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  Österreich |  10.12.2008 | 11:52 
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The Time Machine Express
  von Andreas Gstettner

Zwei Turntables, ein Sampler, eine Gitarre und eine soulige Stimme. Mehr brauchen Belleruche nicht, um groovige Songs zu kreieren. Mit diesen Elementen schaffen es die Engländer DJ Modest und Giatrrist Ricky Fabulous mit Hilfe der australischen Sängerin Kathrin deBoer eine schräge, eigenwillige, höchst erfrischende, sowie schwer einzuordnende Soundcollage zu pinseln.
 
 
 
  Auch wenn dafür keine Schublade im Kategorienjungle des Musikbusiness zu finden ist, signalisierten Belleruche mit dem Titel ihres ersten Albums 'Turntable Soul Music' schon wohin die Reise gehen wird. Das zweite Werk 'The Express', ebenfalls bei dem legendären Label Tru Thoughts erschienen, hat sie in Hochgeschwindigkeit ein großes Stück weiter gebracht - in Richtung Erfolg.

 
 
Foto: neon photo by myspace.com/thesoftbox
 
 
Englische Mythenbildung
  Jede Band hat eine Geschichte. Die meisten lesen sich wie trockene Lexikoneinträge. Bei der Bildung eines Entstehungsmythos beweisen Belleruche jedoch Charme und vor allem britischen Humor.

So ist Sängerin Kathrin deBoer angeblich auf einem Piratenschiff im Südpazifik großgezogen worden. Ohne Puppen an Bord, lediglich Billie Holiday und Spanky Wilson Platten zum Spielen. Als sie Gedichte und Texte in Flaschenpostform erhält und zu singen beginnt, beschließt sie, das Schiff zu verlassen, schwimmt nach Norden und landet in England.

Gitarrist Ricky Fabulous hingegen soll unter einem maltesischen Gangster in einer kleinen Stadt im kalten Nordengland in einem feuchten Keller gearbeitet haben. Auch er entdeckt dort in einem Winkel versteckt alte Schallplatten - Django Reinhardt und Grant Green. Inspiriert davon, beschließt er mit gefälschten Ausweispapieren in einem Güterwaggon nach London zu reisen. In der Hand lediglich eine 40 Jahre alte Gitarre.

Und DJ Modest, der in Südengland in Motoröl und Dreck aufgewachsen sei, hörte zum ersten Mal Hip Hop, als er sich ein Radio klaut. So baute er sich aus herumliegenden Schrott von Elektrohaushaltsgeräten sein eigenes Soundsystem, um mit Ricky gemeinsam illegale Parties zu schmeißen.
 
 
 
 
 
Wahrheit oder Rum?
  "Irgendwie ist das alles schon wahr", meint DJ Modest, der versucht, ein Lachen zu unterdrücken. Jedoch nicht mit Erfolg, als er weiter meint: "Zumindest ein bisschen davon ist wahr. Oder sagen wir so, es sind nicht alles Lügen. " (lacht)

Was kann man schon von einer Band erwarten, die sich nach einer Website benennt, die einem verstorbenen, neuseeländischen Hund gewidmet ist.

Ganz nebenbei: Nach nur dreijährigem Bestehen hat es das Trio aus dem Hinterzimmer eines schummrigen Pups in Nordlondon bis auf die Bühnen des Glastonbury und Montreux Jazz Festivals geschafft. Letzteres benutzten Belleruche sogar dazu, mit Vampire Weekend und den Raconteurs spontan eine Jam Session zu spielen. Ein Auftritt, der schon jetzt von Fachpresse und Besuchern als legendärer eingestuft wird.

Vielleicht liegt das alles auch nur am Rum, dem - nach in Medien kolportierten Rumoren zur Folge - Sängerin Kathrin gerne zuspricht. Auch hier kontert DJ Modest mit Lachen.

DJ Modest: "Mir tut das echt leid für sie, wirklich. Das ganze mit dem Rum scheint etwas aus dem Ruder zu laufen. (lacht) Ich glaub, ich habe das mal auf unsere MySpace Site geschrieben, dass wir gerne Rum trinken. Und das Kathrin ... ähm (lacht) Eigentlich wollte ich damit nur einen Gig von uns beschreiben. Jetzt glauben unsere Fans, dass wir die ganze Zeit bei jeder Gelegenheit Rum trinken. Aber eigentlich machen wir das nur sehr selten."

Sein verschmitztes Lächeln kann man sich an dieser Stelle getrost dazu denken.

 Dj Modest at Nantes - photo by Jean-Francois Buntschu
 
 
image from the Sun7 bar
 
 
Die Musik der gescheiterten Ideen
  Es ist die Reduziertheit, die spärliche Instrumentierung, die den Klängen und Melodien den nötigen Raum geben um sich auszubreiten und plastisch werden zu können. Die gefinkelten Soundexperimente erzeugen somit eine Spannung, die selbst in einem dreieinhalbminütigem Song wie 'Scratch My Soul' aufgebaut, gesteigert und wieder aufgelöst werden kann.

Belleruche verstehen es dabei meisterhaft, ihre Blues-, Soul-, Funk-, Jazz- und Hip Hop-Einflüsse nur auf einer Mikroebene einfließen zu lassen. Denn wenn DJ Modest samplet, dann verwendet er nicht einfach längere Loops, sondern tobt sich mit Serato aus, einem Programm, mit dem man mittles Turntables und Vinyls bestimmte Soundfiles und Samples am Computer ansteuern und manipulieren kann.

Was von dem verwendetem Originalmaterial übrig bleibt, ist vielleicht nicht wirklich hör-, aber spürbar. Es hinterlässt eine Stimmung, die DJ Modest inspiriert. Ähnlich der Atmosphäre eines Second Hand Plattenladens, der im weiteren Sinne den Sound seiner Musik bestimmt.

DJ Modest: "Es sind magische Plätze. Wenn man sie betritt, dann kann man dort Vinyl Singles finden, auf denen die Ideen von Menschen von den letzten hundert Jahren gespeichert sind. Oft haben diese Ideen versagt und landen somit eben genau hier, in Second Hand Shops, wo sie verstauben. Irgendwie ist es auch ein bisschen traurig. Und trotzdem sehr inspirierend, sich solche raren Platten anzuhören."


 
audio
 
title: Prime Cuts: The Express
artist: Belleruche
length: 0:53
MP3 (850KB) | WMA
   
 
 
Back to the musical future
  Egal, wie es die drei Musiker angehen, ob mit einfachem Drum Machine Loop und Bluesriff, oder zerstückelter Akustikgitarre und zurückgelehntem Hip Hop Beat, ob mit rückwärts gespielten Bläsersamples und eiernden Streichersoundschnipsel, ob ein intimes Gedicht am Anfang steht oder Kathrin uns essentielle Fragen vor den Latz knallt, Belleruche haben das richtige Feingefühl für Ausgewogenheit, Geschmack, und Experimentierfreude, wobei dann und wann ihr witziger Charme durchblitzen darf.


 
 
 
 
  Ob diese Platte im etwas innovationslos wirkenden Elektro-Hip Hop-Jazz-Fusion-Gedudel zukunftsweisend ist?

Nun, falls "The Express" überhaupt dort hineingehört, dann weist sie wohl vielmehr in die Vergangenheit und erinnert uns auf einer unbewussten Ebene an oft längst vergessene Klangepochen. Denn DJ Modest lässt durch seinen Produktionsstil die Vergangenheit in homöopathischen Dosierungen in die Musik von Belleruche einfliessen. Und genau dadurch erhalten die Songs ihren magischen Schimmer.

DJ Modest: "Die Platten, die ich verwende, sind meist vor langer Zeit aufgenommen worden. Musik von Menschen ist, die schon seit langer Zeit tot sind. Insofern passt die Beschreibung sehr gut, dass ein Plattenspieler wie eine Zeitmaschine ist. Ich glaube, wir alle hören genau deshalb immer wieder gerne alte Songs, da es uns erlaubt, in der Zeit zurück zu reisen."
 
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