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London/Canterbury | 24.6.2008 | 23:05 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Silhouetted by the Sea
  Man sollte am besten immer gleich alles niederschreiben, bevor die Details im Kopf wieder vom Stimulationsmüll des Alltags weggeschwemmt werden.
Das hab ich nicht getan. Ich hatte zwar meinen Laptop mit, aber ich hab ihn nicht einmal aufgemacht in jener Woche vor zwei Wochen, die genauso gut zwei Jahre her sein könnte.

Alles begann mit einer Myspace-Message letzten Winter von einem italienisch/österreichischen Veranstalter/Labelbetreiber, dessen Name mir von früheren Emails her geläufig war.

Er fragte, ob ich eine Woche nach Sardinien kommen und dort am Strand Gitarre spielen wollte. Dabei ginge es nicht wirklich um den Gig, den Bandnamen oder das Ego, sondern um das gemeinsame Erlebnis.

Die ganze Unternehmung sollte Dunajam (eine anglo-italienische Wortkreation für Jammen auf der Düne) heißen und heuer offenbar schon zum dritten Mal stattfinden. Geschätzte fünfzehn Bands aus Deutschland, Italien, den USA, Dänemark und Österreich waren gebucht, das Publikum auf 100, aus ungefähr denselben Ländern angereiste Leute beschränkt.

Es klang zu gut, um wahr zu sein. Ich sagte sofort zu, unter der Bedingung, dass ich zu zweit anreisen würde.
 
 
 
Jam am Strand, Bild: Tiberio Sorvillo
 
 
  Irgendwann wurde es dann Juni, die spontane Zusage war Wirklichkeit geworden, und wir saßen im Leihauto am Flughafen von Cagliari mit einem ausgedruckten Email, in dem die Anfahrt zum gemeinsamen Treffpunkt von Bands und "the so-called audience" beschrieben war.

Wir steuerten die Costa Verde, den südwestlichen Teil der Insel an, den Paris Hilton, die im Nordosten an der Costa Smeralda mit ihren Milliardärsfreunden Cocktails schlürft, nicht einmal vom Hörensagen kennt.

Dafür gibt es da umso mehr Kurven, endlos viele Büsche, halbwilde Hunde, Schweine und Ziegen, enorm viele verfallende ehemalige Bergwerke aus allen möglichen Epochen zwischen der Römerzeit und dem 20. Jahrhundert, Grotten, Tempel, leere Strände, verrauchte kleine Cafés, fast überhaupt keine Plakatwände, keine Supermärkte, die größer sind als eine durchschnittliche Ein-Familien-Wohnung, jede Menge billigen, namenlosen Wein, der kalt serviert wird und kein Kopfweh hinterlässt, unasphaltierte Staubstraßen und strikte Mittagspause von eins bis fünf.
 
 
 
 
 
  Aber das sollten wir alles erst kennen lernen. Zuerst fanden wir einmal den Treffpunkt, ein Landgasthaus mit gedeckten Tischen für die gesamte Gesellschaft. Nach Spaghetti, Fisch und Wein wurde am Ende des Gastzimmers die Anlage aufgedreht, und die erste Band begann bei voller Lautstärke die Essensreste von den Tischtüchern zu blasen: Tracker aus Innsbruck spielten psychedelischen Noiserock, wie er nach Vongole ganz genau in den Bauch passt, und ich wusste schon, dass wir mit unserer Reise keinen Fehler gemacht hatten.

Schön war auch anzusehen, wie Bassist Martin seinen Rickenbacker schwang und wie Sänger/Gitarrist Max mehrfach dabei gefilmt und fotografiert wurde, wie er an seinem Effekt-Pad herumschraubte. Boys and their toys.

 Tracker im Ristorante
 
 
  Wie die Band hieß, die nach Tracker schweren Stoner-Rock ohne Vocals spielte, erfuhr ich dann erst später (Rotor!), aber das passt andererseits ja auch wieder ins Anti-Starkult-Konzept der Sache.

Auch der hier bisher ungenannt gebliebene Organisator des Dunajam, wollen wir ihn X nennen, hat übrigens keinerlei Interesse, sich mit seiner Veranstaltung persönlich zu profilieren. Nicht bloß aus Prinzip und Bescheidenheit, sondern auch weil die ganze Sache ja nicht wirklich angemeldet, lizensiert oder legal ist. Gleich am ersten Abend zeigte X mir einen Flyer mit den richtigen Bandnamen aber falschen Daten und Veranstaltungsorten, der überall in der Gegend verteilt worden war, um Polizei und Anrainer auf die falsche Fährte zu locken.

Ich muss zugeben, zur Zeit der illegalen Raves Anfang bis Mitte der Neunziger war ich nicht dabei. Ich fand das Prinzip gut, konnte aber mit den straighten Beats nie was anfangen. Auf meine alten Tage holte ich nun das damals Versäumte nach.
 
 
 
  In der folgenden Woche fanden jeden Spätnachmittag und jede Nacht Gigs statt, von deren Locations man immer ungefähr so erfuhr wie von der Umstellung zwischen Sommer- und Winterzeit. Irgendwer wusste immer gerade rechtzeitig Bescheid, und irgendwie waren dann alle zur selben Zeit am selben Ort. Pläne wurden ständig spontan geändert oder erfunden, und ein weißer Bus voller Münchner Heinzelmännchen aus der Szene rund um das dortige Elektrohasch-Label stellte die Generatoren und die Backline auf.

Meine neopsychedelischen Kenntnisse hab ich in den letzten 15 bis 18 Jahren kaum aufgefrischt. In dieser Zeit scheinen sich interessante Übergänge in Richtung Stoner Rock ergeben zu haben, die überhaupt keinen Genierer in Richtung des alle Zeitgrenzen sprengenden Gitarrensolos kennen. Ich bin ja mit dem Anti-Solier-Ethos des Post-Punk aufgewachsen, auch wenn ich mich selbst nie ganz dran gehalten hab. Aber wenigstens das schlechte Gewissen war immer da!

 
 
Bild: TS
 
 
  Und dann sitze ich auf einer Düne, einen geschätzten Kilometer von der Küste entfernt, höre das dezent südasiatisch getönte, gefinkelte Gezwirbel des Trios Colour Haze, sehe die im natürlichen Amphitheater aus Sand verstreuten Leute und muss an die Massensexszene in Zabriskie Point denken, zu der Jerry Garcia was wunderschön Verträumtes nudelt - nur in diesem Fall eben ohne den Sex. Und da ist absolut gar nichts falsch dran (Ich rede natürlich vom verträumten Nudeln, nicht vom Sex. Die andere, eigentlich völlig artfremde Assoziation war übrigens Paul Weller 1994 in Glastonbury im Sonnenuntergang, als er gerade das Gitarrensolo entdeckte und für "Shadow of the Sun" eine gute Viertelstunde brauchte - auch daran war damals schon übrigens nichts falsch, da muss man dort gewesen sein, um's zu verstehen).
 
 
 
Colour Haze, Bild: TS
 
 
  Als perfektes Gegengift zum epischen Improvisationsrock spielten dann am selben Abend im Rahmen des parallel zum Dunajam verlaufenden Prickly Pea Bowls-Events zwei selten knackige Garagenbeat-Bands in einer - wie passend! - Garage.

Einerseits die hervorragenden
Intellectuals
aus Rom, deren Schlagzeugerin vor der Zugabe in gebrochenem Englisch behauptete, dass sie eigentlich gar nicht spielen könne (was immer das heißen soll), während Keyboarderin Tina mit Ein-Finger-Methode ihre kleine Casio bediente und Sänger und Gitarrist Francesco sich nicht vom verzichtbaren Fimmel des Gitarrestimmens aufhalten ließ.

 The Intellectuals
 
 
Rock'n'Roll Adventure Kids in der Garage. Bild: TS
 
 
  Andererseits die Rock'n'Roll Adventure Kids, zwei Brüder aus Kalifornien, einmal Schlagzeug, einmal Gitarre, beide Gesang, die ein unfassbar energiegeladenes Set voller Gassenhauer wie "I Got Your Panties In My Pocket" zum Besten gaben. Ich gebrauche das Wort "unfassbar" hier nicht leichtfertig und stelle fest, dass man in dieser Minimalbesetzung keineswegs zwangsläufig wie die White Stripes klingen muss. Es geht auch dreimal so schnell und dreimal so laut.
 
 
 
Mark von den Rock'n'Roll Adventure Kids, dahinter Tina von den Intellectuals, Bild: TS
 
 
  In der Zwischenzeit versuchte ich X Informationen darüber zu entlocken, wo ich seinem Masterplan zufolge eigentlich spielen sollte und schnappte dabei das Wort "Dorffest" auf. X steckte mich außerdem mit Tom alias Gown, dem Vernehmen nach ein Cousin von Gram Parsons, zwecks gemeinsamen Jammens zusammen.
 
 
 
  In dieser Mission begab ich mich also in jenes besetzte Haus an einem Hügel, das allgemein "the base" genannt wurde und jede Menge MusikerInnen beherbergte. Es war die Art von Ort, wo derjenige, mit dem man eigentlich dringend proben sollte, zwischendurch zum Koteletts-Braten abgezogen wird, und wo einem vier Leute fünf Verstärker hinstellen, aber keiner das passende Verlängerungskabel hat.

Die Fledermäuse, die im hauseigenen Probebereich nisteten (zum Proberaum fehlte ihm die vierte Wand), nahmen dem guten Tom fast den Mut zum Spielen, aber seine Songs waren sehr schön, melancholisch und herb.

 
 
Das Todesurteil
 
 
  In der Zwischenzeit hatten wir uns die eine oder andere Grotte oder Ruine angesehen und dabei im nahegelegenen ehemaligen Minenarbeiterstädtchen ein Plakat für die "Festa Patronale" zu Ehren des heiligen Sant' Antonio gesehen. Unterhalb der Prozessionsroute für Donnerstag standen da die Worte "spettacolo musicale con Robert Rotifer".

So war das also mit dem Dorffest gemeint gewesen. Bei dem Gedanken daran, mich weit außerhalb des gesicherten Indie-Reservats vor der sardinischen Landbevölkerung musikalisch zu produzieren, wurde mir schlagartig übel. Ich sollte in punischer Tradition das Menschenopfer spielen. Das war also der lang erwartete Haken an der Sache.
 
 
 
Dyse, Bild: TS
 
 
  Am nächsten Tag, oder war es der übernächste, kam ich gerade zum Proben in die Base, als der Bandbus der Staggers anrollte.

Während am Nachmittag am Strand das deutsche Duo Dyse seine von strengem Gebrüll begleiteten präzisen Riffs an die Felswände schmetterte, präsentierte Wild Evel das letzte Wort in Sachen Retro-Bademode.
 
 
 
Staggers in der Pizzeria, Bild: TS
 
 
  Am Abend spielten die Staggers dann im Garten einer Pizzeria. Evel entschuldigte sich beim Publikum. Er sei ein bisschen lazy, weil er gerade sieben Pizza-Schnitten vertilgt hätte. Doch was bei ihm lazy heißt, wäre bei jedem anderen immer noch die schiere Entäußerung.

Dabei schau ich bei den Staggers ja zugegebenerweise eigentlich immer am liebsten dem Bassisten zu.
Was eine Band. Die Pizzeria lag ihnen zu Füßen.
 
 
 
  Eigentlich hätte danach die örtliche Surf-Beat-Band (samt charmantem Cinecitta-Soundtrack-Einschlag) The Hangee V spielen sollen, aber an diesem Abend hatten die Carabinieri uns eingeholt, und der Gig wurde nach ein paar Nummern abgedreht.

Eine Stunde später hatte die Band ihre Backline im Fledermausquartier in der Base wieder aufgestellt und spielte dort weiter, bis die Sonne aufging.

Am nächsten Tag kletterten wir über die Klippen, während im Hintergrund die dänischen Bombast-Blues-Rocker Baby Woodrose gegen den Sonnenuntergang anspielten.

Des Nachts fielen Publikum und Bands gleichermaßen in die Base ein, um die rastlos punkigen, mächtigen Moviestar Junkies aus Turin zu erleben.

Und dann war's auch schon Donnerstag und wir fuhren die Serpentinen hinauf zu den verlassenen Minen von Montevecchio.
 
 
 
Bild: TS
 
 
  Nachher am Strand bei Causa Sui schlief ich vor Erschöpfung ein, rappelte mich auf und wir fuhren in erwähntes Bergarbeiterstädtchen zur Vollstreckung meines Todesurteils im Namen des Schutzheiligen der Reisenden und Vagabunden.

Tom und ich würden ein paar Songs gemeinsam spielen und uns das Set teilen, aber ich fing allein an.

Es war wie in einem Film, als ich wie ein Desperado mit meinem Gitarrenköfferchen in die Stadt spazierte und vor mir das Ende der Prozession sah. Wir mischten uns in die Menge. Es war feierlich still, der Geruch von Myrrhe lag in der Luft, tausende Blüten auf dem Asphalt, vor uns glänzte im trüben Licht die Tonsur des auf einem Traktor-Anhänger durch die Straßen geführten Sant' Antonio.
 
 
 
Gown und meine Wenigkeit, Bild: TS
 
 
  Wir nahmen einen Abschneider durch die Seitengassen und erreichten den Hauptplatz vor dem Umzug. Mitten vor der weißen Kirche stand eine viel zu große Bühne mit zwei einsamen Verstärkern drauf.

Die Prozession erreichte den Platz, und ich durfte anfangen. Vorher hatte ich mich sicherheitshalber noch Max von Tracker erkundigt, wie man sich beim Publikum auf Italienisch dafür entschuldigt, dass man nicht italienisch kann.

X hatte natürlich recht gehabt. Ich hätte mich nicht zu fürchten brauchen, die SardinierInnen sind aufgeschlossene Gemüter, und als Tom, der unerschrockene Texaner, schließlich die Bühne übernahm, war alles längst ganz entspannt und die Festa Patronale fest in Handen des Dunajam (oder der Prickly Pea Bowls oder was immer). Erst als dann nach der dritten Zugabe der Bakunin des Psychobilly Wasted Pido aus Venedig sein spätes Set begann, drehte ihm der städtische Soundmann gnadenlos den Ton ab, weil Pido das wertvolle Mikro zwecks Erzeugung perkussiver Effekte mit seiner Stirn attackiert hatte.
 
 
 
King Automatic, Bild: TS
 
 
  In einer Bar nebenan spielte danach die französische One-Man-Band King Automatic, bis der aus Palmwedeln und Sperrholz gezimmerte Plafond einzubrechen drohte. Und in der Früh waren die SardinierInnen schon wieder zum nächsten Umzug gestellt. Diesmal in traditionellem Gewand, mit Pferdewagen und allem drum und dran.

Ich hätt ja noch allerhand Schrullen zu erzählen, lass es aber lieber bleiben, bevor ich hier wie der Urlaubsheimkehrer mit seiner Diashow mein Publikum zermürbe.

X will den Dunajam eigentlich auch gar nicht allzu breit beworben sehen, weil er weiß, dass solche formlosen Dinge nur funktionieren, solange sie klein bleiben.

Es war nicht etwa der Wetterunterschied oder die Menschendichte, sondern die von diesem Verweigern von Expansionsgebot und Geschäftslogik erzeugte Stimmung, deren jäher Abfall dann bei meiner Rückkehr ins Londoner Mekka des Mammon einen schweren Kulturschock auslöste.

Ganz hab ich mich noch immer nicht davon erholt.
 
 
 
Bild: TS
 
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