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Wien | 20.5.2006 | 12:05 
Gestalten und Gestaltung. Büchereien und andere Sammelsurien.

Pamela, BorisJordan, Zachbauer

 
 
Die FM4-Bücherei
 

Die FM4-Bücherei ist keine herkömmliche Bücherei, in der man Bücher ausleiht, sondern eine, in der Bücher vorgestellt werden.
Der oder die Besucherin der FM4 Bücherei stellt seine bzw. ihre drei Lieblingsbücher vor, bzw. Bücher, die man durchaus dringend lesen sollte.
 
 
 
Arno Geiger
  Dieses Mal besucht die FM4-Bücherei ein preisgekrönter Gast: Er hat den besten deutschsprachigen Roman 2005 geschrieben. Der Roman heißt "Es geht uns gut" - der Autor Arno Geiger.
In Bregenz 1968 geboren, studierte Germanistik und vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Arno Geiger hat aber auch noch einige andere Bücher geschrieben:
"Kleine Schule des Karussellfahrens", "Irrlichterloh" und "Schöne Freunde". Er hat bereits zwei Mal bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt um den Bachmannpreis gelesen. Soviel steht fest, dieser Mann hat einfach täglich mit Büchern zu tun. Hier also seine Empfehlungen:
 
 
 
 
 
'Die toten Seelen' - Nikolaj Gogol
  "Mit den toten Seelen sind tote Bauern gemeint.
Das Buch ist 1842 erschienen, damals gab es noch Leibeigenschaft in Russland. Ein Leibeigener, das war eine Seele. Die Hauptfigur Pavel Tschitschikow fährt durch die russische Provinz, um den Gutsherren tote Bauern, also tote Seelen, abzukaufen. (...)
Es war so: wenn jemand im Jänner gestorben ist, musste der Gutsherr dennoch für das ganze Jahr Steuern zahlen. Diese toten Seelen, die er ihnen für ein symbolisches Geld abkauft, will er für einen Kredit verpfänden. Es ist ja nicht bekannt, dass die Bauern tot sind, die sind ja noch was wert, sind noch im Register geführt. Er will sich also einen Kredit erschwindeln und damit dann über alle Berge gehen.

Das ist eine großartige 'Road-novel' - würde man heute sagen. (...) Ein urkomisches Buch (...) großartig (...) keine vordergründige Komik mit Slapstick, sondern die Komik liegt im Blick des Autors, in der Absurdität des Lebens, die Gogol zeigt als ganz früher Kapitän auf dem Dampfer der Moderne. Gogol ist unglaublich modern - auch nach heutigen Maßstäben (...)

 
 
  Ich habe das vor drei, vier Jahren gelesen, mit Anfang/Mitte Dreißig. Ich könnte mir vorstellen, dass ich es zehn Jahre früher als langweilig empfunden hätte (...) und hätte dabei aber nur meine eigene Langweiligkeit gesehen, ohne zu erkennen, dass das weniger mit dem Buch zu tun hat als mit mir. Weil ich das eventuell nicht verstanden hätte, was das Grandiose am Roman ist. Als ich es dann gelesen habe - völlige Begeisterung. Gogol ist ein Gigant - großartig."

Gogol, Nikolaj: Die toten Seelen.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München, Übersetzt von Fred Ottow.
 
 
 
'Madame Bovary' - Gustave Flaubert
  "Ein Buch, das oft gegen den Strich gelesen wird. Das Buch wird zu sehr - bezogen auf Emma Bovary - gelesen als Liebesroman; in gewisser Weise als Roman über das Scheitern einer Frau.
Das ist nicht die Größe des Romans. Madame Bovary ist für mich vielleicht der makelloseste Roman. Der in sich stimmigste und großartigste Roman, der je geschrieben wurde (...) formal, sprachlich und inhaltlich. (...)
Inhaltlich: Madame Bovary wendet sich dem Alltagsleben zu ohne allzu großer Effekte. Das Buch ist 1857 erschienen. Es ist für damalige Zeit revolutionär, dass ein Autor sich dem relativ banalen Leben einer Frau in der französischen Provinz zuwendet. Mit all den Niederungen des provinziellen Lebens. (...) Kein 'Mantel und Degen'-Buch, kein Buch, in dem viel gestorben wird.

Emma Bovary ist sehr, sehr unglücklich als Hauptfigur, was man von den Nebenfiguren nicht sagen kann. Ihr Mann ist eigentlich ein netter Mann; seine Frau fährt Schlitten mit ihm und richtet ihn aus - auch gegenüber dem Leser.

Die Leser haben damals nicht begriffen, dass das die Innensicht der Emma Bovary ist - sie begeht einen Ehebruch und bei der Rückfahrt von diesem Ehebruch ist sie glücklich. Das ist einer der wenigen Glücksmomente, die die Emma Bovary empfindet, und das wurde dem Flaubert ausgelegt als Verherrlichung des Ehebruchs. (...)
Das zeigt, dass damals von der Rezeptionsgeschichte her die gar nicht in der Lage waren zu unterscheiden zwischen Figurensicht und Autorensicht. Das ist richtungsweisend.
Flaubert ist der Säulenheilige des modernen Romans.
Weil da alles vorhanden ist, was dann im 20. Jahrhundert völlig selbstverständlich wurde."


Flaubert, Gustave: Madame Bovary
Sittenbild aus der Provinz. Reclam Verlag, Leipzig, Übersetzt von Ilse Perker.

 
 
'Die Abenteuer des Kapitäns Vasco Moscoso' - Jorge Amado
  "Vasco Moscoso ist der Sohn einer reichen Krämerfamilie, der im hierarchisch organisierten Brasilien merkt, dass er kein Ansehen hat ohne Titel, ohne Familie, ohne Wappen. Das deprimiert ihn unglaublich. (...) Ein Buch, das storylastig ist. (...) Ein Erzählfeuerwerk über einen sympathischen harmlosen Lügenbaron. (...)
Vasco Moscoso ist nicht froh, weil die Frauen der höheren Gesellschaft einen weiten Bogen um ihn machen, obwohl er zu den Reichsten der Stadt gehört, aber nicht adelig ist.

Seine Freunde beschließen, ihm ein Kapitänspatent zukommen zu lassen. (...) Er hat von der Schifffahrt überhaupt keine Ahnung. (...) Er muss seinen Freunden versprechen, dass er nie ein Schiff führen wird. Dem Vasco geht's auch nur drum, dass er eine Uniform tragen darf und einen Titel hat. Er zieht sich mit seinem Titel in ein Küstenstädtchen zurück und erzählt von seinen Erlebnissen auf großer Fahrt. (...) Das ist großartig geschrieben.

Jorge Amado ist 2001 verstorben. Er ist ein interessanter Autor, der in jungen Jahren Kommunist war und sozialengagierte Romane geschrieben, sich etwas zu nahe an den Stalinismus hinbewegt hat (...) der sich dann von der Politik völlig frustriert schon in den 50er Jahren abgewendet hat und dann seinen großen Roman schreibt.
Er schreibt nicht von oben herab, sondern von unten. Immer augenzwinkernd mit einer prustenden Intelligenz.
Sehr unterhaltsam.
Eine leichte Lektüre, die dabei aber nie seicht ist.
Das ist ein Buch, das man verschlingt - grandiose Unterhaltungsliteratur."


Amado, Jorge: Die Abenteuer des Kapitäns Vasco Moscoso
Suhrkamp Frankfurt

 
 
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  Die FM4-Bücherei
Zu den bisherigen Besucherinnen und Besuchern zählen Sibylle Berg, Francoise Cactus, Arno Geiger, Christian Kracht, Kathrin Passig, Sven Regener, Christiane Rösinger, Tex Rubinwitz, Rocko Schamoni, Funny van Dannen und Franz Adrian Wenzl.
   
 
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