fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
London/Canterbury | 13.1.2009 | 22:40 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
shining in my community
  Es ist doch jedes Jahr von neuem wieder spannend, nach dem kurzen Abstecher ins österreichische Paralleluniversum der gedämpften Aufschläge wieder in die Wahlheimat zurückzukehren und zu schauen, was sie einem in der Zwischenzeit so an neuen Herausforderungen zugedacht hat.

Fade aber doch entscheidende Sachen wie die jährliche Steuerrechnung zum Beispiel. Das klingt jetzt auf Anhieb zugegebenermaßen nicht rasend interessant, aber es hat schon was, wie einen die britische Steuerbehörde immer so kumpelhaft mit einem gefühlten 'per du' in der ersten Person Singular anspricht.

Diesmal hatte die intime Anrede sogar ein bisschen was ehrlich Ratloses an sich: "Es ist jetzt unwahrscheinlich, dass ich dir eine Kontomitteilung darüber schicken können werde, was bis 31. Jänner zu zahlen ist," stand da. "It is now unlikely..." Poetisch irgendwie.
 
 
 
 
 
  Die Strafandrohung, wenn ich bis dahin nicht zahle, was ich anhand der gegebenen Informationen selbst zu zahlen entschieden habe, bleibt zwar bestehen, aber der desperate Unterton ist kaum zu überhören: Es geht derzeit drunter und drüber in der Inland Revenue, und sie hat einfach keine Zeit, sich um meinen popeligen Kleinkram zu kümmern.
 
 
 
  Umso besser, schließlich gab es in meinem Leben in letzter Zeit ohnehin den einen oder anderen Totalschaden zu finanzieren. Und so begibt man sich auf der Suche nach einem neuen Kübel zum Autosupermarkt, wo mitten in der Mondlandschaft eines Nordwestlondoner Industriegebiets tausende von ehemaligen Vertreterkarren neuer Besitzer harren.
 
 
 
  Am Weg dorthin in der Bakerloo Line erinnert mich ein Klein-Plakat an die Möglichkeit, meine Freizeit in eine Zweitkarriere als Police Community Support Officer zu investieren.
 
 
 
 
 
  "Shine in your community" steht da in Silber auf signalgelbem Untergrund, die charakteristische Farbkombo, die die im Volksmund "Plastic Policemen" genannten, freiwilligen Helferlein der Polizei im Straßenleben sichtbar macht.

Im Unterschied zu den orangen, mit der Aufschrift "Community Payback" versehenen Leuchtjacken, die Kleinkriminelle neuerdings beim Sozialdienst anziehen müssen. So lassen sich die Goodies und die Baddies schön auseinander halten, falls der Pöbel Lust auf Selbstjustiz kriegen sollte.

An der Willesden Junction angekommen, folgt man dann einer schmalen Fußbrücke über die Schienen-Spaghetti, die sich schlussendlich in die Ausfallstrecke gen Westen entwirren. Hätte Robert Johnson den Teufel an dieser Crossroad getroffen, er hätte den Blues nie gefunden.

Hier ist übrigens auch der Ort, wo die Lastzüge mit dem Atommüll Großbritanniens ihren Nacht-Halt machen, bevor sie den Rest ihrer Reise quer durch London bis hinunter zum Frachthafen antreten.

 
 
 
 
 
  Auf der anderen Seite der Brücke erreicht man dann das Land der Toten Kühlschränke, wo gestrandete "white goods" ihre letzte Ruhestätte finden.

Bei Minusgraden bin ich an Bergen mit Frost bedeckter verendeter Eiskästen vorbei gewandert, von der großen Materialrutsche hinter Stacheldraht, an deren Ende ein paar abgefallene Schwingtüren liegen, bis zu einer direkt aus Wall-E zitierenden, an die in ihren Tausenden verpufften, elektrischen Seelen gemahnenden Hügellandschaft aus aufgetürmtem weißem Blech.

Jeder dieser Quader hat einmal eine Küche bewohnt, hat magnetisch befestigte Spuren des täglichen Lebens an sich getragen, hat manchmal gebrummt, manchmal nur leise gesurrt und wurde schließlich eiskalt verstoßen.

Während ich so durch einen großteils von menschlichem Leben unberührten Teil von London stapfte, waren zur gleichen Zeit drüben im West End (also östlich von mir - Stadtenden wandern, ihre Namen bleiben), wo sonst die TouristInnen ihre Trampelpfade finden, reflektierende Jacken en masse unterwegs.
 
 
 
  Wie ich in meinem späten Erwachen aus dem Winterschlaf erst verspätet mitkriegte, hatte an jenem Samstag in London im Rahmen eines globalen Aktionstags für einen Waffenstillstand im Gaza-Streifen eine Großkundgebung stattgefunden.

Bei all meiner Bauchwut über das dortige Gemetzel bin ich mir trotzdem nicht ganz sicher, ob ich da denn auch hingegangen wäre, selbst wenn ich davon gewusst hätte - insbesondere nach meiner mehr als ambivalenten letzten Demonstrationserfahrung im Sechser-Jahr anlässlich des Libanonkriegs.

Ob es nun über 100.000 DemonstrantInnen gewesen sein mögen, wie die Stop The War Coalition sagt, oder 20.000 wie nach Aussage der Polizei, die nach der Demo ausgebrochenen Krawalle auf der Kensington High Street, zu denen die Polizei mit Pferden aufmarschierte, müssen jedenfalls ziemlich ungemütlich gewesen sein.

Übrigens, wo ich mich außerhalb eures Sichtfelds gerade wie alle hier sachte in die Innereien unserer kommenden neuen Website vorfühle: Im 2000er Jahr ging's in meinen ersten Geschichten auf den damals von weiß auf grau wechselnden FM4-Seiten auch um Straßenkampf, in jenem Fall im Namen der Anti-Globalisierungsbewegung.

Naomi Klein, eine der spannendsten Stimmen jener Epoche, hat nun am Tag der Demonstration in der Tageszeitung The Guardian einen Boykott israelischer Produkte analog zum Boykott südafrikanischer Produkte in der Apartheid-Ära gefordert.

Auf der Kundgebung wies der "linke" Demagoge George Galloway wiederum die Versammelten an, "in die Einkaufszentren zu gehen und Israels Shops zuzusperren". Und ging damit einen bedenklichen Schritt weiter in Richtung Kristallnacht. Was meinte er damit? Jüdische Geschäfte? Geschäfte, die mit israelischen Produkten handeln?
 
 
 
  Am Tag darauf demonstrierten 4000 (Polizeischätzung) bis 15.000 (Veranstalter) am Trafalgar Square für den Frieden im Sinne Israels, während in einem offenen Brief an die israelische Regierung über die Sonntagszeitung The Observer eine Gruppe eminenter jüdischer Theologen, PolitikerInnen und Rabbiner zum sofortigen und permanenten Waffenstillstand aufrief. Solche Entwicklungen erhöhen immerhin die Chance, dass beide Seiten in Zukunft mit tribalistisch vereinfachenden Slogans allein nicht auskommen werden. Und das kann wohl nur eine gute Sache sein.

Mir als Heimgekommenen bleibt vom vergangenen Wochenende jedenfalls wieder jene charakteristische Londoner Sinnestäuschung - das Gefühl, mitten im weltpolitischen Geschehen zu stehen, an einem Ort, wo durch die Stimmen Einzelner und Vieler Monumentales mitentschieden wird. Auch wenn man sich in Wahrheit nur in Gesellschaft schweigender Kühlschränke herumgetrieben hat.

Es ist das aufgeregte Äquivalent zur lethargischen Sinnestäuschung von Wien, auf all das Getriebe letztendlich überhaupt keinen Einfluss zu haben. Die ist wiederum mindestens genauso trügerisch.
 
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick