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London/Canterbury | 22.10.2008 | 14:22 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Next stop Fegefeuer?
  Ich weiß ja nicht, wie es anderen geht, aber zumindest für mich gibt es Geschichten, die lösen nach und nach eine Reihe widersprüchlicher emotionaler Reaktionen aus und hinterlassen mich schließlich in einem Zustand entschiedener Unentschiedenheit.
 
 
 
  So ging's mir zum Beispiel gestern mit der Neuigkeit, dass aufgrund einer Initiative überzeugter Atheisten demnächst Busse mit der Aufschrift "There's probably no God. Now stop worrying and enjoy your life" ("Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Jetzt hört auf euch Sorgen zu machen und genießt das Leben") durch London fahren werden.
 
 
 
 
 
  Reaktion eins, aus dem Bauch: Eine gewisse Befriedigung, schließlich trage ich als einer, der in einem katholischen Land als "o.r.B." (oder "o.B.", Schulhofgekicher) aufgewachsen ist, aus meiner Schulzeit immer noch einen gewissen Groll mit mir herum.

Weil sie mich in der Volksschule eine Stunde lang aus der Klasse sperrten, mit dem Auftrag, in der Zwischenzeit die Schuhe und Mäntel der anderen Kinder zu ordnen, bzw. wegen der Zwangs-Messen-Besuche im Schikurs. Und nein, die ersparten Schulstunden haben diese dezenten Demütigungen nicht aufgewogen.
 
 
 
  Reaktion zwei, aus der Herzgegend: Ein gewisses Unbehagen, schließlich empfinde ich als einer, der selbst keine Religion vertritt, nicht nur keinen religiösen Eifer, andere mit meinem Standpunkt zu behelligen, die Vorstellung stößt mich sogar ab.
 
 
 
  Reaktion drei, aus dem Hirn: Enttäuschung über die halb durchdachte Ausführung einer zumindest interessanten Idee. Wiewohl das "probably" dem undogmatischen Agnostiker in mir (siehe Reaktion zwei) gefallen mag, führt es die ganze Kampagne doch ad absurdum.

Schließlich liest sich die eingefügte Abschwächung nicht nur als rechtliche Absicherung gegenüber Religionsgemeinschaften, die sonst auf Beleidigung ihrer Gefühle klagen könnten, sondern auch als Hintertür, falls die These sich bei Abgabe der sterblichen Hülle doch als falsch herausstellen sollte.
 
 
 
  Reaktion vier, aus dem Magen: Übelkeit. Weil die auf das vage atheistische Statement folgende selbstzufriedene Aufforderung, sich nicht zu sorgen, Leuten, die echte Probleme haben (und derer gibt es derzeit ja so manche), zu Recht unangenehm aufstoßen wird.
 
 
 
  Reaktion fünf, wieder aus dem Hirn, diesmal aus der Gegend, wo die Ironien hausen: Resignation. Schließlich ist mir nur allzu bewusst, dass gerade mir als Ungläubigem mangels Hoffnung auf Gottes Gnade die Möglichkeit, mich nicht zu sorgen, am allerwenigsten offen steht. Nicht einmal die Angst vor dem Sterben nimmt mir wer ab.

Na ja.
 
 
 
  Die ganze Aktion entsprang jedenfalls einer Kolumne auf der Guardian-Website, in der Ariane Sherine eine Antwort auf die in Großbritannien gerade in Krisenzeiten epidemischen Werbungen christlicher Sekten und deren beängstigende Drohungen mit dem Fegefeuer formulierte.
 
 
 
  Der Idee folgte ein Spendenaufruf, unterstützt von der günstigerweise von Guardian-Politik-Redakteurin Polly Toynbee angeführten British Humanist Society, dem unter anderem der Biologe Richard Dawkins (Autor des atheistischen Bestsellers "The God Delusion") enthusiastisch Folge leistete.

Und jetzt sieht es so aus, als würden die mit dem milde atheistischen Slogan versehenen Busse tatsächlich durch London gondeln.
 
 
 
  Keine Sorge übrigens, weil der Guardian so liberal ist, gibt es auf seinem Blog natürlich auch Platz für eine Gegenstimme.
 
 
 
  Langes PS: An dieser Stelle sei eine leider notwendige kleine Nachbesserung zu einer meiner älteren Geschichten hier angebracht, und zwar meinem Panorama der britischen Presselandschaft aus dem Jahre '05:
 
 
 
  Damals schrieb ich noch, dass David Aaronovitch's Kriegstreiberkolumnen mich erfolgreich aus der Leserschaft des Guardian verjagt hatten, genauso wie es in der Wahl meiner Sonntagszeitung mit dem Guardian-assoziierten Observer geschehen war, der überhaupt nur mehr als Propaganda-Werkzeug zur kriegsfreundlichen Manipulation der Dinner-Table-Gespräche der liberalen Middle Class zu dienen schien.

Mittlerweile bin ich mit eingezogenem Schwanz zum Guardian zurückgekehrt.
 
 
 
  Nicht nur, weil Aaronovitch längst zur Times übergewandert ist, wo er auch hingehört, sondern weil The Independent, das Blatt, dem ich und so viele andere vom Guardian Enttäuschte uns damals an die Brust warfen, in der Zwischenzeit demselben Herausgeber zum Opfer gefallen ist wie zuvor der Observer. Roger Alton. Ausgerechnet.
 
 
 
  Mit seiner alle journalistischen Bedenken in den Wind schlagenden Hörigkeit gegenüber Tony Blairs PR-Gorilla Alastair Campbell vor dem Irak-Krieg und seiner mit pseudo-originellen Zugängen dürftig verbrämten Vorliebe für mehr Promis und Brüste am Cover hatte Alton beinahe eigenhändig den inhaltlichen Ruin der zum Zeitpunkt seiner Machtübernahme bedeutendsten aller britischen Sonntagszeitungen zu verantworten.

Seit April hat er sich nun als neuer Herausgeber des Independent mit demselben destruktiven Eifer über meine Zeitung hergemacht. Sehr schade.
 
 
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