Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet, als der kanadische DJ und Produzent Tiga endlich sein Handy beantwortet. Denn nach mehrmahligem Verschieben des Interviews war meine Vorstellung gefestigt, dass ich es hier mit einer einsilbigen Diva zu tun haben werde. Aber - Überraschung - Tiga Sontag (angeblich sein bürgerlicher Name) wirkt sehr entspannt und freundlich, als er in Belgien am Rücksitz eines Taxis auf dem Weg zum Hotel meinen Fragen absolute Aufmerksamkeit schenkt. Überhaupt ist bei Tigas Debüt 'Sexor' nichts so, wie es anfänglich den Anschein macht.
Montreal - Indien - Montreal
Die Geschichte, wie Tiga seine musikalisch missionarische Leidenschaft entdeckt hat, ist eng an seinen Vater geknüpft. Der siedelte mit seinem Sohn in den Achtzigern nach Goa/Indien und arbeitet nebenher bei verschiedenen Parties.
"Mein Vater war damals nicht ein richtiger DJ, wie wir es heute kennen. Er hat einfach ein paar Platten gekauft und den Leuten bei Parties vorgespielt. Als ich dann mit siebzehn Jahren die Techno- und Raveszene entdeckte, war mir klar, dass ich da kräftig mitmischen möchte."
Gedacht, getan. Zurück in Montreal eröffnete Tiga den Plattenladen 'DNA' und gründete sein eigenes Label Turbo Recordings. Von da an ging alles den "üblichen Weg".
Vom DJ zum Produzenten
Von Nacht zu Nacht, in denen Tiga in unzähligen Clubs hinter den Decks gestanden hat, wurde auch die Liste seiner Veröffentlichungen länger. Klarerweise stehen da am Anfang diverse Remixe (wie für Bran Van 3000 oder den Martini Bros) und Compilations (die bekannteste für die DJ Kicks Serie des Deutschen Elektroniklabels !K7 Records).
Der erster Durchbruch stellte sich mit dem Remake von Corey Harts 'Sunglasses At Night' ein. Gemeinsam mit dem finnischen Produzenten Jori Hulkkonen kreierten sie einen Clubhit, der auch in die Radiostationen Einzug fand.
Nun war für Tiga der richtige Zeitpunkt gekommen, die immer wieder auftauchenden Selbstzweifel zu überwinden und ein eigenes Album zu produzieren.
"Ich habe mir immer das Ziel gesetzt, meine eigenen Sachen zu produzieren. Es hat einfach sehr lange gedauert, bis ich mich dazu entschlossen habe. Natürlich zweifelte ich daran, ob es klappen könnte. Doch mit dem Erfolg von 'Sunglasses At Night' ist es mir dann leichter gefallen, mein eigenes Album anzugehen."
Nach remixes und Compilations das Debüt von Tiga: "Sexor", ganz im Model-Style
Welcome To Planet Sexor
Tigas Debüt "Sexor" lässt sich einfach zusammenfassen: Prägnante, reduzierte und recht kurze Tracks im Schnittbereich von Dance, House und Disco. Wobei die unterkühlten, düsteren Stimmung immer wieder durch poppige Melodien und Hooklines gebrochen wird. Der repetitive Gesang moduliert und erhebt sich streckenweise zu Refrains mit "Mitsing-Qualität", wie etwas in dem Opener '(Far From) Home' oder dem Song 'You Gonna Want Me'. Andere Stücke wiederum bieten klassiche "for to the floor"-Arrangements ('Louder Than A Bomb oder 'Pleasure From The Base'), wobei Tiga auch hier zu Gunsten der wohnzimmerlichen Hörbarkeit die bliebte Tradition der ewig langen Intros nud Outros über Bord wirft.
"Dass die Tracks sehr kurz geworden sind, war für mich extrem wichtig. Ich hab mir viele DJ- und Elektronikplatten angehört und die meisten sind viel zu lang. Deshalb haben sie mich gelangweilt. Es gibt keinen Grund dafür, ein Album, dass du dir zuhause anhörst, mit neunzigsekündigen Intros und Outros vollzustopfen. Das langweilt die Hörer."
Produzent Jesper Dahlbäck
title: Prime Cuts Tiga length: 1:07 MP3 (1.084MB) | WMA
DK7 und Soulwax help!
Dass 'Sexor' ein variantenreiches und recht gut durchhörbares Werk geworden ist, liegt an den Produzenten, die Tiga zur Seite gestanden sind: Jesper Dahlbäck von DK7 und die Produzentenbrüder Stephen und David Dewaele von Soulwax. Sie haben dem Album den poppigen Schliff und den eindeutigen Sound verliehen, obwohl die Arbeitsweise recht unterschiedlich verlaufen ist.
"Jesper und ich haben den selben Techno-Hintergrund und ein sehr reduziertes Studio. Wir sind sehr effizient, wenn wir Tracks gemeinsam machen und beschäftigen uns zuerst mit Basslinien und den Beats. Anschließend bauen wir die Gesangslinien rundherum. Mit Stephen und David gab es eher eine Bandatmosphäre. Sie haben ihr Studio voll mit Instrumenten und verschiedensten geräten. es läuft mehr nach dem Motto "trial and error". Es ist dadurch auch etwas abenteuerlicher."
David Dewaele von Soulwax
Spaß und Reduktion
Ein Kritikpunkt bei "Sexor" könnte sein, dass die dreizehn Tracks zu minimal und zu simple gestrickt sind. Andererseits generiert Tiga dadurch eine teils beklemmende Stimmung (so wie bei dem einzigen langen Stück 'Good As Gold' oder dem schleppend langsamen 'Down In It'), die dem doch recht glamourös ausgerichtetem Artwork und Gesamtheitsstil entgegenwirkt. Außerdem merkt Tiga mit ironischem Unterton an:
"Das Album ist deshalb so minimal geworden weil ... äh ... (kurze Denkpause) ... Na ja, ich bin ja auch nicht Mozart!"
Vielleicht ist es gerade diese Art von unerwartetem Humor, die mir Tigas Album etwas näher gebracht hat. Wobei ich mir bei der Verabschiedung nach dem Interview nicht so ganz sicher bin, auf welche Kosten dieser Witz des kanadische DJs gehen sollte.
Me: "Okay, thanks then for the interview and your time..." Tiga: "Ah, yeah. Can I give a shout out to Falco?" Me: "Sure, if you like to..." Tiga: "So here is a shout out to Falco. Rest in peace."