Köln | 20.10.2007 | 13:27 Alles für die junge Dame von heute: Pop, TV-Kultur, Style, Klatsch und Diskurs. Auch für den aufgeschlossenen jungen Herrn geeignet.
Comic-Zeichnen ist ein mühseliges und einsames Geschäft. Ein miserabel bezahltes noch dazu, zumindest im deutschsprachigen Raum, wo ein Band schon erfolgreich ist, wenn er 3.000 Mal statt 100.000 Mal wie in Frankreich über die Ladentheke rutscht. Jedes Panel, also Handlungskästchen, will liebevoll mit Details und Hintergründen ausgestattet werden, nur um von den meisten LeserInnen mitnichten wie ein Kunstwerk bestaunt, sondern in Sekundenschnelle überblättert zu werden.
Detailversessen ...
Und trotzdem gibt es Comic-KünstlerInnen wie Line Hoven. Line Hoven zeichnet ihre Comics nicht mit Stift und Tusche, sondern kratzt sie. Mit einer speziellen Schabtechnik ritzt sie Konturen in Papierbögen, die zuerst mit weißer Kreide und dann mit schwarzer Tusche beschichtet wurden. Da kann es vorkommen, dass sie an einem scheinbar nichtigen Detail Stunden oder sogar Tage sitzt. Für die 96 Seiten ihrer ersten "Graphic Novel" mit dem Titel "Liebe schaut weg" hat sie mehrere Jahre gebraucht. Sie entstand im Rahmen ihres Studiums an der Hamburger Akademie der Wissenschaften, wo sie von Anke Feuchtenberger und Atak unterrichtet wurde, als ihre Diplomarbeit.
... und melancholisch schön
Die Ergebnisse dieser ungewöhnlichen, unendlich aufwändigen Technik sind dafür, man kann's kaum anders nennen, Atem beraubend. Wie Leuchttürme tauchen die Figuren und das formgebende Ambiente aus dem melancholisch dunklen Hintergrund auf, und jedes einzelne, sorgfältig gearbeitete Detail scheint ein Eigenleben zu entwickeln. In "Liebe schaut weg" erinnert sich Hoven anhand von alten Fotos, Rechnungen und Tickets an die Geschichte ihrer Familie, die sie mit eigenen Rekonstruktionen ausschmückt. In stillen Bildern verfolgt sie zurück, wie ihre Eltern, der Vater aus Bonn und die Mutter aus Michigan, sich in Bonn kennenlernten und verliebten. Dabei dringt sie bis zu den Großeltern vor, die, auf der einen Seite des Atlantiks, gegen die Nazi-Germans kämpfen wollten, und, auf der anderen Seite, als Mitglieder der Hitler-Jugend Teil dieses Systems waren. Hoven gelingt es, mit winzigen Gesten sowohl die Widersprüchlichkeit als auch die Banalität geschichtlicher Ereignisse im Durchschnitts-Alltag fühlbar zu machen.
Festschauen!
Auch wenn man dazu neigt, Comics nur auf der Suche nach dem Plot durchzuscannen, sollte man sich bei "Liebe schaut weg" an jeder einzelnen Seite möglichst lange festschauen. Die liebevoll ziselierten Straßenszenen, in denen jedes Blatt eines Baumes herausgearbeitet ist, und wo man auf einmal den jungen Protagonisten hinter dem Vorhang eines Fensters entdeckt, oder die tief verschneiten Straßen der amerikanischen Suburbs in den 40er Jahren, oder all die anderen berührend schönen Settings, die verlangen einfach danach.