Es geschah eines schönen Sonntagmorgens. Ich wollte den Tag in Würde beginnen und holte mein CD-Reissue des Small Faces-Albums "Ogden's Nut Gone Flake" aus dem Regal, die Sonderedition in der Tabakdose, sehr schmuck. Wie üblich hielt ich die Silberscheibe sachte zwischen Daumen und Mittelfinger, da machte es plötzlich "zing". Vor meinen Augen spielte sich eine wahre Tragödie ab. Die sterblichen Überreste eines meiner absoluten Lieblingsalben setzten mit dem unverkennbaren Geräusch zersplitterter Plastikteile unsanft auf meinem Wohnzimmerboden auf. Schlüsselstellen meines Lebens gingen mir im Zeitraffertempo durch den Kopf. Der Tag, als im Radio mit großem Trara die erste CD on air ging, begleitet von Hoheliedern der Experten auf ihre klangliche Überlegenheit, ihre dauerhafte Qualität und Unzerstörbarkeit. Der Tag, als ich meinen feierlichen Schwur brach, nie im Leben eine CD zu kaufen ("Sexuality" von Billy Bragg im Juni 1991). Der Tag, als mein Lieblingslied auf "Bandwagonesque" von Teenage Fanclub ("Guiding Star") sich wegen eines Kratzers nicht mehr spielen ließ (ebenfalls 1991). Der Tag, als ich mit einer leeren CD-Hülle (Factory-Box-Set Teil 1) in der Hand zur Aufnahme meiner ersten eigenen Music Box ins Radio-Studio ging und vor dem Techniker und Regisseur Werner Geier tausend Tode starb. Der Tag, als mein CD-Player keine Songs mehr finden konnte. Der Tag, als ich besagte "Ogden's Nut Gone Flake"-CD knapp vor Sperrstunde irrtümlich durch die gerade abgebauten Sperren des HMV-Megastores im Trocadero schleppte und hinter mir der Rollbalken runterging, ehe ich verschämt zur Kassa zurückgehen konnte.
Ogden's Nut Gone Flaky Indeed
Ich hatte also grundsätzlich keinen legitimen materiellen Verlust erlitten. Aber ich hatte sie gefunden, die Sollbruchstelle der CD. Es war die tiefste Krise in meinem ohnehin schon gespannten Verhältnis zu einem höchst suspekten Tonträgerformat. Ich kann euch verraten, die Vinyl-Version von "Ogden's Nut Gone Flake" klang nie so gut wie an jenem schicksalshaften Sonntagmorgen.
Vor genau zwanzig Jahren stellte PolyGram die erste Audio-CD in Massenfertigung her. Claudio Arrau spielt Walzer von Chopin. Teuer waren die Dinger damals, und sie sind es immer noch. Wenn die Recording Industry Association of America nun behauptet, CDs seien "in real terms" billiger geworden, kann man angesichts des Verhältnisses zu den auf Cent-Beträge gesunkenen Herstellungskosten nur müde lächeln (zum Weiterlachen empfiehlt sich die RIAA-Homepage). Als die CD damals herauskam, sollte sie der Musikindustrie aus ihrer Absatzkrise helfen. Was den seither florierenden Reissue-Markt anbelangt, hat sie ihren Zweck erfüllt. Die Musikindustrie konnte das allerdings auch nicht retten.
Was aufgenommen wird
Im Gegenteil. Die Strategie, dass die Dinger sich nicht so leicht nachpressen lassen würden wie Vinyl-Konterfeis, ging ordentlich nach hinten los. Nun zählt ja gottlob niemand zu meinem Bekanntenkreis, der damals ins Geschäft gestürzt wäre, um sich die von den Künstlern empfohlenen, ewig währenden CD-Ausgaben der Werke von Dire Straits (Philips) und Karajan (Sony) zu holen, aber wie man hört, sind einige davon mittlerweile oxidiert. Das kann einem mit heutigen CDs nicht mehr passieren, angeblich. In 20 Jahren reden wir noch einmal darüber.
Aber ich will mich auf solche technischen Debatten erst gar nicht einlassen, das ist mir dann doch zu kompliziert. Ich gebe ja auch zu, dass die Dinger in der Plattentasche leichter sind, auch wenn sie auf wundersame Weise dazu neigen, sich beim Stapeln nach der Entleerung selbiger Tasche auf niemandes Geheiß auf eine möglichst große Fläche zu verbreiten, um schließlich in der Bierlache unter dem Mischpult zu landen. Von der Unmöglichkeit, ein CD-Booklet aus dem Deckel zu ziehen, ohne es dabei zu zerknuddeln, brauch ich sowieso gar nicht erst zu erzählen.
Was wir zu hören kriegen
Fest steht, dass wir uns alle täglich mit einem Stück Technologie aus den frühen Achtzigern herumschlagen, dessen dynamische Auflösung geringer ist als alles, was man auf einem besseren Heimcomputer aufnehmen kann. Und das sollen wir nun feiern?
Ein gewisser Dr. Jürgen (nicht Jeffrey) Dahmer von Bayer, dem Konzern, der den Grundstoff Makrolon herstellt (hoffentlich hab ich das auch richtig verstanden, keine Ahnung, was das sein soll), verkündete im Juni, dass die nächste Generation von superschmalen blauen Lasern abgelesener optischer Speichermedien bis zu 100 GB fassen können wird. Dass das sehr viel ist, leuchtet selbst mir ein.
Aber es macht mich nicht glücklich. Tief in meinem stockreaktionären Herzen trauere ich nämlich noch immer den zwei gut dosierten zwanzigminütigen Plattenseiten nach, wie ich auch immer noch überzeugt bin, dass Bands gewisse Songs, die es früher gerade auf die Single-B-Seite geschafft hätten, mit auf ihr Album nehmen, nur um die verflucht langen CDs zu füllen. Bleibt also nur dem Hip Hop und der Dance Culture dafür zu danken, dass sie doch tatsächlich mit vereinten Kräften das Vinyl gerettet haben (auch wenn "Save The Vinyl" Anfang der Neunziger als hoffnungsloser Kampf gegen die Windmühlen erschien).
Karajan und Knopfler: Wer vertraut Männern...
Unverbesserlicher sentimentaler Depp, der ich bin, werde ich mich jedenfalls weiterhin weigern, zu XYs neuem Album "XYs neue CD" zu sagen. Auch wenn mich alle nur mehr auslachen. Wie singen doch Teenage Fanclub auf "Guiding Star" (dem Song, den ich nur mehr auf meiner Vinyl-Version von "Bandwagonesque" anhören kann) über Jesus Christus? "I kinda like the way he wears his hair." Genau. Und es bedarf nur eines kurzen Blicks auf die gottverlassenen Frisuren der Vorkämpfer der CD in E und U (Bild rechts), um zu sehen, dass sie des Satans waren. Und wir sein williges Frühstück.
PS: CD-Brenner sind natürlich was durch und durch Grundgutes, das ist eh klar.