Köln | 9.6.2002 | 10:06 Alles für die junge Dame von heute: Pop, TV-Kultur, Style, Klatsch und Diskurs. Auch für den aufgeschlossenen jungen Herrn geeignet.
This book hits the spot, wie der Ami sagen würde, oder hierzulande: das kommt zur rechten Zeit. Auch wenn die nie totgewesene Rockmusik neue Popularitätsrekorde feiert und elektronische Musik- und Lebensaspekte nicht mehr so das ganze heiße Ding sind, so hat sich das Prinzip DJ doch mittlerweile als fixe Größe am Celebrity-Himmel etabliert. Um es banal zu machen: jede/r kennt eine/n DJ, jede/r war schon mal DJ. Nachdem nun schon eher theoretisch-historische Abhandlungen veröffentlich wurden - z.B. Ulf Poschardts DJ Culture (1995), Brewsters und Broughtons Last Night A DJ Saved My Life (1999), hat die biographisch-anekdotische Annäherung mit dem eher fluffigen Material bis jetzt noch gefehlt. Hier tritt Hans Nieswandt auf den Plan, bekannt und geschätzt durch seine Tätigkeiten als Schreiber bei Spex und Bandmitglied von Whirlpool Prod., qualifiziert natürlich durch seine Karriere als House DJ, der in plus minus acht in Form eines DJ Sets, wie er sagt, Anekdoten und Einsichten ins Biz umeinander gruppiert.
Hans Nieswandt: plus minus acht
"Wie es dazu kam", "Wie man es so macht", "Und wo das alles hinführt" sind die drei großen Kapitel, in die das Buch unterteilt ist, wobei aber weder eine chronologische noch eine thematische Abfolge sichtbar wird. Vielmehr erzählt Nieswandt im Plauderton von den verschiedensten, schönen wie unschönen Begebenheiten in seinem mittlerweile nun doch schon recht langen DJ-Leben. Besonders gelungene Abende kommen ebenso vor wie totale Reinfälle, Clubkid-Typologien werden aufgestellt (z.B. von den Leuten, die sich immer unmöglichste Tracks wünschen oder DJs sonstwie nerven), und es werden auch Einblicke in die Begleiterscheinungen der Unterhaltungsindustrie gewährt, wenn der Autor beispielsweise von seinem Job als Einheizer in einem noblen Feriencamp zur Präsentation eines neuen Autos, oder von der Marketing-Brainstorming-Runde einer großen Zigarettenmarke berichtet, in die er sein popkulturelles Kapital einbringen sollte.
Die Hand des Meisters (und sein Kopf)
Einige LeserInnen, die Nieswandt immer noch hauptsächlich mit der Spex in Verbindung bringen, wird der anekdotische Ton der 14 Unterkapitel erstaunen, da hier tatsächlich nur auf ganz persönlicher Ebene beschrieben wird, ohne dass eine weiterreichende Analyse angestrebt würde. Das Kapital, mit dem zahlungskräftige Konzerne Lifestyle, i.e. DJs einkaufen und damit Jugendkultur für sich vereinnahmen wollen, wird nur als solches erwähnt, die ökonomisch oft zwanghafte Verbindung zwischen diese beiden Bereichen wird aber nicht weiter theoretisiert. Ebenso ist es bei den Beschreibungen von Nieswandts Exkursionen im Auftrag des Goethe-Instituts, bei denen DJs quasi als das heißeste neue deutsche Kulturgut exportiert werden, wobei Nieswandt aber Konstrukte wie nationale Identität weitgehend unhinterfragt lässt. Interessant wäre es auch gewesen, mehr über die Einschränkungen zu erfahren, die ein solcher Job für's Privatleben mit sich bringt, aber man erfährt hier nur ganz en passant, dass Hans auf einmal eine Frau und zwei Töchter hat, nicht aber, wie die z.B. damit klarkommen, dass Familien-Daddy DJ und damit verdammt oft auf Reisen ist. Überhaupt, die Frauen: obwohl das Buch ein hübsches Bild von Männlein und Weiblein im Discokugel-Design ziert, kommen Frauen des Business ganz explizit nur in einem Absatz vor. Klar, das betrifft den Autor nun nicht wirklich persönlich, aber eine Einschätzung der Genderproblematik im Clubbereich wäre von qualifizierter Insider-Seite doch sicherlich lohnend gewesen.
Was der Schwachpunkt des Buches ist, ist also auch gleichzeitig sein Vorteil: plus minus acht will unterhalten, und das gelingt dem Buch auch. Die Schilderungen der Cluberlebnisse sind kurzweilig dargeboten (auch wenn mir manchmal die Spannung kurz vor dem Höhepunkt, der dann nicht kommt, abzubrechen scheint - wo war da das Fingerspitzengefühl des DJs?), eine Theorie wird nicht dazu gezimmert. Hier spricht der Praktiker, und der bleibt auf dem Boden.
Hans Nieswandt: plus minus acht. DJ Tage DJ Nächte. KiWi, 223 S. ca. 8,90 EUR.