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London/Canterbury | 28.6.2002 | 02:59 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
The Ox, 1944-2002
  Über einen Eintrag auf einem Who-Chat-Board auf www.petetownshend.com hab ich es erfahren: "John Entwistle passed away in Vegas. Just heard the news on the radio. A very sad day." Die Meldung war gerade eine Minute alt, und noch hatte niemand einen Kommentar dazu geschrieben. Keine der Pop-News-Pages schien was davon zu wissen, also glaubte ich zunächst an einen schlechten Scherz. Dann ging ich runter ins Wohnzimmer, um mir die BBC Newsnight anzusehen, und am Ende des Nachrichtenblocks kam die Kurzmeldung: "John Entwistle, bassist for the British rock group The Who, has died in Las Vegas at the Hard Rock Hotel and Casino. Entwistle, aged 57, died on Thursday, a day before the group was scheduled to begin a concert tour in the United States. The cause of death is still under investigation but is not believed to be suspicious." Man verzeihe mir die Emotionen, aber das war ein Schlag.
 Entwistle mit The Who 1965
 
 
  Peinlich eigentlich, wenn Autoren von Nachrufen die Mitmenschen mit ihrem persönlichen Geschnatter behelligen, aber in einem Moment wie diesem sind mir Peinlichkeiten sowas von egal. The Who brachten mich als Teenager in den frühen bis mittleren Achtzigern (also lange nach dem Ende ihrer produktiven Periode) mehr als jede andere Band dazu, alles, aber auch alles im Leben durch den Filter des Pop-Universums zu betrachten. Davon habe ich mich nie erholt. Sicher war ich zuvor schon Beatles-Fan gewesen, aber als ich zum ersten Mal in einem Popcorn-Heft meiner Schwester die Gesichter dieser Westlondoner Band sah, begann eine lebenslange Faszination. So sahen also die Leute aus, die mit "My Generation" die wohl aufregendste Single aufgenommen hatten, die ich je gehört hatte (oder habe). Erst später begriff ich, dass The Who nicht nur für viele der mitreißendsten Momente der Rockmusik (praktisch alles bis 1969, und manches danach), sondern auch für einige derer schlimmsten Tiefpunkte (fast alles zwischen 1980 und der Quadrophenia-Tournee 1997) verantwortlich waren. Aber an letztere will ich jetzt nicht denken. Deshalb ist hier auch kein Bild aus den letzten zwanzig Lebensjahren John Entwistles zu sehen, die er unter einer Altrocker-Sturmfrisur mit einem schrecklichen Metal-Bass um den Hals verbrachte. Was soll's?

 Fotomontage vom Who-Box-Set 30 Years of Maximum R&B. JE in den 6ts und 7ts
 
 
  In einem Moment wie diesem fallen mir ganz andere Dinge ein: Das immer noch schweinecoole Bass-Solo eines 20jährigen John Entwistle auf erwähnter "My Generation"-Single (1965). Das in seiner waghalsigen, anarchischen Intensität immer noch unerreichte Instrumental "The Ox" auf dem dazugehörigen Album, benannt nach dem Band-internen Kosenamen des in allen Lebenslagen unerschütterlichen Bassisten, der kaum mit den Wimpern zuckte, während rund um ihn Gitarren, Mikros und Schlagzeugteile durch die Luft flogen. Großer Unsinn wie "Boris The Spider", die Säuferballade "Whiskey Man" oder die mit Keith Moon zusammen geschriebene, auf London umgemünzte Pseudo-Surf-Hymne "In The City". Der bitterböse "Cousin Kevin" vom "Tommy"-Album (aber bitte nur in der originalen 1969er-Fassung ohne Schauspieler). Der traditionelle Show-Opener "Heaven And Hell". Die Horn-Parts auf "My Wife". Die unfassbar melodiösen Bass-Läufe auf "Live At Leeds" und "Quadrophenia". Zugegeben, das klingt alles ganz furchtbar nach Musiker-Geschwätz, aber John Entwistle war einer der seltenen Ausnahmefälle, wo sich eines Rockmusikers Virtuosität am Gerät in musikalisch relevanten Resultaten äußerte. Vielleicht gerade deshalb, weil er nicht mit seinesgleichen geigte, sondern dem unkontrollierten Chaos der Bandkollegen Moon und Townshend Richtung verlieh.

 
 
  John Entwistle war weder ein Visionär noch ein Intellektueller. Ehe er Berufsmusiker wurde, hatte er eine Karriere als Steuerbeamter begonnen, und wenn Townshends Ambitionen ihn nicht mitgerissen hätten, wäre er das vermutlich auch geblieben. Seine Solo-Alben (eines davon trägt den makabren Titel "Rigor Mortis Sets In" - die Leichenstarre tritt ein) lassen keine verborgenen Talente erkennen, die er als der Mann im Hintergrund bei The Who nicht hätte ausleben können. Aber immerhin schrieb Entwistle mit "When I Was A Boy" (der B-Seite von "Let's See Action") eine der schönsten, vergessenen Who-Nummern. Die Platte kam schon vor 31 Jahren heraus. Der morbide Text - keine große Poesie und irgendwie gerade deshalb umso treffender - ist sowas wie ein vorweggenommener Abschiedsbrief:

 
 
  "When I was a baby I hadn't a care in the world
But now I'm a man, my troubles fill my head
When I was five it was good to be alive
But now I'm a man, I wish that I were dead

My, how time rushes by
The moment you're born you start to die
Time waits for no man
And your lifespan is over before it began

When I was a boy I had the mind of a boy
But now I'm a man, ain't got no mind at all
When I was in my teens I had my share of dreams
But now I'm a man, ain't got no dreams at all

As I sit here at my window
My life comes back to me
It's been so long since the good days
It's been so long
And I count up all the wasted years
The hopes and the fears
The laughs and the tears
And I wonder, I wonder, I wonder what went wrong"

 Rigor Mortis Sets In
 
 
 
 
  PS: The Who hatten vor, nach ihrer bevorstehenden Tournee ihr erstes Studioalbum seit über 20 Jahren aufzunehmen. Als Keith Moon 1978 starb, machte die Band den Fehler, nicht aufzuhören. Dass Townshend und Daltrey jetzt ohne John Entwistle weitermachen, ist undenkbar.
 
 
 
PPS: Wichtiger Nachtrag, 28.6., 20.59
  Ich würde es ja selbst lieber nicht glauben, aber folgendes Statement von Pete & Roger ist kürzlich auf der Who-Page erschienen:
"We are going on. First show Hollywood Bowl. Pray for us John, wherever you are."
Pino Palladino, der mit Townshend solo gespielt hat, wird für die Shows eingeflogen, die zwei ausgefallenen Dates werden später nachgeholt. Kann das eine gute Idee sein?
 
 
 
PPS:
  Ein ausführliches (aber nicht wirklich befriedigendes) Statement von Roger Daltrey zu den Gründen fürs Weitermachen ist jetzt auf der "Who Diary"-Seite von petetownshend.com erschienen.
 
 
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