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Wien | 6.11.2005 | 13:50 
Gestalten und Gestaltung. Büchereien und andere Sammelsurien.

Pamela, BorisJordan, Zachbauer

 
 
Lesestoff: Joey Goebel - 'Vincent'
 

"Wir werden Dir geben, was du brauchst, aber versagen, was Du willst. Wir werden dafür sorgen, daß alles, was Du für Dein Glück brauchst, knapp außerhalb Deiner Reichweite bleibt. Solltest Du aus Versehen ein Glücksgefühl verspüren, dann halte es fest, mit aller Macht. Genieße es, so lange Du kannst, denn es bleibt garantiert nur ein kurzes Vergnügen."

Nein, das ist keine schöne Geschichte mit Happy End. Glück und Zufriedenheit finden woanders statt. Das ist schwarz, zynisch und traurig. Aber so was von großartig ...
 
 
 
New Renaissance
  Foster Lipowitz ist Vorsitzender eines Medienimperiums. Radio, TV, Kino, Internet, Plattenlabel, Zeitschriften und Zeitungen - alles kommt aus seinem Unternehmen. Und alles bietet den gleichen verdummenden seichten Mainstream. Der bringt zwar Geld, aber auch ein schlechtes Gewissen - den wahren Künsten gegenüber. Deswegen will der krebskranke Lipowitz kurz vor seinem Tod den Weg zur echten, zur reinen Kunst öffnen, die von der Unterhaltungsindustrie versaut wurde. Er gründet eine Schule für höchstbegabte Kinder - "New Renaissance". Eine Eliteschmiede für wahre Künstler. Lipowitz weiß, dass wahre Kunst unter Kummer, Schmerzen und Leid entstehen kann. Deswegen wird dafür gesorgt, dass die Schüler ausgiebig leiden. Die Öffentlichkeit bekommt davon natürlich nichts mit.

 
 
Vincent Spinetti
  Der talentierteste Schüler ist Vincent Spinetti. Die Mutter ständig auf Drogen und so wunderschön, dass ihr alle Männer erliegen, der Vater eigentlich unbekannt - eben einer der vielen, die erlegen sind, vier verzogene nervige Geschwister. White Trash vom Feinsten.

Teil der Aufnahmeprüfung für die "New Renaissance" ist das Vervollständigen des Satzes: "Ich schreibe, weil ____." Der sechsjährige Vincent antwortet "Ich schreibe, weil ich bleibe."

"Schreibt auf erstaunlich hohem Niveau. Beängstigend phantasievoll und kreativ. Für sein Alter ausgesprochen aufgeweckt. ... Der weitaus fleißigste in seiner Klasse, hinkt in seiner persönlichen Entwicklung allerdings etwas hinterher. Sein Sozialverhalten lässt zu wünschen übrig. ... Wegen offensichtlicher geistiger Überlegenheit und Neigung zu Selbstisolation bei Gleichaltrigen unbeliebt. ... Kontaktscheu, wird abgelehnt. Schüchtern. Wird aufgrund seines ängstlichen Auftretens und seiner schmächtigen Statur zum Mobbingopfer. ... Schafft sich durch das Schreiben offenbar eine Phantasiewelt. ... Ein ausgesprochen trauriger Fall."

 Der englische Originaltitel
 
 
Harland Eiffler
  "Meine Lieblingsband sind die Dead Milkmen, meine Lieblingssendung ist Saturday Night Live, und mein Lieblingsfilm ist Punch-Drunk Love."
Harland Eiffler erzählt die Geschichte.
Er, der ehrliche Kämpfer gegen die verdummende Mainstreamunterhaltung, definiert Menschen über die Kategorien Lieblingsband, Lieblingsfilm und Lieblingsserie.
Nachdem er mit seiner Band zu erfolglos und mit seinen Plattenkritiken zu zynisch (oder ehrlich) war, wird er zum Manager von Vincent.
Harlan Eiffler erklärt Vincent, dass er eine Art Schutzengel für ihn sein werde. Der Herr im Himmel und Johnny Cash bewahre uns vor derartigen Schutzengeln.
Tatsächlich ist Harlan derjenige, der Vincents Welpen vergiftet, der sein Haus niederbrennt und der dafür sorgt, dass Vincents Freundin nicht lange bei ihm bleibt. Denn Einsamkeit gehört natürlich auch zu den Grundelementen für einen wahren Künstler ...
Schon bald meint Vincent "Ich schreibe, weil sie weg ist."
 
 
 
  "Vincent starrte mich an und nickte, dabei kraulte er dem Welpen den Bauch. Eines Tages würde er einen Song über seine Hund schreiben, einen Hit, von dem jeder annahm, er handle von einer Frau."

Die Rechnung scheint aufzugehen. Vincent leidet viel, schreibt großartige Popsongs, intelligente Drehbücher und entwirft witzige Fernsehkonzepte. Bis etwas nicht mehr ganz nach Plan läuft ...

Dann entwickelt diese Satire auf die amerikanische Mainstreamunterhaltung eine spannende Eigendynamik.

Yeah, wir hören den Rebell Yell und freuen uns über diese neue Stimme in der Literaturwelt.

 
 
  Joey Goebel "Vincent".
Übersetzt von Matthias Jendis und Hans M. Herzog,
Diogenes Verlag, Zürich 2005
 
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  Joey Goebel - ein kurzes Portrait

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joeygoebel.com
   
 
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