Mit Konzertbesuchen hatte ich hier in 'Nati bis jetzt wenig Glück: Die Releaseparty von Ill Poetic und diversen anderen lokalen Helden war zwar musikalisch vom Allerfeinsten (Hörproben und Interview demnächst in Tribe Vibes), aber durch wenig berauschende Zuschauerzahlen kam leider nie wirklich gute Live-Atmosphäre auf. Der DJ-Gig von HipHop-Erfinder DJ Kool Herc war erstaunlicherweise noch um einiges schlechter besucht und brachte erwartungsgemäss keine musikalischen Revolutionen mit sich. Es sollte also ein gutes Monat dauern, bis ich ein richtig gutes Konzert zu sehen bekam:
Über Sharon Jones und ihre Dap-Kings hatte ich schon viel Gutes gehört und gelesen und so tappte ich übereifrig in eine klassische Anfängerfalle. Da will man von so einem Konzert ja nichts verpassen und kommt deshalb schon 30 Minuten nach dem angegebenen Konzertbeginn zum Ort des Geschehens, nur um herauszufinden, dass die ungeschriebene circa-zwei-Stunden-später Regel offensichtliche weltweit gültig ist.
Bühne, leer.
Nirgends wiegt die Bedeutung der Floskel von der "totgeschlagenen Zeit" schwerer als in der Architektur-gewordenen Hölle namens amerikanische Vorstadt-Shopping Mall. Eine solche befand sich direkt gegenüber des Venues. Einige Runden und ein XXL Magazine später ging es glücklicherweise los.
Der Dap Kings-Gitarrist und -Zeremonienmeister Binky Griptite begleitete das Publikum durchs Aufwärm-Set der Band.
David Guy legte alles in sein Solo.
Und dann betrat sie die Bühne...
Mit Sharon Jones, die über die Stationen Augusta, Brooklyn und Rikers Island (als Aufseherin wohlgemerkt) Mitte der Neunziger zur Stammsängerin des kleinen Retro-Funk-Labels Desco (heute Daptone Records) avancierte, ging die "Super Soul Revue" erst richtig los.
Voller Körpereinsatz. Später folgten minutenlange Barfuss-Tanzeinlagen...
Die Dap Kings legten mit sehr eingespielten Grooves den Klangteppich und Mrs. Jones demonstrierte eindrucksvoll die vielen Nuancen ihrer Stimmbänder. Vom zart vorgetragenen gebrochenes-Herz-Blues bis zur hochenergetischen Funk-Hymne reichte die Palette, und irgendwann mittendrin wurde es auch explizit politisch.
In einem gesprochenen Intro nahm uns Sharon Jones mit auf einen imaginären Spaziergang zum Weissen Haus, wo sie anklopfte und Bush dem Zweiten einen interessanten, wenn auch irgendwie sehr amerikanischen, Ansatz zum zivilen Ungehorsam ins Gesicht schmetterte: "What If We All Stopped Paying Taxes" (Hörprobe und Manifest dort). Ebensoviel zustimmenden Applaus erntete auch die darauffolgende Funk-Version von Woody Guthrie's Ur-Protestsong "This Land Is My Land", bevor das großartige Konzert mit "My Man Is A Mean Man" zu Ende ging. Cincinnati, bei Gott nicht arm an großen Funk-Momenten, hatte an diesem Abend einen weiteren erlebt...