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Nicaragua | 9.8.2005 | 12:28 
Nicaragua - Radio, Rum und alles rund um das Herz Amerikas

Andreas, Chris, Pinguin

 
 
Tipitapa - ums Überleben nähen
  Tipitapa - ein lustiger Ortsname, aber in Wahrheit haben die Leute da wenig zu lachen.

Viele von ihnen arbeiten nämlich in sogenannten Zonas Francas, das sind von der liberalen Regierung Nicaraguas geförderte und hauptsächlich von taiwanesischen, US-amerikanischen und südkoreanischen Firmen betriebene Industriezonen, in denen vorwiegend Kleidung und Schuhe, die für den Export in den nordamerikanischen und europäischen Markt bestimmt sind, produziert werden.
 
 
25 Cent pro Stunde
  Der ohnehin niedrige gesetzliche Mindestlohn in einer Zona Franca liegt bei 0,70 US-Dollar pro Stunde. Abgerechnet wird jedoch nach gefertigten Stücken, sodass meist nur 0,25 US-Dollar pro Stunde erreicht werden.

Schwangerschaft, Krankheit oder Engagement in der Gewerkschaft führen oft zu Verlust des Arbeitsplatzes. Die ArbeiterInnen sind zudem oft hohem physischem und psychischem Druck ausgeliefert. 80 Prozent der Beschäftigten in Zonas Francas sind Frauen, nicht selten kommt es zu sexuellen Übergriffen, über die, aus Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes und damit jeglicher Lebensgrundlage, geschwiegen wird.

 Präsident Bolaños eröffnet
 
 
Besuch aus Deutschland...
  Mit einer Gruppe von jungen deutschen Gewerkschaftern, die auf Brigade hier waren (ja sowas gibt es noch), hatte ich letzte Woche die Gelegenheit, einmal in eine solche Zona Franca reinzukommen. Normalerweise sind die streng bewachten Industrieparks für neugierige Ausländer tabu, aber wenn schon mal die Gewerkschaft aus Deutschland kommt, will man als Betreiber ja nicht schlecht dastehen.
 
 
 
... mit Hindernissen
  Vor der in Aussicht gestellten Besichtigung kamen wir noch in den Genuss eines Vortrags über das Wirtschaftswachstum, das die Zonas Francas dem Land Nicaragua bringen und Zahlen über die Beschäftigungsrate, die damit gesteigert werden kann.

Endlich war es soweit: Wir fuhren auf dem weitläufigen Gelände zu der einzigen Fabrik, die sich bereiterklärt hatte, uns reinzulassen - kein Vorzeigebetrieb, wie unser Vortragender erklärte, sondern einer von vielen, es gäbe welche, in denen die Arbeitsbedingungen schlechter seien, aber in den meisten seien sie besser, da gäbe es sogar Klimaanlagen. Vielleicht auch mehr Toilettanlagen, denn eine einzige für tausend Leute erschien mir etwas wenig.

Während der Fahrt durchs Gelände, vorbei an Hallen, aus denen es dampfte und aus denen übel riechende Wasser unterschiedlicher Farbe flossen (Färbereien?), meinte unser Guide weiter, dass es die schwarzen Listen, auf die gewerkschaftlich Aktive kommen, in Wahrheit nicht gäbe. Dass unser Kontaktmann, ein früherer - nun nicht mehr dort beschäftigter - Mitarbeiter sich gewerkschaftlich betätigte und bessere Arbeitsbedingungen forderte, sei purer Zufall. Als aber die Fabrikshalle, die wir besichtigen durften, zufällig die gleiche war wie die, in der er früher gearbeitet hat, durfte er nicht mit hinein, damit die FabriksarbeiterInnen ihn nicht sehen, schon gar nicht mit den Fremden, also uns.

(c) Wolfgang Lehrner
 Eine Zona Franca von draußen
 
 
Es geht um die Marke
  Vor dem Eintritt in die Halle, in der für Ralph Lauren T-Shirts und Sweatshirts genäht wurden, wurde uns nochmal eingeschärft, dass wir nicht fotografieren dürfen. Drinnen arbeiteten schließlich auf engstem Raum 1.000 Menschen (was ihre 1.000 Stempelkarten bewiesen) bei gut 35 Grad in fünf langen Gängen. Hier wurde das Kleidungsstück von Stoffballen bis zum fertigen in US-Dollar etikettierten Sweatshirt, das händisch in Cellophanhüllen verpackt wurde, im Akkord hergestellt. In einer Ecke gab es eine Wachbeamte, diesmal eine Frau, die eine Tür bewachte, wie es schien. Es war die Toilettanlage, und jeder, der rein ging und rauskam, wurde abgetastet. Ich sprach den Vortragenden darauf an, und er meinte, man wolle so Gewalt am Klo verhindern, weil es böse Menschen gäbe, die anderen beim Pinkeln die Schere in den Rücken rammten.

Unser Fahrer erzählte uns, dass die ArbeiterInnen es trotz der strengen Kontrollen schaffen, Dinge aus der Fabrik zu schmuggeln, Dinge wie Markenzeichen. Auf dem Schwarzmarkt werden die wiederum verkauft und irgendwer näht dann ein "echtes" Ralph Lauren Leiberl draus.
 
 
 
Die Kunst zu Überleben
  Um Außenstehende aufzuklären und jenen, die mit dem Thema vertraut sind, Zahlen und Fakten an die Hand zu geben, hat die Casa de los Tres Mundos die Ausstellung "El Arte de Sobrevivir - Tipitapa en la Zona Franca" konzipiert. Sie wird auf ihrer Website und 2006 auch in Österreich zu sehen sein.
 
 
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