Im August 2002 braucht Steffen Kopetzky dringend zwei Batterien für ein technisches Gerät. Verärgert, weil er die Dinger eben nicht finden kann, geht er in einen Kiosk, kauft sich zwei Batterien und eine Zeitung. In der liest er von einer Gerichtsverhandlung in Nigeria. Der Angeklagte hat jemanden erschlagen, weil er dringend zwei Batterien von der Person gebraucht hat.
"Ich war sprachlos. Das war eine Sprachlosigkeit, der man irgendwie Gestalt geben möchte, eben durch Sprache, durch Texte. Ich hab mir alle Mühe gegeben, jeder Figur, die da auftaucht, jedem Suchen einfach den Raum zu geben, den es für die Figur selbst einfach hat. Also nicht zu urteilen, sondern einfach zu zeigen, was Menschen erleben und was Menschen durchmachen, obwohl es vielleicht Illusionen sind, denen sie hinterher rennen."
Steffen Kopetzky hat ein eigenwilliges Verhältnis zum Suchen und Finden.
"Es ist so, dass die meisten Menschen ihre Zeit damit verbringen, irgendetwas zu suchen. Das Suchen ist das, was zwischen dem Verlieren und dem Finden steht. Das ist sozusagen der Vorgang zwischen Lost/Found. Damit verbringen die meisten Menschen 80 oder noch mehr Prozent ihres Lebens. Sie glauben, sie würden was anderes machen, aber in Wahrheit sind sie Suchende.
Deswegen ist es wichtig, dass man sich diesem Vorgang, diesem Mechanismen nähert und versucht, das zu verstehen, das zu analysieren, was da passiert."
Steffen Kopetzky lebt in Bayern. Hat als Schlafwagenschaffner gearbeitet. 2002 erschien "Grand Tour". Kolumnist in der Zeit.
Foto: Peter von Felbert
Geschichten
Von diesen Suchenden erzählt Steffen Kopetzky in sieben Geschichten.
Die Menschen haben allerdings in den seltensten Fällen Kleinigkeiten des Alltags verloren. Also nicht die kleinen Dinge, wie Schlüssel, Stifte oder Münzen, sondern Dinge, deren Verlust ganz bitter sein kann. Eine Sprache, ein Kinderwunsch oder Fähigkeiten, die man ein Leben lang hatte.
Jede dieser Figuren erzählt aus ihrer bzw. seiner Sicht. Das führt zu unterschiedlicher Sprache und Stil, von denen man die eine mehr, die andere möglicherweise weniger mag.
"Im Laufe der Zeit gewöhnt man sich übrigens daran, dass sich die Leute einem gegenüber so benehmen, als könnte man nicht bis drei zählen. Und irgendwie, habe ich mir immer gedacht, ist es vielleicht viel schlimmer, schlau auszusehen und es nicht zu sein, als andersherum."
Da ist eine Frau, mit einem äußerst dringenden Kinderwunsch, ein Typ, der dringend was zum Rauchen besorgen will oder ein Kind, das von einem riesigen Origami lebenslang beeindruckt wird. Da sind zwei junge Menschen aus dem Niger, die via Italien nach Berlin wollen, ein Sprachwissenschaftler, der erkennen muss, dass seine zu erforschende Sprache bereits ausgestorben ist und ein Galerist, dem Finden eigentlich immer wichtiger war als Behalten.
Auch wenn man das nicht auf Anhieb bemerkt, es handelt sich um unabhängige Geschichten, die aber alle miteinander verwoben sind. Denn von Zufällen hält Steffen Kopetzky gar nichts:
"Mit zunehmender Lebenserfahrung stellt man fest, dass es Zufälle in dem Sinn überhaupt nicht gibt. Weil die Struktur unseres Geistes dazu neigt, unaufhörlich mit allem in Verbindung zu stehen ... Wir sind gefangen von den Alltäglichen Sorgen, von den Dingen, die man sucht oder den Sachen, denen man nachtrauert, wenn man sie verloren hat und sieht nicht, wie fantastisch und komplex eigentlich alles ist. Diesen Sinn zu schärfen ist das, was ich mir als Schriftsteller von Anfang an auf die Fahnen geschrieben habe."
Nachgeschichte
Unser Gespräch entwickelt sich zu seinem Dialog über den Sinn des Lebens, Zufälle oder keine und über Höhen und Tiefen im Leben. Auch wenn das jetzt alles sehr nach einer Weg- oder Selbstfindung klingt, wird man "Lost/Found" keineswegs in der Eso- oder Glaubensabteilung einer Buchhandlung finden. Gläubig ist Steffen Kopetzky nicht unbedingt. Seine Sache sei das Wissen, erklärt er mir.
Dennoch, sei das Buch auf eine bestimmte Weise sehr persönlich, "weil ich wie jeder andere das Auf und Ab des Lebens kennen gelernt habe. Dass man eben ganz oben ist und dann ganz unten ist. Und ab einem bestimmten Punkt war ich irgendwie von diesem Auf und Ab so müde, dass ich dachte, mich gibt's nicht mehr. Da war nichts mehr. Da war kein Strömen mehr, kein Weitermachen, bloß noch Erschöpfung. Die Erfahrung, dass man in dem Augenblick, in dem man tatsächlich loslässt und sich aufgibt, feststellt, dass nichts verloren ist, dass nichts, was wichtig ist, verloren gehen kann, die war schon recht bemerkenswert. Und diesem Grundgedanken wollte ich ein kleines literarisches Denkmal setzen. Eine Art von Anleitung zum Finden."
Auf Geschichten und Begebenheiten über das Verlieren, Suchen und Finden stößt er auch nach Veröffentlichung des Buches immer wieder. Aber allen Geschichten sei eines gemein, resümiert Steffen Kopetzky:
"Auch wenn es 700 gewesen wären, wäre meine Absicht darin gewesen, zu zeigen, wie die Wirklichkeit ist, dass es in Wahrheit nämlich nur eine Geschichte gibt, nämlich die von uns allen."