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London/Canterbury | 7.9.2002 | 11:25 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Lay Down Your Weary Autotune
  Vorsichtig stecke ich meinen Kopf durch die schwere Bunkertür und blinzle in die strahlende Spätsommersonne. Ihr wisst schon, ich musste untertauchen, um den Fängen der British Telecom zu entgehen. In der Zwischenzeit hat sich so einiges getan in meinem Zweikampf mit dem System. Wie sich herausstellt, gehört die Kabelfirma, die mich ans Breitband anschließen sollte, mit zum Komplott. Wie sollte ich den beiden Herren in ihren reflektierenden Lätzchen auch abnehmen, dass sie dort, wo ein Kabel unterm Gehsteig ruhen sollte, eine Wasserleitung gefunden hätten? Und stellte sich der Herr mittleren Alters, der mich ans ADSL-Modem anschließen sollte, aber angeblich an meinem exotischen Betriebssystem (Windows NT) scheiterte, nicht verdächtig "ungeschickt" an? "Blimey", sagte er, "I really don't know, that was all in that training course two years ago, and I just don't remember... Should have brought my notes with me, really. Blimey..."

Was soll ich sagen? Ein guter Agent vielleicht, aber ein schlechter Schauspieler. Auf jeden Fall ist euer Host in seinem Heim nun immer noch offline, und deswegen musste ich mich an einen 800 Flugmeilen von London entfernten, unbekannten Ort begeben, wo British Telecom und seine Verbündeten von Telewest mich nicht kriegen können. Aber genug der Präliminarien, weiter zum Stoff:
 Je größer das rote Feld in der Mitte, desto falscher der Ausgangston.
 
 
  Wie ich schon einmal auf diesen grauen Seiten erwähnte, gehört zu meinem Freundeskreis Oliver The Engineer, seines Zeichens Tontechniker u.a. bei Mercury Rev. Als letztere Band vor nicht allzulanger Zeit die Festivals von Leeds und Reading mit ihrem sphärischen Wohlklang beglückte, ergab sich für Oliver ein wenig Gelegenheit, zwischendurch den Knöpfchendrehern der anderen Bands ein bisschen auf die Finger zu schauen.

 
 
  Leicht zu überraschen ist er ja nicht, wascht er sich doch regelmäßig mit allen Wassern der Klangmanipulation, aber was er da erspähte, sorgte doch für Erstaunen im Engineer: Ein Effektgerät, ihm vom Computer her auch als Plug-in (also Effekt-Software) bekannt, das er bisher nur im Studio gesehen hatte. Man nennt es Autotune, aber es hat nichts mit motorölbeschmierten Männerkörpern und röhrenden Mantas zu tun. Das von der Firma Antares an die Welt gesetzte Gerät macht grundsätzlich nichts anderes, als jedes Signal, das durchgeht, digital auf seine "Richtigkeit" zu prüfen und nötigenfalls zurechtzurücken, indem es die Frequenz in gewünschter Tonhöhe reproduziert. Das geht so schnell, dass keine hörbare Verzögerung entsteht. Die Kriterien der Korrekturen lassen sich genau einstellen (Achtung, wer Noten spießig findet, bitte im nächsten Absatz weiterlesen): Wer etwa seinen Autotune auf D-Dur einstellt und ein keckes F singt oder spielt, wird entweder ein E oder ein Fis zu hören kriegen. Zumeist aber begnügt sich der Techniker mit der chromatischen Preset-Einstellung, die einfach nur sicher stellt, dass keine Zwischentöne außer der zwölf im westlichen System erlaubten zustande kommen können. Der Effekt lässt sich je nach Präferenz ganz rigide (wie zum Beispiel bei den blutlos präzisen Chören von Boy- oder Girlbands) oder unauffälliger dosieren (da lässt sich dann auch für ein paar Sekundenbruchteilchen ein bisschen was verschleifen, bevor der Autotune zuschlägt).

 
 
  Nun ist Oliver ja weder Purist noch Puritaner, aber bisher kannte er den Autotune wie gesagt nur als schmutziges kleines Geheimnis in den vier Wänden des Studios. Hier jedoch konnte er konkret beobachten, wie seine Technikerkollegen die Stimmen der Sänger zweier großer amerikanischer Alternativ-Rockbands durch die klinische Wunderkiste schickten, damit nur ja kein unreines Tönchen übers Moshpit segeln konnte.

Ähnlich wie bei vergleichbar wichtigen Themen wie etwa der künstlichen Befruchtung oder der Gänsemast, stehen wir hier also vor einem ethischen Dilemma: Ist diese Schummelei zu dulden? Haben falsche Töne kein Recht, gehört zu werden? Und wo bleibt bei all dem der Punk?

 Zwei überführte Autotuner und Körperrasierer (besteht ein Zusammenhang?)
 
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