Ein Samowar ist eine russisch-türkische Teemaschine, die Stefan Hantel alias Shantel an einem ganz normalen Morgen, in seiner Heimatstadt Frankfurt, zum Einsatz bringt. Oft kommt das jedoch nicht vor, denn der DJ ist im vergangenen Jahr selbst zu einer Art Samowar geworden, ständig zwischen Ost und West dahin köchelnd. Er hat die Musik zu Fatih Akins neuen Film "Auf der anderen Seite" geschrieben, auf seinem Label "Essay Recordings" das letzte Album von Binder & Krieglstein veröffentlicht, ist mit seinem "Bucovina Club Orkestar" getourt und hat sein erstes Soloalbum seit sechs Jahren fertig gestellt - "Disko Partizani".
Darauf präsentiert Shantel einen 14-teiligen musikalischen Streifzug durch Südosteuropa - von Rumänien, über Griechenland bis in die Türkei. Im Booklet des Albums bezeichnet Weltmusik-Experte Jean Trouillet das als einen "neuen Pop-Style" und den "Sound des neuen Europas". Tatsächlich wagt sich Shantel mit "Disko Partizani" noch ein Stückchen weiter auf seinem friedlichen Feldzug durch die westeuropäischen Gehörgänge. Er unterlegt die traditionellen Bläser-Rhythmen und Akkordeon-Melodien mit gängigen Disko-Beats und wagt sich in manchen Sequenzen auch an Hip-Hop und Funk heran. Teilweise lässt er authentische Gypsy-Klänge fast frei stehen und würzt sie mit schmalzigem, an Schlager erinnerndem Gesang. Die Gegensätze sind groß, und die Stil-Mixtur erscheint beim ersten Hören etwas gewöhnungsbedürftig. Doch sobald man dem Zucken der eigenen Beine nachgegeben und ein paar harmlose Südosteuropa-Klischees akzeptiert hat, ist man im Herzstück von "Disko Partizani" angelangt.
Von der Bucovina in den Club und zurück
Shantel geht seinen Weg in Richtung Balkan-Pop-Land, den er mit Kollegen wie Vladimir Kaminer, Miss Platnum oder den österreichischen Deladap! aufgenommen hat, zielstrebig weiter. Sein Ziel ist klar definiert: "Ich möchte einfach in die Situation kommen, dass ein Song, dessen Wurzeln hörbar in Südosteuropa liegen, gleichwertig wie ein Soul- oder Reggae-Stück im Radio oder Fernsehen gespielt wird. Immerhin haben diese Musikstile auch regionale Wurzeln und sind Teil der Popkultur geworden." Dass Shantel mit seinem Vorhaben durchaus Erfolg hat, beweisen die zahlreichen verschwitzten Gäste bei seinen "Bucovina Club"-Abenden, die vor fünf Jahren im Frankfurter Schauspielhaus ihren Anfang genommen haben. Mittlerweile ist der DJ mit seinem 9-köpfigen "Bucovina Club Orkestar", das aus professionellen südosteuropäischen Musikern sowie der serbischen Sängerin Vesna Petkovic besteht, regelmäßig in Metropolen wie Athen, Rom und Rio zu Gast. Darüber hinaus hat er vergangenes Jahr als erster Deutscher den World Music Award verliehen bekommen und reiht sich damit in die Liste namhafter Künstler wie Taraf de Haidouks, Gotan Project, Manu Chao oder Ibrahim Ferrer.
Harald H. Schroeder/Essay Recordings
Zigeunermusik trifft 21. Jahrhundert
Mittlerweile ist der Name Shantel sowohl in als auch außerhalb der südosteuropäischen Musikszene ein Begriff. In den letzten Jahren hat sich um den umtriebigen DJ und Produzenten eine Gruppe talentierter Roma- und Klezmer-Bands versammelt, "eine kleine Bucovina Familie", wie Shantel betont, die ihn bei der Arbeit am neuen Album unterstützt hat. Die Liste der Gastmusiker ist lang und reicht vom jungen serbischen Schauspieler und Trompeter Marko Markovic über den österreichischen Geiger Kurt Bauer bis zur Berliner Reggae-Dancehall-Queen Mantiz. Sie alle haben dazu beitragen, dass "Disko Partizani" zu einer bunten Melange wird. Aus englischem Sprechgesang, griechischen Melodien, exotischen Klängen einer türkischen Tzoura und ungeraden, vor sich hinstolpernden Rhythmen. Entstanden sind die Songs auf Bahnhöfen in Rumänien, Autobahnraststätten in Griechenland und der Abflughalle des Flughafens in Istanbul, wo Shantel oft mehr Zeit verbringt, als in diversen Studios.
Abgeschaut hat sich der DJ, Komponist und Produzent das Sammeln und Hantieren mit Gegensätzen vor allem von den Zigeunern, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts das öffentliche Bild des Balkans und das von Städten wie Wien, Prag oder Budapest geprägt haben. Im Zweiten Weltkrieg wurde es, durch die Verfolgung der Nazis, still um sie, und erst mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks hat die Musik der Sinti und Roma wieder ein Revival erlebt. Filme von Emir Kusturica oder Bands wie "Fanfare Ciocarlia" und das "Boban Markovic Orchester" haben dazu beigetragen. Mit dem Fall der Berliner Mauer hat auch Shantel seine Wurzeln entdeckt, die in der ukrainischen Bucovina liegen, dem ehemaligen Heimatort seiner Großeltern.
title: Prime Cuts: Disko Partizani artist: Shantel length: 1:19 MP3 (1.273MB) | WMA
Obwohl die musikalischen Unterschiede der einzelnen südosteuropäischen Länder enorm sind, wird der Sound meist schlicht als Zigeunermusik beschrieben. Falsch ist das nicht unbedingt, genauso wie der Begriff Balkan-Pop für sehr vieles steht: Sampler wie "Electric Gipsyland", "Russendisko" und "Bucovina Club 1 +2" präsentieren das breite Sprekturm. Mit seinem neuen Album "Disko Partizani" erweitert Shantel das Genre um eine instrumentalische und sprachliche Verbrüderung, die jedes Wohnzimmer in einen dampfenden Dancefloor verwandeln kann und gleich dem Tee in einem Samowar auch nach mehrmaligem Hören nicht schal schmeckt.