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Wien | 22.2.2006 | 15:40 
Gestalten und Gestaltung. Büchereien und andere Sammelsurien.

Pamela, BorisJordan, Zachbauer

 
 
Lesestoff - Andrea Grill "Der gelbe Onkel. Ein Familienalbum."
 

Ein Familienalbum ist etwas sehr intimes.
Für die Familienmitglieder zwar häufig nichts weiter besonderes, man kennt die Leute auf den Fotos, kann sich an die Situation erinnern, weiß, dass Tante H damals nur rote Kleider angezogen hat und dass das Wohnzimmer der Großmutter eben diese großzügig gemusterte Tapete hatte. So what? Das war bzw. ist Alltag.
Ganz anders wirken die Fotos allerdings, wenn sie Außenstehenden gezeigt werden.
Was einst vertraut war, wirkt plötzlich komisch, ungewöhnlich mitunter fast schon peinlich.
 
 
 
  "Wenn es finster wurde, sagte sie immer, dass sie fort müsse, den Bus nicht versäumen dürfe, sonst nicht mehr nach Hause käme. Sie saß mitten in ihrer eigenen Küche, wo sie schon seit zehn Jahren saß und sich nie mehr fortbewegte, und nichts auf der Welt konnte sie überzeugen, dass sie zu Hause war."
 
 
 
  So ist das mit der Großmutter bei Andrea Grill.
So ist das auch bei älteren Verwandten von meinen Freunden und Bekannten.
So ist das.
Ganz natürlich, dennoch redet man nicht immer gern darüber. Umso erstaunlicher, dass Andrea Grill in ihrem Debüt derartige Eigenheiten beschreibt.
 
 
 
Familienmitglieder
  Vom Großvater, der seit Jahrzehnten nur kleine Bissen isst, weil er nur mehr einen halben Magen hat - die Russen haben ihm in Kriegsgefangenschaft nicht genug zu essen gegeben. Kurz vor seinem 93. Geburtstag erfährt er zufällig von einem Arzt, dass mit seinem Magen alles in bester Ordnung ist. Der Großvater, der nachts im Altersheim den Schneewalzer auf der Mundharmonika spielt und das am nächsten Tag vehement abstreitet.

Oder vom vornehmen gelben Onkel, der zum Autofahren immer eigene Schuhe mit Ledersohle anzieht, weil man dann die Kupplung besser spürt. Der den besten Kaffee der Familie sieden kann und als einziger Mann selbst bügelt. Der immer wieder Ausflüge mit seiner Mutter macht, irgendwann in die Hauptstadt zieht und nur mehr zu Weihnachten heim kommt. Irgendwann wird er krank, gelblich im Gesicht und stirbt viel zu früh. Bei seiner Beerdigung wundern sich alle über einen hübschen jungen Burschen, der die letzten Jahre mit dem gelben Onkel verbracht haben soll.

 Andrea Grill, geb. 1975 in Bad Ischl, studierte Biologie, Italienisch, Spanisch und Sprachwissenschaften in Salzburg, Thessaloniki und Tirana, lebte mehrere Jahre in Cagliari, Sardinien. (Foto: Ellis van Ramesdonk)
 
 
  "Seit ich ihn kannte, hatte er mich niemals auf die Wange geküsst, und jetzt, da er dreiundneunzig geworden war, entdeckte er plötzlich das Bedürfnis, uns bei der Begrüßung und Verabschiedung einen Kuss zu geben. Vielleicht hatte er sich alle seine Küsse aufgespart bis zum lezten Moment, und jetzt, da er womöglich bei jedem Abschied dachte, es könnte der letzte sein, wollte er keine Gelegenheit versäumen, sie auszuteilen."
 
 
 
  Es sind kleine Geschichten.
Sensibel, zart, ehrlich und mit genügend Wahrheitspotenzial, dass sie sich täglich öfters abspielen könnten. Andrea Grill beschreibt sie so leicht und unbekümmert, als wären sie genau das, was sie sind - Einblicke in ein Familienalbum. Egal ob es sich um Macken und Eigenheiten oder Ticks und Launen handelt.
Hier wird weder jemand vorgeführt noch bemüht sich die Autorin witzig oder zynisch zu sein. Sie beschreibt schlicht und knapp, sachlich und natürlich und zeichnet so ein großartiges Bild (österreichischen) Alltags. Beeindruckend, fast erleichternd.
 
 
 
Und darüber hinaus.
  Es gibt noch einen Onkel in Athen, der zur eigenen Beruhigung seine Schritte zählt, eine Tante in Tirana, deren Lieblingsgetränk Calvados ist, obwohl sie das noch nie getrunken hat oder eine andere Tante, die in jungen Jahren in Indonesien in einem Konzentrationslager gelitten hat.
In diesem Familienalbum werden auch außenstehende Personen vorgestellt, etwa der Friseur, der Nachbar oder der Freund vom Neffen.

"Eine Familie ist etwas, das wir alle haben und über das wir alle klagen. Sie ist es, die wir dafür verantwortlich machen, wenn und Dinge misslingen oder wir faul sind. Eine Familie hat ihre eigenen Gesetze, ihre eigene Zeit, ihre eigene Geographie. Egal welche Nationalität er haben mag, der Onkel ist immer der Onkel. Er gehört zu uns, und wir zu ihm, ob er nun in Griechenland wohnt oder in dem Nachbarort im Salzkammergut. Und gleichgültig, wie lange es her ist, seit wir ihn zum letzten Mal gesehen haben, wenn wir ihm wieder begegnen, wird es sein wie früher. Für den Onkel werden wir immer jung bleiben, so wie er für uns immer alt war."

 
 
  Es ist das erste Buch der jungen Autorin Andrea Grill, die in Salzburg, Amsterdam und Neuchâtel lebt und als Übersetzerin aus dem Albanischen arbeitet. Diese Vielfalt spiegelt sich auch in ihren Geschichten wider. Sie klammert sich nicht lange an eine Begebenheit, sondern springt locker in ihren Erzählungen hin und her.
Das gefällt.
 
 
 
  Andrea Grill: Der gelbe Onkel. Ein Familienalbum.
Otto Müller Verlag, Salzburg 2005
 
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