Martin Forster räumt seine Plattentasche aus. Jede Vinylscheibe hat eine Geschichte, ist mit einem Gefühl verbunden und mit drei, vier Bildern, gespeichert in den unendlichen Weiten der Erinnerung von Mr. Sugar B.
Das erste Bild, das aus diesem Speicher abrufbar ist, sei der Sturz aus dem eigenen Gitterbett. Ein schmerzhafter Fall Richtung Fernseher, vor dem die Mutter gesessen ist, wobei die kindliche Priorität nicht mehr eruierbar ist - waren es die bunten Bilder aus dem Kasten oder die Sehnsucht nach der Mutterwärme, die den Wagemut des kleinen Martin angestachelt haben.
Martin Forster erzählt über sein Aufwachsen als dickes Kind, immer dem Spott der anderen mit eigenem Witz zuvorkommend. "Ich habe meine Unsicherheit durch mein Showtalent und meinen unglaublichen Bewegungsdrang kompensiert. Ich habe sehr früh herausgefunden, was für unglaubliche Glücksgefühle durchs Tanzen, durch die Bewegung zur Musik freigesetzt werden." Diese körpereigene Droge wird nur von den Vatergefühlen getoppt, die Martins kleiner Sohn freisetzt. Aber zu dieser neuen Facette von Wiens charmantestem Entertainer später.
Einer, der nichts richtig kann
In warmherziger Offenheit schildert Sugar B. Teenagerunsicherheiten, Jungmännerträumereien und das unerschütterliche Grundvertrauen, dass das Leben es gut mit ihm meint. Als er die Mittelschule abbricht, um in die Wiener Kunstschule zu wechseln, wo er einer der jüngsten war, haben seine Eltern gelassen reagiert. Nachdem Martins Bruder den Betrieb des Vaters übernommen hat, standen keinerlei Erwartungen im Raum. Die Bahn war frei für das Leben von einem, den vieles interessiert, der "von allem ein bissl was kann, aber nichts richtig."
Wenn er über die vielen verschiedene Projekte erzählt, in die er die letzten zwanzig Jahre involviert war, klingt das wie die Lebensbeichte eines Altstars - im Tourbus mit Glitzerklo unterwegs mit den legendären Moreaus, mit DJ DSL und dem Swound System unterwegs durch die ehemalige DDR nach dem Mauerfall, mit Kruder&Dorfmeister in der Limousine zum Auftritt in den New Yorker Club. "Als sich in den 90er Jahren alle in ihre Homestudios zurückgezogen hatten, bekam ich regelrecht Depressionen. Für mich geht es um ein Gemeinschaftserfolgserlebnis. Ich will nicht alleine im Studio sitzen." Sugar B. braucht die Bühne und den direkten Kontakt zu seinem Publikum. "Ich möchte den Leuten in die Augen schauen. Es ist gar nicht so wichtig, dass die Bude immer gerammelt voll ist, aber dass man einen Austausch mit den Leuten hat, das ist wichtig," erzählt der langjährige Dub-Club-Macher.
Wie sich die langen Clubnächte mit seiner Vaterschaft vertragen? Sie werden seltener, aber letztlich sei ja die Mutter des Kleinen auch noch da. Aber klar - Prioritäten verschieben sich. Und an allererster Stelle stehe zur Zeit die Suche nach einem neuen Swoundhome für die kleine Familie und für alle Dinge, die Sugar B. in den letzten 25 Jahren angesammelt hat. Man suche also ein wirklich geräumiges Haus - eine Art Jausenstation am Land, eine Mischung aus Museum, Treffpunkt für Freunde und Familienidyll.
Sugar B. in einem Doppelzimmer spezial am 26.10 von 13 bis 15 Uhr