte eines Bauarbeiters, der offenbar ständig am Wiederaufbau der Twin Towers arbeitet, die immer wieder von Flugzeugen zerstört werden. Seine Tochter, sein "little mockingbird", soll es besser haben als er, also schickt er sie zu einer TV-Talente-Show, wo sie sich für ihr eigenes Wohl wie eine erwachsene Frau verkaufen soll.

"Do you know where I was at your age?
Any idea where I was at your age?
I was working downtown
for the minimum wage,
and I'm not gonna let you just throw it all away!"
 
 
 
  Der Song endet ganz abrupt mit der Frage "Oh! Tell me Lord, am I the Antichrist?", gefolgt von der prompten Antwort in Form der ersten Zeile von "Windowsill": "I don't wanna hear those noises on TV."

Das ist der programmatische Protestsong, in dem der medienkritische, prä-apokalyptische Grundton des Albums auf den Punkt gebracht wird. Hier gibt es praktisch keine nicht zitatwürdige Zeile, und interessanterweise fehlte auch hier eine der wichtigsten davon ("I don't want to fight in a holy war") in der Transkription, die uns die Plattenfirma gab.

Das Kunststück, in einer Strophe ernsthaft die kommende Sintflut, MTV und den dritten Weltkrieg unterzubringen, ohne sich dabei lächerlich zu machen, ist nicht zu unterschätzen.

Einzig die Schlussfolgerung des Erzählers ist - mit Absicht? - nicht wirklich so revolutionär. Er will nicht mehr im Haus seines Vaters wohnen (vgl. "my father's house" mit "Maggie's Farm" bei Bob Dylan), er will all das, was er beklagt, nicht mehr von seinem Fensterbrett aus sehen. In anderen Worten: "I don't wanna live in America no more." Könnte da Kanada mitgemeint sein?
 

 
audio
 
title: Prime Cuts: Neon Bible
artist: Arcade Fire
length: 0:53
MP3 (862KB) | WMA
   
 
 
  Nach diesem Doppelpack fällt der Schluss des Albums - vielleicht zwangsläufig - ein wenig ab. Die Neuaufnahme von "No Cars Go" fegt zwar zweifellos, bleibt aber eine Neuaufnahme, und das träge brütende "My Body Is A Cage" übertreibt's ein wenig mit seinem Selbstmitleid.

Aber damit kann man mehr als leben, und meine Wenigkeit zieht diesen Zweitling eigentlich am Ende sogar dem weithin vergötterten Debüt-Album vor. Aber reden wir in einem halben Jahr noch einmal darüber.

Einstweilen sei ein Besuch der Neon Bible-Website empfohlen, wo man sich zu "Guns" durchnavigieren und eine akustische Live-Cover-Version von "The Guns of Brixton" von The Clash aus der St. John's Church zu London (nicht der Abend, an dem ich dort war) nacherleben kann.
 
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