Köln | 28.10.2007 | 20:55 Alles für die junge Dame von heute: Pop, TV-Kultur, Style, Klatsch und Diskurs. Auch für den aufgeschlossenen jungen Herrn geeignet.
Stuttgart ist eine Stadt, die ihren Reichtum nicht gerade versteckt. In der Heimat von Bosch, Porsche und Daimler-Chrysler dreht sich auf dem Turm des Hauptbahnhofes weithin sichtbar das Markenzeichen des Kapitals, der Mercedes-Stern, und auf der Einkaufsstraße neben dem pittoresken Schlossplatz wimmelt es vor ausgiebigst shoppenden Menschen. Da fällt es schwer, den imposanten Glas-Kubus auf ebenjener Königsstraße nicht als Warenhaus zu dechiffrieren - die Optik erinnert an einen noblen Shopping-Palast und auf der Vorderseite prangt ein riesengroßes %-Zeichen. Alles billiger, kennt man ja.
Josephine Meckseper, Der Demonstrant (2003)
Kunst als Schaufenster
Aber Moment mal: Das ist doch das neue Stuttgarter Kunstmuseum, das der deutschen Künstlerin Josephine Meckseper die erste große Werkschau widmet. Und da die in New York lebende, 1964 geborene Norddeutsche in ihren Arbeiten immer wieder die Verquickung von Pop, Politik, Ware, Kapital und Image thematisiert, liegt es nahe, dass sie den schicken Neubau als Ganzes als Einkaufstempel inszeniert. Auf der Vorderfront das große Prozent-Zeichen, im Keller eine als Schaufenster gestaltete Vitrine.
Oui ou non?
Affirmation? Protest?
Man ist einigermaßen gespannt, wie die Wahlamerikanerin, die vom bürgerlichen deutschen Kunstmagazin Monopol als "gewiefte Doppelagentin" abgefeiert wurde, ihre (Nicht-)Botschaft von der Warenförmigkeit eines jeden Zeichens, ob Affirmation, Protest oder eben offenkundige Ware, in der Hochburg von Arbeitseifer, protestantischer Bescheidenheit, Luxusgütern und nicht zuletzt der CDU umsetzen würde. Auf drei Stockwerken sind stylishe Vitrinen mit Unterwäsche, Putzutensilien etc. neben Fotos, Filmen von Protestveranstaltungen, Wandteppichen, Zeitungs-Collagen und zerborstenen Spiegeln arrangiert. Slicke bis biedere Werbeästhetik von männlichen und weiblichen Unterwäsche-Models wechselt sich mit humoristischen Elementen wie dem sich vor einem Spiegel drehenden Hasen ab, der ein Schild in der Pfote hält, auf dessen einer Seite "oui" und auf der anderen "non" steht - gerade vor dem Hintergrund des Spiegels ein verwirrender optischer wie kognitiver Effekt.
CDU-CSU (2001)
Immer wieder dabei: das "Pali-Tuch"
Im ersten Stock ist das "Gold" der Deutschlandfahne auf einem Cover der Zeitschrift Spiegel mit Glitterpapier ersetzt, zwei sich vor einem Kamin räkelnde Werbeschönheiten tragen Halsketten mit "CDU" und "CSU" als Anhänger, weiter oben protestieren Schaufenster-Puppen mit heruntergelassenen Jeans gegen den Krieg, der Stuttgart-Dauerbrenner Stammheim (Haftort der RAF-Gefangenen) wurde abfotografiert und an allen Ecken und Enden wird den BesucherInnen das berühmte Muster des Palästinensertuches aufs Auge gedrückt. Das bringt nicht nur die nicht gerade schwer verständliche Prämisse der Künstlerin auf den Punkt - alle Zeichen sind jeder "authentischen" Bedeutung und jedes Protestpotenzials entleert, alles ist Image und Werbung -, sondern es ist ebenso symbolisch für die reichliche Plattheit dieser so gewollt vielschichtigen und uneindeutigen Kritik: alles ist Klischee seiner selbst, das Bedeutungslosigkeit nicht nur aufzeigt, sondern aktiv mitproduziert.
Es danken: die Sponsoren
Beim Durchblättern des Kataloges in der Museums-Buchhandlung danach fällt ins Auge: Die Firma Hugo Boss, deren Werbesujets Grundmaterial vieler Arbeiten Mecksepers in der Ausstellung sind, bekräftigt auf einer eigenen Seite, wie gerne sie dieses spannende Projekt unterstützt habe. Schöner könnte man wohl kaum deutlich machen, wie sich hier die Katze in den Schwanz beißt.