Vor einer Woche saß ich mit Alex bei seinen Eltern in der Küche. Wir waren vor der Filmpremiere von 'Tintenfischalarm' in Linz bei ihm zu Hause gewesen. Ein kleiner Ort in Oberösterreich. Auf einem Hügel. Die Luft kräftig mit Kuhscheiße getränkt. Erdbeerroulade und Kaffee. Alex' Mama kannte ich schon. Seinen Papa habe ich an diesem Nachmittag kennen gelernt. Seltsam, wenn man über jemanden nach langen Erzählungen anderer so viel zu wissen glaubt. Ich war an diesem Nachmittag so stolz auf Alex. Wie er da saß. Ein Weltbürger. Jemand, der selbst nachgeschaut hat, wie die Menschen leben, was sie denken und zu sagen haben. Um letztlich für sich einen Weg zu finden oder zumindest mal eine Richtung einzuschlagen, die man selbst entschieden hat. Keine Konservenkost.
Im November 2002 war Alex das erste Mal im Jugendzimmer. Eine junge Frau mit sehr großen Füßen und einem derben Schmäh. Die ein helles Lachen hatte und eine Zigarette nach der anderen rauchte. Eine Woche später im Cafe Westend haben wir den ersten gemeinsamen Schritt gemacht, aus dem Jahre später ein Film geworden ist.
Dieser Text ist mein Dankeschön für die letzten dreieinhalb Jahre. Und weil vieles von unserer Freundschaft in den 107 Minuten Tintenfischalarm für alle zugänglich ist, soll es auch diese Erinnerungsreise sein.
Draußen hat es geregnet. Ich dachte, ich sterbe. Ich hielt die Behauptung aller, man könne an Liebeskummer nicht sterben, für maßlos untertrieben. Wie kann man nur behaupten, ein Herz könne nicht brechen! An diesem Nachmittag war Alex wieder einmal für zwei Tage bei mir. Ein guter Grund, für eine Zeit aufzuhören, in meinem eigenen Beziehungskram zu wühlen. Wir hatten vor wenigen Wochen begonnen, alle unsere Begegnungen und Gespräche zu filmen. Und sind dadurch immer weiter in Alex Vergangenheit getaucht: Der Aufklärungsunterricht mit 12. Die Lehrerin hatte Tampons mit nach Hause gegeben, damit die Mädchen selbst probieren könnten, wie es sein würde, wenn die Regel kommt und wie man dann einen Tampon verwendet. Alex fand keine Öffnung, die den Tampon aufnehmen wollte. Tagelang und immer wieder versuchte sie, die Ratschläge der Lehrerin zu befolgen. Verzweifelt wurde die Mutter schließlich ins Vertrauen gezogen. Alex verlangte, mit einem Arzt zu sprechen. Als der ohne große Einleitung von Hoden sprach, die Alex früher gehabt hätte und die man ihm/ihr weg operiert hätte, brach die mühsam aufrecht erhaltene Normalität gänzlich zusammen. Alex wusste immer, dass er/sie sich durch irgendetwas von den anderen Kindern unterscheidet. Ein Kind spürt das.
Die Reise in Alex' Vergangenheit hat mich mitgezogen. Die meisten von uns kommen an den Punkt, an dem Kinderbilder zusammengesetzt und analysiert werden. An dem der Schmerz, den man als Kind verdrängt hat - über das Unvermögen der Eltern - hochschießt wie eine ziellose Rakete.
Aber ich will ja nicht verallgemeinern. Bei Alex und mir war es jedenfalls zu dieser Zeit so.
Sicher hatte Alex seine ganz besondere Geschichte - als intersexuelles Kind in einen Mädchenkörper gezwungen, weil die Ärzte den Eltern keinen anderen Weg als den einer Normierung angeboten hatten. Als 14-jähriges Mädchen mit Hormonen voll gepumpt, damit die Brüste zu wachsen beginnen, und eine künstliche Scheide hergestellt, damit die Kleine "bumsfähig" ist, wie Alex das in bitter ironischem Ton kommentiert. Dennoch sind wir in unseren tausenden Gesprächen immer wieder bei der Liebe gelandet - bei der Liebe, die man sucht, bei der Liebe zu sich selbst, bei der Frage, wovor man sich mehr fürchtet, zu lieben oder diese Liebe wieder zu verlieren.
Mein Herz ist damals nicht zerbrochen, der Knacks ist nach ein paar Monaten verheilt. Und ich wollte keine Angst mehr haben. Vor nichts. Es war unter anderem die Beharrlichkeit von Alex, sich seiner Geschichte immer wieder zu stellen, die mich vorangetrieben hat. Und mehr nach vorn und nicht mehr nach hinten schauen hat lassen.
Ich glaube, wir haben beide im Lauf der letzten dreieinhalb Jahre kapiert, dass man die Fäden für sein Leben zu einem großen Teil selbst in der Hand hat. Ein erschreckender Gedanke. Zuerst. Denn die Schuld auf alle anderen oder zumindest auf das System zu schieben, das einem die Fesseln anlegt, ist lange praktiziert und vielfach vorgelebt. Ohne vier Kinder versorgen zu müssen und als gesunder Menschen in einem westlichen Industrieland zu leben, kann man sich die Richtung im Wesentlichen aussuchen, in die man geht. Dass es so viele trotzdem nicht tun...
Na egal. Oder nein. Natürlich nicht egal! Aber sich vor Hürden zu stellen, die bis in den Himmel ragen, bringt nichts. Also besser die überwindbaren ansteuern, die eigenen.
Alex' Umzug von Oberösterreich nach Wien nach unserer San Francisco-Reise im Sommer 2004 war ein Wagnis. Aber er hat heute einen Job. Und sein eigenes Leben. Die Freunde fehlen manchmal, aber so wie Alex jetzt drauf ist, sollte man die leeren Töpfchen nur ins Fenster stellen; es werden sich bestimmt neue Bekanntschaften, neue Menschen und vielleicht wunderbare Freunde finden. Außerdem wird es andere Intersexuelle geben, die sich nach Alex' Auftritt in 'Tintenfischalarm' so stark fühlen, dass sie sich ihm anschließen. Ich hoffe inständig, dass es im Lauf des nächsten Jahres endlich auch in Österreich eine Selbsthilfegruppe für Intersexuelle geben wird. Und ich werde nicht aufhören, mit Menschen, die ich treffe, über die Unglaublichkeit zu sprechen, dass Intersexuelle in unserer Gesellschaft nicht vorkommen, weil man sie durch Operationen normiert. Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der ein Arzt einem 14-jährigen Menschen sagt: Entweder du hast drei Mal die Woche Sex oder du verwendest Phantome aus Hartplastik, mit denen du täglich deine von uns gebaute Scheide dehnst.
Ich hoffe, dass wir in Schulen, an Unis und all denen, die uns zuhören wollen, den Film zeigen und diskutieren können. 300 SchülerInnen haben sich am letzten Schultag vor den Osterferien in Mattersburg den Film angeschaut. Es war der erste warme Tag. Alle sind nach dem Film sitzen geblieben. Sie wollten mit Alex reden. Einem, der tätowiert ist, der anders ist als die anderen, der sich traut, offen darüber zu erzählen und über den es einen Film gibt. Und als ich so durch die Reihen geschaut habe, dachte ich, da sitzen mindestens fünfzehn, die auch nirgendwo dazu passen, sich nicht zugehörig fühlen, weil sie anders ausschauen, weil sie andere Musik hören, weil sie politisch anders denken oder lesbisch sind. Da macht einer wie Alex viel Mut. Und das hat man gespürt. Schön.
Heute Abend im FM4 Jugendzimmer
Heute, Freitag Abend, geben wir unsere Abschlussvorstellung - vorläufig. Ein drittes Jugendzimmer und das Ende unseres Filmprojekts.
Der Fisch hat fliegen gelernt.
Vielen Dank, Alex, für diese einzigartige Zeit!