fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
London/Canterbury | 13.11.2007 | 19:23 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Werner.
  Wie Kollege Blumenau schon gesagt hat: Wir hatten alle gewusst, dass es passieren würde. Die wahre Trauer, die fand schon vor Jahren statt, als klar wurde, dass es mit Werner nicht mehr bergauf gehen würde. So hatte ich mir das jedenfalls zurechtgelegt. Und dann trotzdem geheult ohne Ende.
 
 
 
  Werner wollte nie gern fotografiert werden, drückte sich immer vor Promo-Fotos, daher ist hier auch kein Bild von ihm zu sehen. Wie mir von einem von Werners Freunden übermittelt wurde, wollte er in seiner - oberflächlich nicht zu seinen robusten Diskussionsbeiträgen passenden - typischen Selbstbescheidung nach seinem Tod auch keine Nachrufe sehen. Dies hier ist ja auch keiner, sondern bloß mein Nachgeben gegenüber einem egoistischen Mitteilungsbedürfnis.
 
 
 
  Wie ich vorhin mit Erstaunen festgestellt habe, ist dieser enormen DJ-, Radio- und Produzentenpersönlichkeit, die die Musikvorlieben mehrerer Generationen geprägt hat, nicht einmal eine Wikipedia-Seite gewidmet. So wie wir Werner kannten, ist es gut möglich, dass er einen solchen Eintrag selbst gelöscht hätte.
 
 
 
  Ich persönlich verdanke Werner Geier nicht nur Evas und meine Sendung (und übrigens auch den Titel "Heartbeat"), sondern überhaupt meinen Beruf. 1992 ließ er mich, nachdem er ein paar bescheidene Artikel von mir in einem vom Rest der Journalistenkollegen nicht einmal ignorierten Blättchen gelesen hatte, auf Anhieb eine Music Box über das zu diesem Zeitpunkt gerade Pleite gegangene, vom - ebenfalls heuer verstorbenen - Anthony Wilson gegründete Label Factory Records gestalten. Eine derart wichtige Sendung einem völligen Frischling anzuvertrauen, das war eigentlich völlig verrückt. Und spricht Bände über Werners gesunde Missachtung erprobter Vorgehensweisen und seinen Mut zum Risiko, der eine paradoxe Paarung mit seinem Perfektionswahn einging.
 
 
 
  Eines meiner bleibenden Bilder von Werner ist sein gekrümmter Rücken, wenn er sich des Nachts im Funkhaus in irgendeinem leeren Studio eingeschlossen hatte, um seine Moderationen genau so lange wieder und wieder aufzunehmen, bis er wirklich zufrieden war. Durchs Bullauge der Studiotür sah ich ihm zu, wie er gestikulierend und insistierend auf das Mikrophon einsprach. Wie er sich danach immer mit einem Schwung an seinem Drehsessel der Bandmaschine zuwandte und mit seinen flotten Fingern am Bandkuchen herumschraubte, immer wieder fliegende Bandschnipsel hinter sich auf den Boden schleuderte und - ganz der DJ - mit forschenden Handbewegungen und geneigtem Ohr nach dem perfekten Schnitt suchte. Ob absichtlich oder nicht, wir alle imitierten seinen Stil, sobald wir vor dem Mikro saßen. Und keiner von uns kriegte es hin.
 
 
 
  Aber Werner besaß nicht nur die schönste Stimme im Radio. Sogar die Funkhaustechniker sahen ihm nur achtungsvoll zu, wenn er für einen besonders schwierigen Mix die vier mit Autostart versehenen Studers und die zwei Plattenspieler wie eine Kirchenorgel spielte.
 
 
 
  Werner Geier besaß eine unerhörte Autorität, ohne dafür die Macht der Hierarchie zu benötigen. Im Gespann mit Fritz Ostermayer schaukelte er die letzten Jahre der Music Box in einer endlosen Kette bereichernder Grundsatzdiskussionen, die viel zu leidenschaftlich waren, um sich aufs Sendungmachen zu beschränken.
 
 
 
  Diese Leidenschaftlichkeit setzte sich anfangs auch in FM4-Sitzungen fort. Aber es wäre absurd, hier nicht Werners tiefes Unbehagen darüber zu erwähnen, in welche Richtung FM4 sich entwickelte (Und bevor ihn hier jemand posthum instrumentalisiert, dieses Unbehagen war ein komplex begründetes, das nichts mit Kommerz oder Nichtkommerz zu tun hatte. Werner war ein Pop-Liebhaber ohne elitäre Dünkel).
 
 
 
  In dieser Hinsicht stimme ich mit Martins Sicht nicht ganz überein - muss ja auch nicht sein. Ich glaube sehr wohl, dass Werner sein ganzes Herz in FM4 steckte. Ich war sicher nicht der einzige, mit dem er stundenlang über dieses Thema telefonierte (auch nach meinem Umzug nach England, übrigens immer auf seine Kosten). Aber sein ganzes Herz steckte wohl in allem, mit dem er zu tun hatte, und sein größter Zorn galt wohl Wichtigerem.
 
 
 
  Er war ein sich der eigenen Fehler allzu gewahrer, überaus selbstkritischer Idealist, das Gegenteil eines Pragmatikers. Den alten Adorno-Sager "Es gibt kein Richtiges im Falschen" trug er oft auf den Lippen, "auch wenn ich solche Sinnsprüche ob ihrer Totalität nicht sonderlich mag", wie er in unserem letzten Mail-Wechsel im März formulierte.
 
 
 
  Ob es auch dieser Zorn war, auf den sein Körper reagierte, kann niemand wirklich sagen. Aber so wie ich Werner kannte, gab es für ihn keinen Ausweg in den Zweck-Zynismus, er federte nichts ab.
 
 
 
  Ich bin indessen zornig auf mich selbst, dass ich gegen Ende - im Gegensatz zu anderen, die das offenbar ignorierten - seinen ausdrücklichen Wunsch respektierte, ihn nicht mehr zu besuchen. Als hätte sein körperlicher Zustand irgendwas an seiner Würde gemindert. Von wegen "over and out". Bullshit.
 
 
 
  Was man vom gemessenen Duktus seiner Radiostimme her nie erahnen konnte, war dass Werner einer der witzigsten Menschen war, die ich je kennen lernen durfte. Einer, der genauso gern über politische Themen diskutierte wie er in Style-Magazinen blätterte. Der einen liebevoll onkelhaften Tonfall aufsetzte, wenn junge Hip Hop-DJs in die Redaktion schlurften. Der abstrakte Beats so mixen konnte, dass sogar einem unheilbar Popsong-Besessenen wie mir nie dabei fad wurde. Einer, der in seinem gesundheitlichen Pech auch unfassbar großes Glück hatte, dass es jemand gab, der (besser: die) ihn bis zum Schluss begleitete und betreute.
 
fm4 links
  Nachricht von Werner
Martin Blumenau zum Tod Werner Geiers
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick