Köln | 26.3.2004 | 17:25 Alles für die junge Dame von heute: Pop, TV-Kultur, Style, Klatsch und Diskurs. Auch für den aufgeschlossenen jungen Herrn geeignet.
Selten hat ein Comic im Comic-versessenen Frankreich, wo die so genannten bandes dessinées von jeder Altersgruppe verschlungen werden, so viel Staub aufgewirbelt wie Marjane Satrapis autobiographischer Comic Persepolis. Über 200.000 Exemplare dieser graphic novel in vier Teilen wurden in Frankreich schon verkauft, die englische Übersetzung löste Begeisterungsstürme aus und auch die deutsche Ausgabe, die vor wenigen Wochen beim Schweizer Comic-Verlag Edition Moderne erschien, wurde bereits im großen Stile vom deutschsprachigen Feuilleton gewürdigt. Diese Aufmerksamkeit ist ebenso überraschend wie euphorisierend, denn das Comic-Buch der in Paris lebenden Iranerin ist einer dieser Edelsteine, die viel zu oft nur für die leuchten, die sowieso schon bestens im Genre versiert sind, während die anderen, die Comics häufig immer noch für eine mindere Kunstform halten, achtlos vorbeitrotten.
Das Cover der deutschen Ausgabe
Persepolis ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes, ein fantastisches Werk: der Autorin gelingt es, eine komplexe Lebensgeschichte aus einem Kriegs- und Terror-zerrütteten Land aus der Perspektive eines jungen Mädchens in wundervoll schlichten, holzschnittartigen Schwarz-Weiß-Bildern zu schildern, und dabei die große Geschichte der Gesellschaft aus der kleinen des Kindes zu entwickeln. Wie Marjane Satrapi, die 1969 in Rasht geboren wurde und in Teheran aufwuchs, in beinahe statischen, kindlichen Bildern die Ereignisse von der islamischen Revolution bis zu ihrer eigenen Emigration nach dem iranisch-irakischen Krieg erzählt, ist zum Heulen anrührend und dabei doch nie rührselig. Satrapi verbindet auf fast magische Weise die idyllische Welt eines Kindes, das in einer liebevollen, wohlhabenden Familie aufwächst, mit den grausamen Vorgängen in einer unterdrückten Gesellschaft, in der Krieg und Folter auch nicht vor den nächsten Angehörigen Halt machen.
Satrapi in ihrem Atelier an der Place des Vosges
Aber auch die Widersprüchlichkeiten ihrer eigenen Existenz blendet Satrapi nicht aus: ihre kommunistischen Eltern kämpfen zunächst gegen den ausbeuterischen Schah für eine sozialistische Revolution und später, nach deren Scheitern, gegen den Zwangsislam inklusive Verschleierung und TugendwächterInnen. Gleichzeitig sind sie aber als Nachfahren des letzten iranischen Kaisers höchst privilegiert, brausen im Cadillac durch Teheran und schicken ihre Tochter auf ein französisches Gymnasium, während ihr junges analphabetisches Dienstmädchen seine Mahlzeiten in der Küche statt am Familientisch einnimmt. Die Autorin dokumentiert all diese harten Kontraste, ohne zu denunzieren, und entwirft dabei ein Bild vom Iran, das nicht viel mit jenem der gesichtslosen, verschleierten und bärtigen Islam-SklavInnen gemein hat, das in den meisten westlichen Durchschnitts-Köpfen herumspuken dürfte.
Marjane mit ihren Eltern auf einer Anti-Schah-Demo
Genau das Geraderücken vorgefertigter Miskonzeptionen über ihr Geburtsland war eine der wichtigsten Motivationen für Satrapi, ihre eigene Version vom Iran zu erzählen. Irgendwann hatte es die Kinderbuchillustratorin Leid, immer wieder aufklären und erzählen zu müssen, dass alles doch ganz anders sei als im Fernsehen. Ermuntert von ihren FreundInnen beim renommierten französischen Comic-Verlag L'Association nahm sie selbst den Stift in die Hand und brachte zu Papier, wie das Leben im Iran sich für sie, ihre Familie und ihre FreundInnen darstellte. Da sieht man die kleine Ich-Erzählerin einen Comic lesen, in dem Marx und Kant über den dialektischen Materialismus streiten; sie zeigt sich, wie sie mit Kopftuch, Jeansjacke und Michael-Jackson-Button aus dem Haus geht; wie sie einer infernalischen Revolutionswächterin weis machen will, Michael Jackson auf ihrem Button sei eigentlich Malcolm X, der Führer der schwarzen Muslime Amerikas; und wie es für sie das größte Geschenk auf Erden ist, als ihre Eltern ihr aus der Türkei ein Kim-Wilde-Poster schmuggeln. Aber auch das Grauen von Folter und Hinrichtungen von Verwandten und Bekannten wird nicht ausgespart, und man fragt sich, wie ein kleines Mädchen so viel Schrecken verarbeiten kann.
Marjane mit Kopftuch, Jeansjacke und Michael-Jackson-Badge
Als Marjane 14 ist, wird sie von ihren Eltern ins Exil geschickt - sie fürchten sich um sie, da sie sich mit ihrer aufmüpfigen Art immer wieder in Lebensgefahr bringt. Und wo landet sie? Ausgerechnet in Wien, wo sie am Lycée ihre französische Schulausbildung beendet. Dort dürfte es ihr nicht allzu gut gefallen haben, wie sie selbst in einem Interview äußert: "I had hard times - my parents had no more money to support me. My friends at the French lycée in Vienna were rich kids; I could not stand their expressions when I told them I was Iranian: Ah... Khomeini, ah ... the ayatollahs, the veil.... I could read it in their faces. I even went as far as denying my nationality". Leider bricht die deutsche Übersetzung nach dem zweiten der vier französischen Bände ab - genau dann, wenn Marjane ihre Eltern verlässt und nach Wien fliegt. Da bleibt uns nur zu hoffen, dass die fabelhafte Edition Moderne auch die beiden letzten Bände noch übersetzen lässt - denn von dieser grausamen, wunderschönen Geschichte möchte man sich am liebsten überhaupt nicht mehr trennen.
Und auf einmal mussten dann alle Mädchen mit dem Kopftuch in die Schule kommen
Marjane Satrapi: Persepolis. Eine Kindheit im Iran. Edition Moderne, 160 S., 22 Euro. Übersetzt von Stephan Pörtner