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London/Canterbury | 15.9.2007 | 02:56 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
The Betrayal of Britain?
  Nur weil es unter meinen österreichischen FreundInnen und Bekannten immer noch genug gibt, die sich Illusionen machen, hier eine interessante Verkettung symbolischer Ereignisse in der britischen Innenpolitik der letzten zwei Tage:

Am Donnerstag hatte Premierminister Brown Besuch. Von einer gebrechlichen 81-Jährigen im - soviel Takt hat sie - nicht blauen, sondern rosa Kleid.

Es war dieselbe Margaret Thatcher, die Gordon Brown kürzlich ehrerbietig als "Überzeugungspolitikerin" bezeichnet hatte.
 
 
Saatchi & Saatchi 1979
 
 
  Am selben Tag ließ die Labour Party verlauten, dass sie ihre Werbelinie ab sofort von der Agentur Saatchi & Saatchi betreuen ließe.

Diese Agentur war es auch, deren "Labour isn't working"-Slogan Margaret Thatcher 1979 zur Machtübernahme verhalf.

Seither war Saatchi & Saatchi auf die Tories abonniert. In den 1980ern machte die Firma unter anderem als Imageberater konservativer Privatisierungskampagnen enorm viel Geld.

Für ihren Seitenwechsel mussten die Werber aber nicht mit ihren Prinzipien brechen. Ihre Kampagne für Gordon Brown hat ebenso viel Wortwitz wie wenig politischen Gehalt: "Not flash, just Gordon" (Anm.: "flash" als Adjektiv heißt schnittig, angeberisch, auffällig).
 
 
 
Saatchi & Saatchi 1997
 
 
  Die Gebrüder Saatchi, also Charles, der Kunstsammler, dessen Investitionen in Leute wie Damien Hirst oder die Chapman-Brüder wir den BritArt-Boom zu verdanken hatten, und Maurice, der Tory-Aktivist mit den Elvis Costello-Brillen, haben mit der nach ihnen benannten Agentur ohnehin schon seit den 1990ern, als sie von den unzufriedenen Aktionären abgesägt wurden, eigentlich nichts mehr zu tun.

Aber zumindest Labours Entscheidung, sich mit einem Namen wie Saatchi & Saatchi in Verbindung zu bringen, hat einen hohen symbolischen Wert.

Genauso wie der Fototermin mit Maggie, Labours alter Nemesis, deren Überzeugungspolitik Brown als junger Politico so leidenschaftlich bekämpft hatte.

Erst 1989 hatte er ein Buch mit dem Titel "Where There is Greed: Maragaret Thatcher and the Betrayal of Britain's Future" veröffentlicht.
 
 
 
Saatchi & Saatchi 2007
 
 
  Heute hat er eine andere Agenda, nämlich dem unter hartgesottenen Tories als Verräter des Thatcherismus angesehenen Konservativen-Chef David Cameron eins auszuwischen, indem just er sich Maggies Segen holt.

Und seine eigene Privatisierungs- und Anti-Gewerkschaftspolitik (im Moment geht's gerade gegen Gefängniswärter und Krankenschwestern) verfolgt er natürlich auch.

Insofern weiß auch Maggie Thatcher, bei wem ihr politisches Erbe derzeit am besten aufgehoben ist.

Saatchi & Saatchi sind nicht mehr Saatchi & Saatchi, und Labour auch unter Gordon Brown längst nicht mehr Labour. Aber Maggie ist wohl Maggie geblieben. Die Überzeugungstäterin.
 
 
 
  In der Zwischenzeit hat die Finanzkrise in den USA ihren Schatten auch auf Großbritannien geworfen. Gestern war erstaunlich wenig von den selbst regulierenden Kräften des Markts zu hören, als die auf Hypotheken spezialisierte Bank Northern Rock sich von der Bank of England Geld borgen musste, um nicht - all ihrer milliardenschweren Immobilien zum Trotz - wegen mangelnder Liquidität unterzugehen (man verzeihe das paradoxe Wortbild).

Das vorhersehbare Ergebnis waren lange Schlangen vor den Filialen von Northern Rock, deren Kunden in ihrer Panik bereits über eine Milliarde Pfund in sichereres Bargeld verwandelt haben.

Das sah nicht nach der von Brown und nun seinem Nachfolger Alastair Darling viel beschworenen Stabilität aus, die sich die letzten zehn Jahre paradoxerweise in explodierenden Hauspreisen geäußert hat.

Um zu sehen, was passiert, wenn solche Blasen platzen, empfiehlt sich ein Blick in die dunklen Tage der nun so gern verklärten Thatcher-Ära. Falls wer schauen will.

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