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  Österreich |  1.8.2006 | 16:16 
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Was ist Pop?
  von Andreas Schindler
 
 
 
  Das will ich immer dann wissen, wenn mich wieder mal der Zweifel packt, ich mir auf die Unterlippe beiß' und mich frage, was das ganze Brimborium um diese drei Buchstaben überhaupt soll. Immerhin bin ich auch so ein Zuarbeiter dieser zwiespältigen Kurzweil-Industrie. Hass-Liebe bleibt da nicht aus.

"Ich seh für dich und ich hör für dich. Ich lüge und ich schwör für dich." (Für immer und Dich)

"Du bist vielleicht ganz schön, aber du bist aus Plastik; und ich versuchs zu übersehen,
doch tut mir Leid: Ich schaffs nicht" (Plastik)


Ich denke Pop hat natürlich was mit der Zeit zu tun in der "er" entsteht. Und weil er also eine Zeit auffasst, be- und verhandelt, "will" Pop auch etwas. Anrichten. Etwas auslösen; Pop will vielleicht auch, dass du seine Lieder singst, deine Glieder schwingst, will ein wenig begleiten durch die Wüste Alltag. Außerdem will Pop etwas von den Poppern erzählen, die ihn machen. Soll heißen: teilen. Einen Witz, eine Sorge, eine Liebe, eine Unsicherheit, manchmal sogar Anschauung(en). Pop will also viel und scheitert an diesem Wollen oft. Extrem oft. Ab und an kommt dann aber ein Popper (eine Popperin) um die Ecke und irgendein kindlicher Instinkt sagt dir, dem/der sollst du folgen... weil dort wo die lang gehen, es lang geht.

 
 
Ich bring die Platten die was bedeuten, die euch ein Leben lang begleiten wie gute Freunde
  "... und dafür lieben sie mich; denn sie wissen: ich bring ihnen die Platten die was bedeuten und euch ein Leben lang begleiten wie gute Freunde!" (Mercedes Dance - Intro)"

Jan Eisfeldt spaziert schon sein halbes Leben durch dieses zwielichtige Millieu, scheut keine Gasse, keine Kneipe, und leider auch keinen Swoosh-Laden. In Pop-Stadt kennt er sich aus, da findet er selbst stockbesoffen noch nachhause. Wenn er sich doch einmal verläuft, fragt er einfach Udo Lindenberg, Nena, The Meters, Dr. Dre., Nina Hagen, Rio Reiser oder die Dexy Midnight Runners nach einem Weg. Diese Feuerteufel(innen) haben ihn nie im Stich gelassen. Deshalb sagt er heute - dreißig Jahre später - "Danke!" und erzählt mit dem Album "Mercedes Dance" von der berauschenden Kraft des Pop-Musik Feuers. Delay legt nach und bläst die Idee weiter in die Kinderzimmer, Radios und Tanzböden seiner ZeitgenossInnen. Angekommen? Quatsch! Losgefahren. Einmal mehr: Der Weg ist der Kiel (hat Headline-Qualitäten, wa?)

"Also pass auf! Denn das wichtigste ist, dass das Feuer nicht aufhört zu brennen, denn sonst wird es ganz bitterlich kalt. Ja, die Flammen im Herzen sind durch nichts zu ersetzen, darum halt sie am Laufen mit aller Gewalt. Feuer! Feuer! Feuer!" (Feuer)

 
 
Ein neuer Jan, ein neuer Anfang
  Aufgewachsen ist Jan Phillip Eisfeldt in einem linken Wohnprojekt, als Sohn zweier Menschen, die im Norddeutschland den späten 60er Jahre politisiert worden sind. In diesem Denken und an diesem Platz hat er noch immer seine Homebase. Hamburg HH. Eimsbüttel. Eimsbush. Jan E. ist direkt verschossen in den kühlen Witz seiner Heimat und kein Sauwetter, kein Richter und kein HipHop Hype haben ernsthaftere Schäden an dieser Verliebtheit angerichtet. Die ersten Worte auf seiner neuen musikalischen Etappe sind folgerichtig auch "Hamburg! Eimsbüttel! La Boom Studios! Ein neuer Jan, ein neuer Anfang!" darunter liegt eine Synthie Fanfare, die man eher mit den unsäglichen "Europe" assoziiert als mit Reggae. Reggae? Ach ja, wo Delay draufsteht ist nix mehr mit Offbeat-Phrasierung. Drehst du den Deckel auf, springt dir ein 11köpfige Dance bzw. Funk-Band entgegen. Deutsch-Funk? Wer jetzt Angst kriegt, hat zwar mein Verständnis, vergisst aber, dass wir es hier nicht mit einem selbstverliebten Max Herre zu tun haben, sondern mit dem neugierigen Ausnahme-Kindskopf Eisfeldt. Außerdem hat Jan Delay wieder das Produzenten-Duo Tropf/Arfmann an Bord und die Festival-Abräumer "Disko Number One". Scheißegal wo der Eisfeldt-Schipper hinsteuert, dort wo er anlegt gibt's immer auch was zu entdecken.

So führt "M.D." beispielsweise den Beweis, dass es tatsächlich möglich ist, einen Funksong über Deutsch-Sein-Reflexionen zu bringen, der wiederum unsere (die deutsch-österreichische) Geschichte nicht ausklammert und dennoch zur Conclusio kommt, damit "cool sein" zu können. Das geht nicht? Ich hätt's mir auch nicht gedacht, aber dann ist dieser Anzugträger vorbeigeschlurft, hat mir den Stinkefinger hingehalten und den Kartoffel-Song vorgenäselt.

 
 
Ich bin ne Kartoffel und ich bin cool damit
  "Ja, es waren die Kartoffeln, die den Dämon erschufen und alle Flasher mussten abhauen, oder kamen in die Duschen. Seitdem ist hierzulande alles Finster; Für Stil und Humor herrschten 70 Jahre Winter. Ja, der Flavor ist braun und der Groove der ist Marsch; Und wir haben keinen Stock, sondern 'nen Wald im Arsch.

Aber wenn das, was ich gerade gelabert habe stimmt, wieso kann ich dann verdammt noch mal so cool sein wie ich bin?" (Kartoffeln)


Mit dem Erwerb dieses Albums der Woche erhalten die geschätzten Kunden aber noch einiges mehr: Die vielleicht schönste Liebeserklärung and die Liebe der deutschen Popgeschichte: die Jan Delay-Interpretation des Rio Reiser Stücks "Für Immer und Dich". Vom brutalen Alltag gezeichnete Modernisierungsverlierer, wohlstandsverwahrloste Schlüsselkinder und die PrekärarbeiterInnenschaft finden vielleicht Trost und Verständnis in dem wunderschlauen Song "Kirchturmkandidaten" (Spezialangebot: hier können sie als Hörer zwischen Täter- und Opfer-Position frei wählen!).

Die Songs "Ahn' ich gar nich'" und "Feuer" empfehle ich u.a. werdenden und seienden Eltern als eine Art allgemeinen Erziehungsleitfaden, der sie UND ihre Kinder durch ein wertvolles Leben leiten soll und zwar solange bis alles "Im Arsch" (ft. Udo Lindenberg) ist.

 
 
 
 
  Wer sich dennoch gegen diese perfekt verarbeitete, heizkostensenkende Platte entschließt, der (die) soll mich später dann im Altersheim aber ja nicht volljammern, von wegen: "Hätte ich dir damals nur...". ICH KANN MICH JETZT SCHON AUFREGEN! Schließlich habe ICH mein möglichstes getan, DIR diese Delay'sche Antwort auf die Frage "Was ist Pop?" nahezulegen. Und außerdem:

"Hätte ich für jedes 'hätte ich' jedes Mal nur 50Cent gekriegt, wäre ich ein reicher Mann, der sich's leisten kann, auf den ganzen Scheiß hier zu scheißen, Mann!" (Im Arsch)
 

 
audio
 
title: Prime Cuts: Jan Delay - Mercedes Dance
length: 1:15
MP3 (1.2MB) | WMA
   
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  www.jandelay.de

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