fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
London/Canterbury | 20.4.2002 | 10:03 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Die weiße Liste
  Gott geht's mir gut. Wenn ich das Glück habe, einen von mir geschätzten Vetreter der Spezies britischer Popmusiker vors Mikrofon zu kriegen, dann genieße ich gleich zweifachen Sympathievorschuss. Erstens einmal bin ich Europäer, und da ist es immer schon ein Bonus, wenn man von Tuten und Tröten auch nur die Spur einer Ahnung hat (das britische Klischee des ahnungslosen kontinentalen Interviewers ist zwar furchtbar gemein, aber leider auch ziemlich berechtigt, wie ich aus eigener Erfahrung von diversen Pressekonferenzen her zu bestätigen weiß). Zweitens bin ich kein Brite, und damit nicht der Feind, sprich enemy, sprich NME.
 
 
  Als einer, der in seinen jüngeren Jahren Ausgaben des NME als authentische Artefakte einer - im Vergleich zum heimischen Mief verlockend fabulösen - britischen Popkultur mit zurück in meinen Wiener Privatschrein zu entführen pflegte, wollte ich es zuerst ja kaum wahrhaben. Aber je länger ich in diesem Job arbeitete, desto stärker wurde mir bewusst, wie sehr der durchschnittliche britische Popmusiker den durchschnittlichen britischen Musikschreiberling als parasitären Blutegel, potenziellen Verleumder und neidzerfressenen Niederling verachtet. Und ich lernte es bald zu verstehen, auch wenn ich selbst nie zum Opfer einer jener rituellen "build 'em up and knock 'em down"-Behandlungen geworden war, die die britische Musikpresse ihren jungen Bands zu erteilen pflegt. Die weiß heterosexuell, Rock-hegemoniale Ausrichtung des Blattes hatte sich auch nach der Punk-Revolution der Siebziger - trotz Hip Hop und Dance Culture - kaum geändert. Blanker Rassismus versteckte sich immer noch hinter der alten Ausrede "black faces don't sell magazines". Der anti-prätenziöse Grundton der Kinder von Burchill/Parsons/Kent - der in seiner besten Form einen guten Gegenpol zur spexschen/deutschsprachigen akademischen Verdeutung von Pop darstellen konnte - war in puren Dumpfheitskult umgeschlagen. Und trotz alledem hatte der NME sowohl von den Restbeständen seiner einstigen Gewitztheit als auch von der Informationsdichte her immer noch was Unentbehrliches an sich. Es war eine Hassliebe, die sich über die Jahre zu einer Art müder Gleichgültigkeit wandeln sollte.

 
 
  Ich weiß nicht, mit wievielen Engländern ich schon dasselbe Gespräch geführt habe. Wir alle würden ihn gern wieder lieben, den NME, aber wir kaufen ihn fast jede Woche und werfen ihn gleich wieder frustriert ins Altpapier, verärgert darüber, eine alte Angewohnheit nicht ablegen zu können. Ja, ich lese die immer noch die Pop-News (meistens online, da gibt es übrigens auch ein Link zu einer Microsite, wo ihr zwar nicht alles, aber so einiges zur Geschichte des NME nachlesen könnt). Aber die von nichts anderem als den Zuwendungen einflussreicher PR-Menschen inspirierten Features dazwischen sind der wichtigsten Pop-journalistischen Institution in dessen Mutterland schlicht und einfach unwürdig. Vor anderthalb Jahren ging mit dem Melody Maker der wesentlich ältere Konkurrent des NME am britischen Musikwochenzeitungsmarkt den Weg alles Irdischen (wir berichteten). Und der NME ist diese Woche immerhin fünfzig Jahre alt geworden. Zum Jubiläum hat die Redaktion eine Liste der fünfzig einflussreichsten Bands der Welt veröffentlicht, die in Wahrheit natürlich nicht mehr ist als ein Abbild des verzerrten Weltbilds des NME selbst. Die statistische Berechnungsgrundlage (eine unbekannte Formel, die sich aus der Zahl der Nennungen des Bandnamens, sowie der Bezüge auf Songs und Bands in diversen Artikeln zusammensetzt) ist so kompliziert, dass sich nicht überprüfen lässt, ob es tatsächlich ein Zufall sein kann, wenn eine Band an die Spitze dieser Charts kommt, deren "Very best of"-Album sich gerade zur Promotion anbietet. Aber so wie sich die Liste präsentiert (siehe unten), fällt doch auf, dass sich darin nur vier schwarze Künstler (und eine "gemischte" Band, nämlich die Specials), kein einziger nicht-englischsprachiger Act und bloß drei (!) Frauen finden.

 
 
  Besser hätte man gar nicht darstellen können, was beim NME so alles falsch läuft. Happy Birthday, then. Hier die Liste: Kommentare erwünscht, Unterhaltung garantiert!

1 The Smiths
2 The Beatles
3 Stone Roses
4 David Bowie
5 The Sex Pistols
6 Oasis
7 Radiohead
8 The Jam
9 U2
10 Public Enemy
11 Happy Mondays
12 The Clash
13 Nirvana
14 Elvis Presley
15 Joy Division
16 Blur
17 The Strokes
18 The Rolling Stones
19 The Verve
20 Bob Marley
21 The Fall
22 Prodigy
23 The Velvet Underground
24 REM
25 Frankie Goes To Hollywood
26 Dexy's Midnight Runners
27 Beastie Boys
28 T Rex, Jesus and Mary Chain
30 The Specials
31 Manic Street Preachers
32 Roxy Music
33 The Pixies
34 Iggy Pop
35 The Pogues
36 Primal Scream, Frank Sinatra
38 Bob Dylan
39 Blondie
40 Eminem
41 Culture Club
42 Madonna
43 Marvin Gaye
44 Pulp
45 Michael Jackson
46 The Charlatans
47 Echo and the Bunnymen
48 The KLF
49 Neil Young
50 PJ Harvey

 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick