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  Österreich |  23.4.2008 | 16:35 
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Deliberately out of tune
  von Andreas Gstettner

Nach zehnjähriger Portishead-Abstinenz veröffentlichen Sängerin Beth Gibbons, Produzent Geoff Barrow und Gitarrist Adrian Utely ihr drittes Studioalbum, schlicht und einfach 'Third' betitelt.

Wie die neuen Songs sich entwickelt haben, ist in der Konzertkritik von Martin Pieper über ihre Session für Radio 1 in Berlin schon angeklungen.

Schon die erste Single war ein richtungsweisendes Lebenszeichen. Trotzdem überschlägt sich die mediale Welle in diesen Wochen, wobei hier auch ein wenig mitgesurft wird.

 
 
 
  Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die erste Portishead Platte 'Dummy' (1994) schon ein Jahr alt war, als FM4 seine ersten Klänge durch den Äther schickte. Der richtungsweisende Sound der Band, der von Musikjournalisten unter dem Genre Trip Hop subsummiert wurde, hat den damaligen Zeitgeist getroffen. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass die Nadel des emotionalen Geigerzählers in unsere Redaktion und nicht nur hier (siehe Spex oder Musikexpress) heftig ausschlägt, wenn es um das neue Album geht.

 
 
 
 
Scharfe Schüsse
  "Verstörend" ist ein Wort, das in dem Kontext von 'Third' wohl öfter auftritt. Schon beim Albumvorboten 'Machine Gun' wird in aller Reduziertheit und roher Brachialität scharf geschossen. Außer der verzweifelnd klingenden Stimme von Beth Gibbons und immer wiederkehrenden Ansätzen eines chorartigen Backgroundgesanges (der sich von elektronisch erzeugten Klängen kaum unterscheiden lässt) bleibt nur der zerhackte, unerbittlich harsche Beat zum Festhalten übrig.

Was für eine kompromisslose, erste Single. Wenn man jedoch weiß, dass sich die Inspirationen der neuen Songs aus der Kuriosität einzelner Sounds gespeist haben, wird 'Machine Gun' transparenter.

Geoff: "Adrian war auf der Suche nach einem alten Keyboard und kam mit einem, dass eine kleine Drummachine eingebaut hatte. Der Sound klang total mies und verzerrt, aber er hat uns sofort inspiriert."

Adrian: "Der Song besteht fast nur aus der Stimme und diesem Beat. Es gibt noch ein paar kleine andere Elemente, aber im Wesentlichen ist es das. Es ging uns eher um eine feine Balance. Wir hatten es auch schon mit anderen Beats und Gesangslinien probiert, aber es hat nie so gut funktioniert wie bei diesem Song."

Außerdem wird man am Ende von Machine Gun mit einer wundervollen, wenn auch recht kurzen Synthie-Melodie belohnt, die nach Ende des Song im Kopf ein Eingenleben entwickelt.
 
 
 
Rückschritte, Stagnation und Alarmsignale
  Neben "verstörend" tritt eine weitere Wortkombination in den Fokus: "Schwer zugänglich". Meist wirkt es so, als wären Beth, Geoff und Adrian in ihrer ganz eigenen Welt, versunken, in einer ausufernden, düsteren und bizarren Klangwelt, zu der man sich seinen eigenen Weg erst suchen muss. Auch für das Trio selbst w'war es eine längere Reise, voller Rückschläge und Stagnation, bis sich genug Tracks für ein Album fanden.

Geoff: "Während der Entwicklung der Songs trafen wir den neuen Chef von Island Records. Das war 2006. Wir haben ihm sieben Songs vorgespielt und gemeint, dass wir gut vorankämen und uns in ein paar Monaten nochmals treffen sollten. Ein Jahr später hatten wir nur mehr sechs Songs, also einen weniger. (lacht)"

Adrian: "Wir haben so viele Songs verworfen und weggeschmissen. Ich glaube, dass viele Menschen während eines kreativen Prozesses so vorgehen, egal ob es Autoren, Maler oder Bildhauer sind."

 
 
  Portishead sind in gewisser Weise akustische Bildhauer. Sie modellieren aus ihren verqueren und schrägen Sounds wundervolle Klangskulpturen. Die meisten haben scharfe Ecken und Kanten, sehen verwildert aus und im dunklen Schein einer halb abgebrannten Kerze glaubt man verschwommen, irritierende Fratzen wahrzunehmen.
Bei genauerem Hinsehen jedoch, entpuppen sich die düsteren Soundgestalten als gefühlvolle und schöne Geschöpfe einer zerrütteten Klangvergangenheit.

Ein gutes Beispiel für eine durchaus schwierig anmutende Songgestalt ist 'We Carry On'. Ein Titel, der den Zukunfts- und Überlebenswillen der Band transparent macht. Wie bei vielen Songs ertönt auch hier eine Art Alarmsignal, das sich über die ganzen knapp sieben Minuten zieht. Fast so, als würden uns Portishead mit ihren krachigen und scharfen urbanen Sounds auf einer unbewussten Ebene vor der harten Realität warnen wollen.
 
 
 
 
 
Von magischen Türne und poppigen Rissen
  Auch zu Beginn von 'Magic Doors' ist ein Ton zu hören, der an einen langgezogenen Zensurbeep erinnert. Doch der Song entwickelt sich in eine ganz andere Richtung, als seine umgebenden Klangbrüder. Der von Adrian gespielte und anschließend gesampelte Gitarrensound erinnert in seinem ersten Akkord an Iron Butterflys 70iger Jahre Hymne "In-A-Gadda-Da-Vida". Neben den großartigen, im Refrain alles zudeckenden Klavierakkorden fällt noch ein Instrument auf, das man im bisherigen Portishead-Universum noch nicht vorgefunden hat.

Adrian: "Es ist ein Hurdy-Gurdy, ein seltsames, mechanisches Streichinstrument aus dem Frankreich des 14. Jahrhunderts. Und gegen Ende des Songs hat ein Freund von mir auch noch Saxophon gespielt.

Adrian spircht hier allerdings nicht von einem kitschigen 80iger Jahre Saxophonsolo. Vielmehr ist die Linie des Instrumentes durch derart viele Filter gejagt worden, dass es wie das Ungeheuer von Loch Ness nur kurz seinen Kopf hebt, um dann wieder in dem Klangsee unterzutauchen.

Eine der herausragensten - weil untypischsten - Nummern ist 'The Rip'. Ein über mehrere Jahren entwickeltes Stück, das für Portishead-Verhältnisse richtig poppig klingt. Denn das anfänglich mit einer akustischen Gitarre gespielte Thema baut sich immer weiter auf, bis es sich zu einer kleinen, träumerischen Elektrohymne wandelt, die Air nicht besser hinbekommen könnte.
 

 
audio
 
title: Prime Cuts: 'Third'
artist: Portishead
length: 1:07
MP3 (1.077MB) | WMA
   
 
 
Die Stille nach der Stille
  Ein zehnjähriges Bandschweigen mit einem Songtitel wie 'Silence' zu brechen, ist schon eine gewitzte Aussage ansich. Doch dieses Stück am Anfang des neuen Albums steht für weit mehr. Es ist das Zeichen dafür, dass Portishead einen Weg gefunden haben, eine notwendige musikalische Neuausrichtung durchzuführen. Denn ihr eigenwilliger und sehr spezieller Sound hat die Band schon 1998 in eine Entwicklungssackgasse geführt. Das Klanguniversum zu erweitern, war für Geoff auch durch die damals uninspirierte Verwendung von Samples unmöglich geworden. Desto mehr die Jahre vergingen, desto größer wahr die Angst, wie die eigene Coverband zu klingen. Über die Zeit kreierten Geoff, Adrian und Beth jedoch neue Arbeitsweisen, die auch eine neue Grundstimmung möglich machten.

Adrian: 'Silence' ist ein gutes Beispiel für die Stimmung, die wir mit unserem neuen Album kreieren wollten. Meine Gitarre war willentlich nicht gestimmt, weil es so besser klang. Ich weiß nicht genau, wie ich es erklären soll. Manchmal, wenn Dinge zu perfekt sind, verlieren sie ihre Bedeutung. Es geht bei der Produktion von Sounds vielmehr um das, was man fühlt, als darum, ob alles genau gestimmt ist. Bei Hip Hop, der uns alle immer schon sehr inspiriert hat, werden Samples oft verwendet, ohne dass darüber nachgedacht wird, ob sie in der Tonhöhe und Stimmung zum Rest passen. Man dreht einfach an den Knöpfen und probiert herum, bis man das Gefühl hat, dass es richtig klingt. Genauso war es auch mit dem Gesang von Beth. Es ging nicht darum, ob sie eine Linie genau und sauber gesungen hat, sondern darum, welche Stimmung und welches Gefühl die Songs vermitteln sollten.

 
 
  Bei dem kurzen Song 'Deep Water', eine Hommage an eine Filmszene aus 'The Jerk' ('Reichtum ist keine Schande') mit Steve Martin, steht Beths Stimme lediglich von einer kleinen Ukulele unterstützt ganz für sich alleine da, wobei hin und wieder einzelne Zeilen recht wackelig klingen.

Genau diese Grundstimmung und der Mut zu "Fehlern" machen 'Third' zu einem großartigen Werk. Die immer wieder auftauchenden Unschärfen der Songs ergeben ein wundervolles Soundgemälde, das mit all seinen Selbstreferenzen neu und zeitlos wirkt.

 
 
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Zeig uns dein schönstes P.

Das Gewinnspiel ist aufgelöst, die beiden Gewinner schon verständigt.
 
 
 
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