Erst einmal danke für eure Geduld. Einige Leute haben mir schon konsternierte Mails geschrieben, weil dieser vierte und letzte Teil der Erkundung Londons nach den Stammrevieren seiner Fußballvereine so lange auf sich warten ließ (zum Nachlesen lasst euch hier zu Teilen eins, zwei und drei verlinken). Ich hatte einfach einen Haufen Stress die letzten anderthalb Wochen, mehr on air als online, ihr versteht. Der zur Gorillaz-Story postende Mensch, der mich da auf einer der Webcams erspäht hat, sah jedenfalls keine Geister.
Die Wimbledon Old Centrals anno 1895
Der Crystal Palace FC beim Training, 1922
Aber mittlerweile bin ich längst wieder zurück im Land der brennenden Viehberge, und inzwischen hat sich in London so einiges getan. Jawohl, ausgerechnet Glenn Hoddle soll bei Spurs den unter dubiosen Umständen rausgeboxten George Graham ersetzen. Ob er auch seine Wahrsagerin mit nach Nordlondon nimmt, weiß ich nicht, aber es ist schon erstaunlich, wie schnell im Fußball der größte Irrwitz vergeben und vergessen wird. Und die letzte Meldung: QPR geht pleite, während bei Fulham die Millionen ins neue Stadion fließen. Verkehrte Welt. Aber ich vergaß: Mein Versprechen war ja, dass diese Serie auch für Leute, die sich zwar für London aber nicht für Fußball interessieren, lesbar sein sollte. Also Schluss mit dem Fachgesimpel und her mit dem Lokalkolorit.
South London Oh South London, is wonderful, Oh South London is wonderful, It's full of chicks, the Valley and Charlton, Oh South London is wonderful
The Valley, Charltons Heimat im wundervollen South London
North London Oh North London, is full of shit, Oh North London is full of shit, It's full of shit, shit and more shit, Oh North London is full of shit.
(Can also be sung about West London)
Spöttische Illustration aus einer Crystal Palace-Website: Die "crowd" bei einem Heimspiel der Untermieter von Wimbledon in Selhurst Park - österreichische Verhältnisse?
Diese wunderschönen Couplets hab ich der Website eines Charlton-Fans entnommen. Ehe ich noch im genaueren auf den Verein eingehe, dessen Ränge solch große Gesänge hervorbringen, wollen wir unser geneigtes Augenmerk kurz darauf richten, was diese Zeilen über London und seine Bewohner zu sagen haben.
Zuerst einmal orten wir eine gewisse Rivalität zwischen den beiden Themseufern. Um London zu verstehen, muss man wissen, dass der Norden den Süden für ein wildes, unzivilisiertes, undergründliches und gefährliches Land hält. Als einer, der auf dem Weg zurück von Brighton oder Dover schon ein paar Mal durch Bermondsey, Kidbrooke, Deptford und ähnliche Gegenden fahren musste, die so aussehen, als wären sie gerade vom Bürgerkrieg verwüstet worden, verstehe ich ungefähr warum. Wenn man dann von dort wieder nach Kentish Town zurückkommt, kommt einem plötzlich alles nicht mehr ganz so schäbig vor. Aber auch als vor kaum mehr als vier Jahren Zugereister spreche ich hier bereits mit lokalen Vorurteilen im Hinterkopf.
1971: Gerry Queen von Crystal Palace setzt sich gegen Jack Charlton (nicht mit den Addicks verwandt) durch
Während es also Nordlondoner und Taxifahrer eher in die Bronx als nach Südlondon verschlägt, sehen die Südlondoner Nordlondon offenbar als "full of shit". Und das ist bei weitem nicht nur wörtlich zu verstehen. Wenn jemand "full of shit" ist, dann ist er im englischen Slang nicht voller Scheiße, sondern einfach, sagen wir, "auf abstoßende Weise arrogant." Will heißen, die Nordlondoner glauben, sie seien was Besseres.
Interessant übrigens, dass der Charlton-Anhang neben dem Norden auch den Westen zu den Schnöseln zählt, während das East End offenbar zu den Verbündeten gehört.
Dass Südlondon dagegen "full of chicks" sei, ist wiederum eine rein sexistische Bemerkung und fußt auf keinerlei statistischer Evidenz.
Da die Themse ein Fluss mit vielen Knien und Biegungen ist, lässt sich die Definition von South London und North London allerdings nicht immer so leicht festlegen. Während Southwark unterhalb der Tate Modern als tiefstes South London gilt, sind etwa die Docklands spirituell ein Teil des East Ends (oder waren es zumindest bis zu ihrem Ausbau in den Achtzigern). Daher auch die Verwirrung um meinen dritten Teil zum Osten. Millwall FC hätte natürlich geographisch gesehen genauso gut in diesem Teil vorkommen können. Gefühlsmäßig ist es aber ein klassischer East End-Verein, während die hier vorkommenden Clubs eindeutig für den Süden stehen. Oder auch nicht?
Eine Begegnung Süd gegen Ost (West Ham gegen Palace) aus den frühen Siebzigern (Bobby Moore in blau)
Die (Super)Dons
Mit den sogenannten Dons oder - in guten Zeiten - Superdons aus Wimbledon ist's nämlich so eine Sache. Der Südwestlondoner Vorort Wimbledon ist bekanntlich ein nobles Pflaster und damit nicht gerade prädestiniert für einen Fußballverein. Auf den Wiesen des Wimbledon Common (Freunden kultiger Kinder-TV-Serien aus den Siebzigern als die Heimat der Wombles bekannt) gründete sich 1889 eine Mannschaft namens Wimbledon Old Central. 1905 wandelte sich das Team zum Wimbledon Football Club. Seitdem vermochte sich der Verein nie so recht als Londoner Großklub etablieren, auch wenn Wimbledon 1988 sogar den FA-Cup gewann und sich nach Einführung der Premier League 1992 beharrlich lange in der obersten Spielklasse halten konnte. Doch selbst auf dem Weg zu diesen Höhenflügen bekleckerte sich die für ihre exzessive Härte bekannte "Crazy Gang" von Spielern wie Vinnie Jones (siehe QPR, heute auf archetypische Cockney-Rauhbeine spezialisierter Filmschauspieler) und dem jungen Dennis Wise nicht gerade mit Ruhm. Wimbledon leidet traditionell unter chronischem Besucher- und Geldmangel. Ersteres mindert die heutzutage so wichtige Vermarktbarkeit des Vereins und bedingt damit zwingend Zweiteres.
"Hardman" Vinnie Jones
Nun hat das reiche, als vorstädtische Verlängerung von Kensington, Chelsea und Fulham fungierende Südwestlondon die Angewohnheit, sich klassenbewusst vom ärmeren Osten Südlondons abzugrenzen. Umso größer die Erniedrigung, als die von chronischen Finanznöten geplagten Dons sich als Untermieter der entschieden Südlondoner Lokalrivalen Crystal Palace in deren Stadion im Selhurst Park andienen mussten. Derzeit kämpft Wimbledon in der First Division tapfer der vergangenen Glorie hinterher. Und zwar in dunkelblau mit dem einen oder anderen sonnengelben Streifen and Stutzen und Kragen.
FA-Cupsieg 1988
Crystal Palace
Glaziers und Eagles
Als 1851 in London die Great Exhibition stattfand, demonstrierte das Viktorianische Kolonialreich seine damalige technologische Überlegenheit gegenüber dem Rest der Welt mit einem riesenhaften Glashaus, das im Hyde Park innerhalb weniger Wochen aus dem Boden gestampft wurde. Nach Abschluss der Weltausstellung übersiedelte das im Volksmund als Crystal Palace bekannte, ausschließlich aus Glasplatten und Stahlträgern bestehende Gebäude nach Südostlondon. 1861 tat sich auf den Wiesen rund um das neue Wahrzeichen jener an Attraktionen armen Gegend Londons eine Fußballmannschaft zusammen. Dieses Ur-Team von Crystal Palace nahm 1871/72 sogar am ersten FA-Cup-Bewerb teil und bestand vor allem aus den Arbeitern, die an der Errichtung und Instandhaltung des Kristallpalasts. Ganz offiziell wurde der Crystal Palace FC erst im Jahre 1905 gegründet, und der Name blieb, selbst wenn der Kristallpalast selbst 1936 in einem Großfeuer zerstört wurde.
Der Verein war nie sonderlich erfolgreich, aber Ende der Sechziger vermochte sich Crystal Palace mit viel Verbissenheit in die oberste Liga (damals First Division) hinauf zu hanteln. Bis 1972/73 spielte Crystal Palace in "claret and blue" (weinrot und blau), was aber nicht mit West Ham zu tun hatte, sondern daher kommt, dass der Verein sich seine allerersten Dressen von Aston Villa geborgt hatte. Als Palace am Ende jener Saison in die zweite Liga abstiegen, unternahm der Verein ein umfassendes Image-Makeover. Mit dem Übergang zu den neuen Klubfarben blau-rot kam auch die für einen Londoner Traditionsverein unübliche Aufgabe des bisherigen Spitznamens "Glaziers" (ob ihres Ursprungs als Betriebsmannschaft der vielbeschäftigten Glaserer des Palace) zugunsten des geflügelten Wappentiers. Von nun an hießen Crystal Palace die "Eagles". Zunächst wurde der neue Look mit dem katastrophalen Rückfall in die dritte Liga belohnt, aber Ende der Siebziger begann ein gewisser Terry Venables (späterer England-Coach) bei den Eagles seine Trainerkarriere und führte das Team zurück in die First Division, ehe er hinauf über die Themse zu Queen's Park Rangers wechselte.
Crystal Palace gegen Charlton (Powell geht zu Boden)
Palace stiegen erneut ab, wandelten am Rand zum Bankrott und rappelten sich doch wieder auf. In den Achtzigern erreichten Crystal Palace ein Cup-Finale gegen Manchester und einmal gar den dritten Platz in der ersten Liga hinter Arsenal und Liverpool. Dass damals Liverpool nach dem Ausschluss von europäischen Bewerben in Folge des Heysel-Desasters doch wieder zum UEFA-Cup zugelassen wurde, beraubte Crystal Palace der großen Chance, ins Establishment vorzudringen. Der Verein sollte sich nie ganz von diesem Schlag erholen, junge Talente wie Ian Wright wanderten ab, und 1992/93 war der erneute Abstieg fällig. Aber schon nach einem Jahr Pause waren die Eagles wieder zurück in der neuen Premier League, wo sie sich ein paar Jahre gut hielten, ehe sie wieder ab- und danach wieder aufstiegen. Verwirrt? Ich auch. Crystal Palace gilt als klassischer Yoyo-Verein, der stets heimatlos zwischen den Spielklassen pendelt, auch wenn es im Moment nicht wirklich so aussieht, als ob der nächste Aufwärtsschwung allzu bald eintreten sollte. Die ewigen finanziellen Schwierigkeiten des Klubs tragen ihren Teil dazu bei. Erst letztes Jahr entkam Palace nur dank panischer Rettungsaktionen knapp der Liquidation.
Das Logo der Eagles
Reds und Addicks
Um ehrlich zu sein, war das erste, was ich von Charlton wusste, dass The Who 1974 in deren Stadion den damals lautesten Gig aller Zeiten spielten. Es soll genieselt haben, und die Band kann sich dank ihres damaligen exzessiven Brandy-Konsums an den Auftritt selbst nicht mehr erinnern. Aber Südlondon bebt vermutlich heute noch nach. Gegründet wurde der Charlton Ahtletic Football Club schon 1905 als Fusion verschiedener Teams, darunter East Street Mission, Blundell Mission und die Charlton Reds, denen der Verein seine rotweißen Klubfarben zu verdanken hat. 1913 bezog Charlton seinen heutigen Platz, der den beschaulichen Spitznamen "The Valley" trägt. 1947 gewannen die "Addicks" das Cup-Finale (wenn mir irgendjemand einen anderen Grund für den Spitznamen als die Verballhornung des Wortes "Ahtletics" nennen kann, wäre ich dankbar).
Charltons Derek Hales 1971
Heute ist Charlton das leuchtende Beispiel dafür, dass es immer noch möglich ist, mit begrenzten Budgets und ohne große Corporate Deals in der hoffnungslos überkommerzialisierten Premier League zu überleben. Die Addicks haben sich während der letzten paar Saisonen vom belächelten Stiefmütterchen zu dem Südlondoner Team entwickelt. Mit Chris Powell hat Sven Goran Eriksson in Alan Curbishleys Team eine potenzielle Verstärkung für Englands Verteidigung entdeckt (auch wenn er gegen Albanien nicht mit dabei sein durfte). Wenn die Kids in South London rot tragen, dann tun sie es jedenfalls schon lange nicht mehr aus opportunistischer Nähe zu Man U.
Ray Treacy, ebendann
Und damit wäre sie auch schon abgeschlossen, meine Londoner Fußballserie. Und wir können uns wieder wichtigeren Themen zuwenden. Wie wär's zum Beispiel mit Popnews? Keyboarder Neil Codling hat wegen chronischer Erschöpfung Suede verlassen. Die Welt und David Pfister halten den Atem an. Na gut, in solchen Fällen dann doch lieber Fußball.