Ich kenne eigentlich keinen Menschen bei FM4, der mit Attwengers Musik gar nichts anfangen könnte. Die Metal-Fraktion, die HipHopper, die Technos, und die vielen Universalis in der Redaktion sowieso, für alle stellen Attwenger so etwas wie einen kleinsten gemeinsamen Nenner dar.
Ethnozentristische Authentizitätsromantiker würden jetzt irgendwas von "Wurzeln" schwafeln oder von "österreichischer Identität", aber dass das Blödsinn ist, das haben Attwenger und ihre Apologeten ja schon im Umfeld ihrer ersten Platte geklärt.
15 Jahre ist das jetzt her, und in diesen 15 Jahren ihres Bestehens sind Attwenger von ihrer Haltung, von ihrer Art an Musik und an die sie umgebende Welt heran zu gehen, kein bisschen abgerückt. Und trotzdem, oder gerade deswegen, haben sie sich mit jeder Platte einen guten Schritt weiter entwickelt.
Anfangs etwas langsamer, aber spätestens mit song ist es gelungen, so etwas wie einen universalen Musikkosmos in Musik zu verwandeln. Global denken, lokal handeln - wenn's nicht so ein abgedroschener Politslogan wäre, würde er zu Attwenger perfekt passen. Sie gießen die eigene Offenheit und den eigenen Weitblick in musikalische und textliche Formen, die in der Provinz zu Hause sind, ohne jemals provinziell zu wirken.
Auch dog ist wieder ein Schritt weiter, aber es ist auch ein Schritt zurück, an den Anfang von Attwenger. Sie bewegen sich nicht im Kreis, was sie im Track 4 direkt ansprechen, sondern in einer Spirale. Zurück, aber trotzdem weiter. Dog ist eine Pop-Platte, eine Rock'n'Roll-Platte, eine Song-Platte. Sun war ein Dokument von Attwengers Kollaborations- und Reiselust: die Zusammenarbeit mit Fred Frith, mit Boban Markovic, mit Couch. Dog ist die Rückkehr zu sich selbst, eine Platte wie einmal Durchschnaufen.
Dabei spiegelt dog das ganze attwengersche Musikuniversum wieder. Es gibt die klassischen Falkner/Binder-Quetschnpunk-Kracher, es gibt die vielschichtigen elektronischen Spielereien von Markus Binder, zu denen Kollege O. nur Brian Eno einfällt, es gibt Nummern, die den Blues der White Stripes oder den Rap'n'Roll eines Chuck Berry in groovige Laid Back-Gstanzln verwandlen. Es gibt das erste Liebeslied (oder besser: Beziehungslied) der Attwengerkarriere. Naja, und natürlich nicht zu reden von der L'amour-Hadscher-Proberaum-Blödelei "Komm" oder dem strangulierten Remix von Kaklakariada.
title: Prime Cuts: Dog artist: Attwenger length: 0:52 MP3 (832KB) | WMA
Zwei Gedanken sind es, die den Songs auf dog trotz aller Unterschiedlichkeiten einen homogenen Schliff verpassen: Markus Binder wollte seine elektronisch produzierten Tracks nicht mehr ausufern lassen, sondern hatte sich jeweils einen Zeitrahmen von exakt drei Minuten gesetzt, in den er die Songs gesetzt hat. Und andererseits versuchen Falkner und Binder, wie schon bei "Kalender" auf sun, Songtexte auf einer sich stets wiederholenden Textzeile aufzubauen. Dieses Element wird in den verschiedensten Stilen angewandt und gibt der Platte einen zusätzlichen Schliff.
Am schönsten wird das sichtbar bei "eam" und "mir". Eigentlich das selbe Lied, aufgebaut auf der Textzeile "sogs eam oba ned mia", einmal als relaxter Blues-Schleicher mit Hammondorgel und Eric-Clapton-Gitarre von Markus Binder, einmal als Quetschnpunkkracher von Binder und Falkner. Beides Attwenger 2005.
Ja, und außerdem ist dog natürlich eine politische Platte. Das, was sich bei sun noch fast allein bei "Kaklakariada" einen Weg gebahnt hat, ist jetzt auf dogin fast allen Nummern zu hören: direkte, ungewaschene System- und Gesellschaftskritik, ohne den Attwenger'schen Humor und Hinterfotzigkeit zu verlieren. Auch hier sind Attwenger derart selbstverständlich gradaus und unpeinlich, dass es eine wahre Freude ist.
Attwenger
Attwenger sind am 22. Oktober gemeinsam mit Bauchklang, Heinz, Louie Austen, Mauracher u.a. live am FM4 Fest in München zu sehen.