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  Österreich |  12.6.2007 | 14:24 
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Von Kernphysikern und Detroiter Betas
  von Andreas Gstettner

Ich gebe es zu, mir hat der Name Matthew Dear nicht viel gesagt, bevor ich sein neues Album 'Asa Breed' in den Händen gehalten habe. Zwar bin ich seit langem ein Fan elektronischer Musik, jedoch war ich nie so tief verwurzelt, dass ich die Personen hinter den Pseudonymen kannte.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich der erste, unverfangene Höreindruck ändert, wenn man mehr über den Menschen hinter der Musik erfährt. Im Fall von Matthew Dear schlägt sich diese Veränderung eindeutig auf der positiven Bilanzseite nieder. Und das nicht zu schmal.
 
 
 
Von Texas nach Detroit
  Letzten Freitag hatte ich die Möglichkeit, micht mit dem selbsternannten "shy extrovert" Matthew Dear am Wilsonic Festival in Bratislava zu treffen. Seinen, wie hier rechts zu erkennenden, schwarzen Locken fügte der sympathische Texaner nach jeder Frage meist ein Lächeln hinzu. So auch, als es darum ging zu erfahren, wie denn seine musikalische Sozialisation in Texas von statten gegangen ist.

Matthew Dear: "Mein Vater war ein Folkmusiker und spielte Gitarre, die ich mir oft ausborgte, um zu spielen und zu singen. Neben diesem Countryeinfluss hat mein Bruder mich zu Bands wie Nitzer Ebb, Front 242 oder Depeche Mode gebracht. Also hatte ich diesen seltsamen Mix zwischen organischer und elektronischer Musik schon seit meiner Kindheit."

Als Matthew dann nach Detroit zieht, eigentlich um Kulturanthropologie zu studieren, zünden seine ersten Raves den ausschlaggebenden Funken und er fängt an, elektronische Musik zu produzieren. Ender der Neunziger veröffentlicht Matthew seinen ersten Track und heute produziert er stetig unter verschiedenen Pseudonymen, unter anderem als Audion, Techno- und Dance-Musik.

 
 
Der internationale Geist
  Die musikalische Entwicklungsgeschichte von Matthew Dear ist eng mit der des amerikanischen Indielabels Ghostly International verbunden.

Matthew Dear: "Das Label existiert seit ungefähr zehn Jahren und ist in Ann Arbor Michigan beheimatet, rund 40 Meilen westlich von Detroit. Der Gründer Sam Valenti hatte die Vision, elektronische Musik abseits des Partymainstreams zu veröffentlichten. Ich spielte ihm damals meine Tracks vor und nach einiger Zeit wurde einige meiner Stücke der erste Release auf dem Label. Seit damals bin ich bei Ghostly International und es ist mehr wie eine Familie für mich, als eine rein geschäftliche Beziehung. Alle zeigen dort eine große Liebe zu Musik und Kultur. Darüber hinaus ist es eine Marke, die auch für Artwork und Kleidung bis hin zu Events steht. Es ist also eine richtig große Sache."

 "The big indie-label": Ghostly International vereint ausgefallene und gute Elektronik mit Image, Kultur, Artwork, Kleidung und Events.
 
 
Der imaginierte Kernphysiker
  Wenn man 'Asa Breed' das erste Mal hört, bleiben einige der kurzen, dreiminütigen Songs sofort hängen. Zum Beispiel das hypnotische, atmosphärisch unglaublich dichte Stück 'Deserter' oder die unverschämt witzige Nummer 'Pom Pom', die fast schon Lollie-Pop-Songqualität besitzt (im guten Sinne, versteht sich). Doch bei erneutem Hören öffnen sich alle zwölf Tracks und ergeben einen gesamtheitlichen, elektronisch recht reduzierten Soundkosmos, angereichert mit schönen und schrägen Melodien, verqueren Sampleschnipsel und der alles zusammenführenden, wundervoll tiefen Baritonstimme von Matthew Dear. An manchen Stellen ist man sogar an das Timbre von David Bowie erinnert, was keine schlechte Referenz darstellt.

Besoders transparent wird der große Spaß und die gekonnt geschliffene Qualität des Albums vor dem Hintergrund, dass Matthew Dear nicht auf den "Elektronikproduzent-hat-plötzlich-den-Singer/Songwirter-in-sich-entdeckt" Zug aufspringt. Seit seinen ersten musikalischen Gehversuchen war ihm die Stimme wichtiges Ausdruckmittel. Wobei nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form der Worte und deren Klang eine große Rolle spielen. So ist auch 'Asa Breed' mehr durch seinen Wohlklang zum Albumtitel rekrutiert worden.

M. D.: "Asa Breed ist eigentlich eine Nebenfigur in Kurt Vonneguts Roman 'Cat's Cradle'. Ich lese sehr viel wenn ich auf Tour bin und dieser Name ist mir igrendwie hängen geblieben. Ich war fasziniert von der Wortkombination und fand, dass sie sehr gut klingt. Auch bei meinen Texten ist mir der Klang der Wörter sehr wichtig. Aber es ist kein Konzeptalbum und hat auch nicht wirklich etwas mit der Romanfigur zu tun."

 Das zweite unter Matthew Dear veröffentlichte Album "'Asa Breed". Zwölf reduzierte, ausgefeilte, abwechslungsreiche Pop-elektrostücke, die an Eigenständigkeit schwer zu übertreffen sind.
 
 
  Und trotzdem konnte ich mit die Frage nicht verkneifen, welchen Charakter 'Asa Breed' in Kurt Vonneguts Roman darstellt.

M. D.: "Er ist Kernphysiker. Er ist nur ein kleiner Nebencharakter, aber er hilft in dem Buch, die Atombome zu entwickeln, die Hiroshima zerstörte. Aber Vonnegut hat diesen Namen nur erfunden, es ist also keineswegs ein Buch über die Geschichte der Atombombe."

Beruhigend zu wissen, denn sonst würden die teils zuckersüßen Melodien von 'Asa Breed' doch in einem etwas anderen Licht erstrahlen.
 

 
audio
 
title: Prime Cuts: Asa Breed
artist: Matthew Dear
length: 0:48
MP3 (781KB) | WMA
   
 
 
Alles rund um Liebe und Beziehungen
  Die Annahme, elektronische Musik sei unterkühlt und unemotional, mag zwar überholt sein, jedoch existiert sie immer noch. Matthew Dears 'Asa Breed' wäre demnach ein guter Gegenbeweis für digitale Beats, die durchaus das Herz erwärmen können. Das hängt nicht zuletzt mit Matthews sonoren Vocals zusammen, aber auch mit den Themen, die der amerikanische Produzent oft augenzwinkernd entwickelt. Denn alles dreht sich um Liebe und Beziehungen.

M. D.: "Meine Texte geben sehr vage und abstrakte Gefühle wieder. Die Themen der Platte handeln meist von Gefühlen, Liebe, Mitleid und intimen Beziehungen zwischen Menschen. Ich erzähle allerdings keine Liebeslieder á la Mädchen findet Junge und Mädchen trennt sich von Jungen. Es geht mir mehr um den Umgang, den wir mit unseren Mitmenschen pflegen, in all seinen Variationen, Höhenflügen und Talfahrten."

Bei einem Track wie 'Neighborhoods' singt Matthew Dear somit nicht von seiner tatsächlichen Umgebung, sondern lässt eine imaginierte Nachbarschaft in seinem Kopf entstehen, um der Frage nach zu gehen, warum wir zu absolut fremden Menschen oft netter und höflicher sind, als zu denen, die wir lieben.

Die Antwort darauf lautet wohl, weil wir bei ihnen ganz wir selbst sein können, ohne eine Maske aufsetzen oder streng den gesellschaftlichen Normen entsprechen zu müssen. Also ich hätte Matthew Dear gerne als realen Nachbarn. "Virtuell" steht er schon seit einiger Zeit in meinem Plattenregal und wird dort auch lange verweilen.

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