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London/Canterbury | 8.4.2002 | 17:30 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Cosmopoleatin'
  Angesichts der aktuellen Kriegsnachrichten fällt es mir zwar schwer, an Verdauliches zu denken, aber übers Wochenende hat Hans Wu mich offen dazu herausgefordert, hier meine Sicht der Essensgewohnheiten des Inselvolks nordwestlich eures Festlands abzugeben. Konkret stellte er die Frage, ob ich denn eigentlich "trotz" des Essens hierher emigriert wäre. Keineswegs, Hans, keineswegs. Meinem Gaumen geht's hier mindestens so gut wie in meiner Geburtsheimat, und das hat rein gar nichts mit irgendwelchen perversen Vorlieben für Essig-Crisps zu tun.

So ein Thema ist natürlich ein Minenfeld der nationalen Stereotypen und Klischees, und niemand pflegt letztere so gern wie die Engländer selbst. Die einzige der vielen, quasi-schicken Bar/Restaurant-Ketten, die sich nicht französischem, japanischem, italienischem oder belgischem, sondern - would you believe it? - englischem Essen widmet, trägt ausgerechnet den Namen "Pie 2 Mash" - oder trug ihn. Nachdem die Filiale in Camden, die um völlig irrwitzige Preise klassisches Armeleute-Essen anbot, ziemlich bald an chronischem Publikumsmangel verendete, weiß ich nämlich nicht, ob dieser Versuch lokalpatriotischer Trend-Gastronomie überhaupt noch irgendwo existiert. Man könnte behaupten, hier erspähte jemand eine Marktlücke, die auch die Briten nicht gern gefüllt sehen wollen. Ihr "meat'n'two veg" essen sie lieber am Sonntagmittag im Pub, nicht in einem poncey Restaurant. Alles hat seinen Platz.
 Ja, lassen wir sie kommen, die Klischees: Beans on toast, lovely.
 
 
  Grundsätzlich stimmt ja auch, was in den meisten Postings unter Host Wus Geschichte zu lesen war. Das Alltagsessen der großen Mehrzahl der Briten ist nicht unbedingt erster Güte, der Orange Quash, Ribena, Robinson und andere Zuckersäfte, die ausgelieferten Kindermäulern aus fetten Tripellliterflaschen eingeflößt werden, sind tatsächlich ungenießbar. Die hiesigen Hot Dogs können mit der österreichischen Würstelstandkultur nicht mithalten, und überhaupt sind unersättliche Fleischfresser in österreichischen Gaststuben durchschnittlich besser aufgehoben, aber, aber, aber: Die großen Londoner Supermärkte sind zweifellos besser sortiert, und wenn's ein Detail (frischen Kren zum Beispiel) einmal nicht geben sollte (Austrian Pumpkinseed oil gibt's bei Sainsbury's, Schwarzbrot bei Waitrose, Manner-Schnitten im "Food Choice" nebenan) dann gibt's dafür immer jeweils eine Unzahl von Gegenbeispielen für diverse Spezialitäten aus aller Damen und Herren Länder, die der oder die AlpenländerIn daheim im Alpenland allerhöchstens im apothekarisch auspreisenden Feinkostladen vorfinden würde.

 Und Fish'n'Chips
 
 
  Damit auch schon genug der chauvinistischen Ländervergleiche. Fakt ist: In der Weltstadt London kann man alles haben, im Rest des Landes ist die Diät eintöniger. Quelle surprise! Fakt ist auch, dass das bis vor etwa zehn Jahren noch ganz anders war. Da pflegte man in Großbritannien den Schinken pink zu färben. Diese dunklen Tage der bunten Fleischhauerauslagen sind aber längst vorbei.

Bei der Esskultur ist es jedenfalls so wie bei der Popkultur - alles eine Frage der Geschichte. Reden wir einmal vom Bier, das die Engländer gerne leicht und rieselfreudig genießen. Ehe die Viktorianer sich ein Kanalisationssystem überlegten, pflegten die Londoner ihren gesamten Müll in die Themse und deren Zuläufe zu kippen. Wasser war nicht zu trinken und Bier dank des Absterbens der Viren beim Brauprozess das einzige brauchbare Erfrischungsgetränk, von dem man sich nicht tödliche Seuchen holte. Biertrinken war sozusagen eine Frage der Hygiene, die Berauschung ein nur zum Teil gewollter Nebeneffekt, denn schließlich musste man ja irgendwie durch den Arbeitstag kommen. Das traditionelle Bier hatte mit dem kohlesäurehaltigen Lager, das im durchschnittlichen Pub durch die Schläuche ins Pint schießt, ja auch rein gar nichts zu tun (für handgepumpten britischen Bier-Purismus halte man sich an die Hinweise der Campaign For Real Ale).

 mushy peas
 
 
Das populärste Essen Großbritanniens: Chicken Tikka Masala
 
 
  A propos Hygiene: Zum Tee hab ich eine ähnliche Theorie gehört. Man führe sich vor Augen, mit welch rasender Geschwindigkeit sich zu Zeiten der industriellen Revolution Städte wie London oder Manchester ausbreiteten. Der Großteil dessen, was heutzutage als zentrales London gilt, war vor 150 Jahren noch Wald und Wiese. Natürlich war dies nicht das erste Mal, dass so eine urbane Erweiterung Platz griff, aber diesmal endete sie trotz des Elends in den Slums nicht sofort in alles dahinraffenden Wellen von Pest und Cholera - Will nicht sagen, dass die Menschen gesund waren, schließlich zog auch Karl Marx von Soho nach Maitland Park, weil sein Sohn die Luft der rookeries nicht überlebt hatte. Aber die Immunkräfte der Bevölkerung hielten dem harten Leben im Smog, den die Eingeborenen jener im Volksmund "The Big Smoke" genannten Stadt treffend "peasouper" (Erbsensüppler) nannten, im Großen und Ganzen stand.

 Bubble'n'squeak
 
 
  Nur in teetrinkenden Zivilisationen, so die Theorie, war sowas möglich, weil man zum Teetrinken das Wasser abkocht, gleichzeitig nicht mit Alkohol die Abwehrkräfte schwächt und Tee darüber hinaus noch eine gewisse heilende Wirkung ausübt. Nehme an, dass es zu dieser Erklärung eine Unzahl plausibler Gegenargumente gibt, aber vielleicht können wir uns drauf einigen, dass der oben beschriebene Faktor neben vielen anderen auch eine Rolle spielte.

 ein Sunday Roast
 
 
  Soviel zum Trinken, und jetzt zur festen, wenn auch in diesem Fall nicht selten weichgedünsteten Materie: Eine der entscheidenden Erklärungen für althergebrachte britische Essgewohnheiten ist, wie alles in diesem Land, natürlich die Klassengesellschaft: "Bubble and Squeak" (Zwiebel, Kohl und Kartoffel aus der Pfanne) ist etwa klassische Lower Class-Resteverwertung, das Sunday Roast (Beef, wenn möglich) dagegen ein Zeichen des Wohlstands und heißt natürlich so, weil man schon froh sein musste, sich einmal pro Woche Fleisch leisten zu können. Fisch ist als traditioneller Fraß der Armen derart desavouiert, dass es noch heute ziemlich schwer sein kann, an der Seaside an ordentliche Meeresfrüchte heranzukommen, obgleich die urbane Arbeiterklasse ihre "scallops" (Muscheln) und "winkles" (Strandschnecken) als schnelles Snack immer schon zu schätzen wusste (Randbemerkung aus der Welt der Mode: Nicht nur war es in der Working Class der Brauch, eine Schnecken-Schale am Revers zu tragen, der Name "Winklepickers" für spitze Stiefeletten kommt natürlich auch daher, dass einer, der am Strand mit solchen Schuhen herumgeht, dabei hin und wieder unfreiwillig das eine oder andere Schalentier aufgabelt). Ganz zu schweigen natürlich vom Aushängeschild britischer Fast Food-Kultur: Fish & Chips. Stärkend und billig und gut noch dazu - wenn man's bei der richtigen Bude kauft. Ein guter Chippie legt wert darauf, dass seine Chips (die selbstverständlich rein gar nichts mit amerikanischen "Fries" oder ordinären "Pommes Frites" gemein haben, sondern aus der ganzen Kartoffel geschnitzt werden) nicht länger als höchstens drei Minuten im fertigen Zustand herum liegen.

 ein Pint, das übergeht
 
 
  Sogar heute noch sehe ich die klassischen Single Mums aus den Council Estates mit ihren ganz in The Gap-Jogginganzüge gekleideten Kids jeden Abend mit der Fish & Chips-Tüte in der Hand nach Hause gehen. Für viele Leute ist das der Inbegriff eines ordentlichen Essens, und auch das hat was mit Geschichte zu tun. Viele der netten Reihenhäuschen, die im Zuge der steigenden Mieten in immer kleinere Schlafnischen für Young Professionals unterteilt werden, waren nämlich schon damals von mehreren Familien zugleich bewohnt. Für eine Küche gab es in diesen Quartieren keinen Platz, Fish & Chips war daher für den ärmeren Teil der Working Class die einzige Möglichkeit, an warmes Essen heranzukommen (Mikrowellen gab's noch nicht).

 Yorkshire pudding
 
 
  Auf diese Weise lässt sich der britische Hang zum Fast Food zumindest ansatzweise erklären (die eigenartigen Gastronomie-Lizenzen taten ihr übriges dazu, dass es in London außer Curry-Houses und Pizzerias bis in die Achtziger hinein nur sehr wenig und wenn dann hoch exklusive, von außen oft nicht als solches erkennbare Restaurants gab). Die Amerikaner haben sich die Idee dann, wie üblich, gekrallt und daraus was Anderes, viel Größeres, Spezialisierteres gemacht. Erst vor kurzem musste ich etwa draufkommen, dass mein geliebtes Slush Puppy (zerstoßene Eiswürfel mit radikal eingefärbtem Sirup) keineswegs britisch ist, sondern 1972 in Ohio erfunden wurde. Genauso wie übrigens auch Heinz Baked Beans zuerst auf amerikanische, dann auf englische Toast-Scheiben flossen. Angeblich soll es ja noch Filialen des weit überlegenen britischen McDonald's-Äquivalents Wimpy geben, aber mir ist schon lange kein solches Etablissement mehr untergekommen.

 Und der gehört, wie ich jetzt weiß, nicht dazu
 
 
  Die laut Umfrage aus dem Jahre 2001 populärste Speise Großbritanniens gehört allerdings zu jener Sparte, die oft bedenklicherweise als "ethnic food" bezeichnet wird: Chicken Tikka Masala, das liebste "curry" der Briten (jede indische Speise heißt "curry", ob mit oder ohne selbigem Gewürz) isst man zwar in indischen Restaurants, aber wenn es schon "ethnic" ist, dann zumindest "multi-ethnic". Die verschiedenen möglichen Ursprünge dieses in Indien unbekannten Gerichts sind hier ganz genau nachzulesen. Grob gesagt, wollten die Briten eben eine Art "gravy" (Bratensaft, Sauce) zu ihrem Chicken dazu haben. Genau daran pflegen dann Gebrauchstheoretiker gern ihre multikulturellen Theorien über ein neues, anderes, offeneres Großbritannien aufzuhängen.

Siehe:
"I had a plate of Marmite soldiers (Anm. Soldiers sind hier Toaststreifen) washed down with a cappucino / And I have a veggie curry about once a week / The next day I fry it up as bubble and squeak / Cause my appetite's half English and I'm half English too" (Billy Bragg, "England, Half English")

oder:
"We got Ackee, Lassi, Somali Waccy Baccy / I'm sure back home you know what Tikka's all about / Welcome, stanger, to the humble neighbourhoods / You can get inspiration along the highroad / Hoummus, Cous Cous, In the Jus of Octopus / Pastrami and Salami and Lasagne on the go / Welcome, stranger, there's no danger / Welcome to this humble neighbourhood" (Joe Strummer, "Bhindi Bhagee")

Ich fürchte ja, der Weg aus der rassistischen Gesellschaft führt nicht bloß über den Magen, bzw. die Dienstleistungen des Gastgewerbes. Aber zurück zu deiner Frage, Hans: Die Engländer essen nicht wirklich so schlecht, sie haben nämlich (zumindest in den größeren Städten) eine verdammt große Auswahl zur Verfügung: Das Essen der ganzen Welt.

 ...and finally: Der volkstümliche Politiker
 
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