Köln | 26.11.2008 | 09:44 Alles für die junge Dame von heute: Pop, TV-Kultur, Style, Klatsch und Diskurs. Auch für den aufgeschlossenen jungen Herrn geeignet.
Seit 2005 betreibt Jeannette Petri aka Jee-Nice quasi im Alleingang das HipHop-Magazin "Anattitude" mit einer dezidiert weiblichen Perspektive. Man fragt sich, wie sie das nur hinkriegt: drei Ausgaben sind bereits erschienen, die letzte gerade kürzlich, und jede ist randvoll mit interessanten Interviews, Hintergrundinfos und stylishen Fotos. Wo sich die ersten beiden Ausgaben mit "Gender" und "Paris HipHop" befassten, steht jetzt die "Old School" im Vordergrund. Dass Jee-Nice ein "die-hard old school fan" ist, leuchtet aus jeder Zeile, aus jedem Foto dieser so liebevoll layoutierten Ausgabe, die eigentlich eher wie eine extrem geschmackssichere Kunstbuchpublikation als eine banale Zeitschrift aussieht.
Das Magazin-Cover mit Roxanne Shanté
Im Intro schreibt Jeannette:
First, forget what you heard about HipHop being a man's world. "Once upon a time, Hip-Hop was a culture, not a commodity" writes Sheri Sher in her novel "The Mercedes Ladies". "It was about street respect and a way to express whatever was on your mind. There was no real money involved." And the ladies had their place at every time.
So ist es nur logisch, dass die Ladies der ersten Stunde, von denen viele jüngere HipHop-Fans noch nie gehört haben, hier Länge mal Breite interviewt werden und davon berichten, wie es früher war, als Rap noch kein Milliarden-Business war, das hauptsächlich von weißen Mittelschicht-Kids konsumiert wird:
MC Lyte auf einem Foto von Janette Beckman
We didn't talk about drugs and how to use them, nor about sex. And we didn't take our clothes off nor kill anyone. But it's all about the money today,
erinnert sich Sparky D, die durch ihren legendären Battle mit Roxanne Shanté 1985 den Grundstein für die Diss-Kultur im Rap legte, wie es sich auch in der exzellenten "Women in HipHop"-Timeline am Ende des Heftes nachlesen lässt. Es folgen Interviews mit weiteren Rap-Pionierinnen wie Missy Dee (ihr Track "Missy Missy Dee" ist heute ein gesuchter Classic, der 2008 rereleased wurde) oder der britischen Cookie Crew.
Sparky D, auch fotografiert von Janette Beckman
Aber auch Akteurinnen aus anderen Disziplinen kommen zu Wort, wie die berühmte HipHop-Fotografin und -Chronistin Martha Cooper, die Fotografin Janette Beckman, die Covers für Salt'n'Pepa, Public Enemy und Run DMC geschossen hat, die Breakerin LaneSki und die Graffiti-Künstlerin Rosy One, die hier lustige Tipps für gute Foto-Posen gibt. Die Female Graffiti Timeline, die in Kooperation mit den Ladies von Catfight entstanden und als hübsches Faltblatt beigelegt ist, rundet die völlig unverschnarchte Geschichtsstunde ab.
LaneSki beim Breaken in NYC, 1985
Für die Fans oder alle, die es spätestens nach dem Lesen geworden sind, sind die zahlreichen Fotos und sogar Poster (!) von Roxanne Shanté, JJ Fad oder Sparky D ein zusätzlicher optischer Höhepunkt, der deutlich macht, dass es mal Zeiten gab, in denen HipHopperinnen nicht hauptsächlich dazu aufgefordert waren, im sexy Abenddress oder gleich im Bikini herumzuhüpfen, sondern eher in mörderschicken Street-Wear-Klamotten. Ein guter Anlass, im Netz - der ahistorischen Synchronizität von Youtube sei Dank - diese Old School Stars aufzusuchen - und vor allem bei Jee-Nice ein Heft zu bestellen, solange es noch welche gibt.