fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosenderSHOPnotesCHAT
  Österreich |  30.1.2008 | 21:02 
Alle Informationen über FM4. - Trackservice Webcam Schema Frequenzen

 
 
The Next Hot Chip Thing
  von Andreas Gstettner

Im Prinzip glaube ich den Sternen nicht.
Und Aberglaube an sich lohnt sich nicht.

Trotzdem hatte ich so ein Gefühl, dieses Jahr könnte ein gutes werden. Es war nichts Konkretes. Keine positiven Voraussagen für Karrierepläne, persönliche Entwicklungen oder aus der Hand gelesene Schicksalswendungen.
Es war bloß so ein unterschwelliges Gefühl, eine Vorahnung.

Und dann flattert plötzlich das neue Album der Engländer Hot Chip in die Redaktion, das mich für die nächsten Woche vollkommen in Beschlag nimmt.
 
 
 
Are you ready for the floor?
  Eigentlich haben sich die Jungs von Hot Chip schon seit einiger Zeit aufgemacht, die in einer ziemlichen Innovationslähmung befindliche Musikszene Großbritanniens aufzumischen. Ich erinnere nur daran, dass ihr letztes Album The Warning vor knapp zwei Jahren auch schon einmal zum Album der Woche gekrönt worden ist. Damals war noch viel vom ersten Treffen der beiden Masterminds Joe Goddard und Alexis Taylor die Rede und davon, wie lange es brauchte, bis ihr Debüt 'Coming On Strong' erschien.

Mittlerweile ist das Producer-Singer-Songwriter Duo zur fixen Band angewachsen. Mit Felix Martin, Al Doyle und Owen Clarke stehen nun drei weitere Musiker nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Studio und Proberaum, um dem riesigen Referenz- und Einflusskosmos von Hot Chip mit ihren persönlichen Vorlieben zu erweitern.

Der Minimal House/Techno Sound, der sich etwa bei der ersten und gleich an Hits wie 'Over And Over' anschließenden Single 'Ready For The Floor' bemerkbar macht, den hat Felix Martin in den Song einfließen lassen. Schließlich ist er neben seiner Bandtätigkeit auch als Techno-DJ unterwegs.

Felix: "Es würde mir nicht gefallen, wenn ein Hot Chip Album komplett nach Minimal Techno klingen würden. Aber ich glaube schon, dass dieser Stil einem Popsong eine gewisse Ästhetik gibt, die ihn besser oder interessanter macht. 'Ready For The Floor' hat so eine Techno-Ästhetik, und die darüber liegenden süßen Gesangslinien geben dem Ganzen dann den Popflair."

 Das zweite, schon sehr heiße, Hot Chip Album 'the Warning' (2006).
 
 
Expect the unexpectable
  Wer jetzt von dem Londoner Quintett ein rein club- und tanztaugliches Album erwartet, die/der wird vielleicht etwas enttäuscht sein. Denn auf 'Made In The Dark' prallen zwei große, übergeordnete Welten transparenter und ausgewogener aufeinander denn je.

Da wäre zum einen die eher "technoide" Seite mit viel Schräglage und Hang zum Experimentellen. Schon der Opener 'Out At The Pictures' steigert sich mit einem live aufgenommenem Orgelriff zu einer verqueren Rocknummer, die - sobald sich der Beat einigermaßen etabliert und stabilisiert hat - plötzlich durch ein verstörendes Techno-Zitat aus den Angeln gehoben wird. Auch der nachfolgende Track 'Shake A Fist' lullt uns zuerst durch seine nette Game Boy Melodie ein, doch der anschließende, schwere Beat weist in eine andere Richtung. Nicht umsonst ist der Hintergrund zu diesem Stück, dass sich in einem Traum von Alexis Taylor der Songtext mit Snoop Doggs 'Drop Like It's Hot' verschmolzen hat. Ebenfalls aus dem Reich der Träume stammt der wohl gewagteste und schrägste Soundclash des Albums. Während 'Bendable Posable' auf der erzählerischen Ebene von Actionfiguren mit sich verbiegenden Gliedmaßen handelt, messen sich auf der musikalischen Ebene die gedämpften Gitarrenriffs und frechen Solomelodien mit skurrilen Synthies und holpernden Digitalbeats.

Mit anderen Worten: Bei Hot Chip weiß man nie so richtig, wohin die Reise geht. Und immer dann, wenn man glaubt einen Song geknackt zu haben, kommt eine neue, harte Soundschale zum Vorschein.

 Alle guten Dinge sind bekanntlich Drei. Das dritte Hot chip Studiowerk 'Made In The Dark' bedient sich sowohl einer Techno-Ästhetik, wie auch der souligen Motwon-Wärme.
 
 
Putting back the soul into the music
  Neben der clubverträglichen Schiene fahren die Londoner Ausnahmemusiker gerne mit dem soul train in Richtung Motown. Das Übereinanderschichten gehauchter Gesanglinien, sowie das entspannt und zurückgelehnt klingende Timbre von Alexis Taylor bestimmen die andere Hälfte der Songs. Vor allem das bluesige Gewand des Titeltracks 'Made In The Dark' zeigt, dass sich Hot Chip auch gerne mal den dicken R'n'B Pelzmantel umhängen. Irgendwie auch verständlich, bei der Londoner Witterung.

Den wenigen Albumfreaks, die sich eine Platte noch von vorne bis hinten anhören, wird auffallen, dass in der Mitte der sehr passende Titel 'We're Looking For A Lot Of Love' die warmherzige und soulige Stimmung einleitet. Ein Song, der für mich die Affinität zum französischen Pop-Touch ala Air und Phoenix nahelegt.

Gegen Ende hin servieren uns Hot Chip mit 'Whistle For A Will' und 'In The Privacy Of Our Love' eine recht mutige Doppelportion melancholischer Songwriter-Balladen. Da darf vor Emotionalität auch mal etwas neben der Tonalität gekrächzt werden, um dem Charme und nicht dem Kitsch den Vorrang zu gewähren. Berührend und witzig zugleich.


 
audio
 
title: Prime Cuts: Hot Chip
length: 1:12
MP3 (1.164MB) | WMA
   
 
 
 
 
The R. Kelly Thing
  Es mag sein, dass sich bei Hot Chip alles nur an der Pop-Oberfläche abzuspielen scheint. Ganz richtig ist es jedoch nicht, blickt man hinter die Soundfassade mancher Stücke.

Bestes Beispiel hierfür ist 'Wrestlers'. Vordergründig vielleicht eine Hommage an die Wrestling-Vorliebe von Joe und Alexis oder eine Anspielung auf den Gründungsmythos, laut dem sich die beiden Musiker bei einer Rangelei am Schulhof kennen gelernt haben. Wahrscheinlicher und - wenn man es überprüft - offensichtlicher ist, dass 'Wrestlers' das R. Kelly Stück des neuen Albums ist. Haben Hot Chip auf dem Vorgänger den Hit 'Be Careful' des R'n'B Sängers in ihren Beziehungsstreitsong 'Look After Me' umgemodelt, so ist 'Wrestler' nun das Hot Chip Pendant zu R. Kellys 'I'm A Flirt'.

Inhaltlich kann man sogar noch eine Ebene tiefer gehen. Hot Chip Bandmitglied Al Doyle ist bekanntlich bei der Live-Truppe von James Murphys LCD Soundsystem tätig. Als Songschreiber Alexis Taylor sich das Video zu R.Kellys 'Im A Flirt' angesehen und ihn dieser Song zu der führende Pianolinie von 'Wrestlers' inspiriert hatte, erhielt er eine Nachricht von Murphy, in der er zu einem Ringkampf um Al Doyle aufgefordert wurde. Die Nummer 'Wrestlers' ist somit gleichzeitig der Versuch, den Kampf mit Murphy zu gewinnen und so Musiker Al zurück in die Band zu holen. Mit diesem großartigen Soul-Pop-Song haben es Hot Chip auch geschafft.

 
 
Pop is the new alternative?
  Und weil wir gerade bei R. Kelly sind: Welche Band aus dem Indie-Alternative-Umfeld würde wohl so eine Referenz nennen oder ihr Fantum derart herausstreichen, wie Felix Martin das tut?

Felix: "Wir sind schon seit Jahren R. Kelly Fans. Seine Musik ist irgendwie schräg und surreal, wenn man genau zuhört. Er verwendet recht ungewöhnliche Sounds. Viele seiner Songs sind mir auch zu schmalzig, aber manchmal hat er wirklich verrückte Ideen. Ich denke, dass wir viel für Popkünstler übrig haben, die mutig genug sind, zu experimentieren und schräge Dinge zu machen, anstatt immer das Selbe zu produzieren."

Nachdem die Indie-Rock Musik sehr in ihren oft konservativen Schemen verhaftet zu sein scheint, könnte man den von Felix angeführten Gedanken noch weiter spinnen, der in einer hohlen und überspitzten Journalistenphrase gipfeln könnte: "Pop is the new alternative."
 
 
 
 
 
Sex up HTML
  Über Hot Chip zu schreiben ist großartig. Es ist ein schräges, buntes, allumfassendes Musikphänomen, bei dem längst überfällige, sekundäre Kategorisierungsversuche wie "Nerds" oder "Krankenkassa Brillen" den Weg zurück in den medialen Diskurs finden. Das Ganze kann sogar soweit gehen, dass man Artikel findet, in denen den fünf Jungs ein "Sexappeal von HTML Programmieren" prognostiziert wird.

Welchen Gazetten man auch immer glaubt, welche Herangehensweise an die Musik von Hot Chip einem verträglich erscheint, für mich haben diese "Musiker ohne Grenzen" das Veröffentlichungsjahr 2008 schon gerettet. Auch wenn das Mischen von Genres oder Stilen einen langen Bart hat, so haben es Hot Chip geschafft, nicht von ihren Zitaten zu leben, sondern aus ihrem musiksozialisatorischen Konglomerat eine eigene Identität zu generieren. Nichts wird erzwungen, nichts kommt zu gewollt daher. Alles scheint beiläufig passiert zu sein.

Vielleicht ist das alles auch gar nicht wahr und die fünf Londoner könnten mir alles verkaufen. Denn irgendwie habe ich so ein Gefühl, dass die Magie von Hot Chip einen vor der englischen Küste gekenterten Öltanker wie einen stolzen Viermaster aussehen lassen kann.
 
fm4 links
  fm4.orf.at/primecuts
Alle Alben der Woche auf einen Blick
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick