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Wien | 19.1.2007 | 18:37 
Gestalten und Gestaltung. Büchereien und andere Sammelsurien.

Pamela, BorisJordan, Zachbauer

 
 
Die FM4-Bücherei
 

Die FM4-Bücherei ist keine herkömmliche Bücherei, in der man Bücher ausleiht, sondern eine, in der Bücher vorgestellt werden.
Der oder die BesucherIn der FM4 Bücherei stellt seine bzw. ihre drei Lieblingsbücher vor, bzw. Bücher, die man durchaus lesen sollte.
 
 
 
Rocko Schamoni
  Er ist Musiker, Entertainer, Autor, Clubbesitzer, Schauspieler und Theatermacher.
Und: Er ist der King - Rocko Schamoni.

Sein Debütroman "Risiko des Ruhms" schildert die unfassbar kuriosen und komplett verlogenen Erlebnisse des Erzählers. Nicht minder großartig, aber oftmals auch traurig, weil leider zu wahr, ist sein Roman "Dorfpunks". Darin beschreibt er seine Jugend als Punk im Dorf und erinnert viele von uns an die eigene Landjugend.
Rocko Schamoni liest viel - vor allem liest er bei jedem Buch mindestens 100 Seiten. Soviel Zeit muss sein, vorher könne man sich kein Urteil bilden.

In seine Sammlung von Ausweisen kommt jetzt ein neuer - der FM4-Bücherei-Ausweis:
 
 
 
 
 
Heino Jaeger - "Man glaubt es nicht"
  "Für mich ist das eines der aufregendsten und bewegendsten Bücher der letzten drei Jahre - es handelt von dem Hamburger Komödianten Heino Jäger. Ein Mann, der Hörspiele bevorzugt hergestellt hat - die lustigsten, die ich kenne.
Nebenbei war er Maler, Zeichner und Dichter und dabei viel besser als als Hörspiellieferant. Er hatte ein unglaublich trauriges und tragisches Schicksal.
Er ist schon zu Lebzeiten überhaupt gar nicht verstanden worden von der Welt und ist am Zenit seiner Karriere verrückt geworden, hat wahnsinnig viel getrunken und ist dann in die Klapsmühle gekommen. Und hat dort 12 bis 15 immer trauriger werdende Jahre verbracht. Am Ende war er kaum noch ansprechbar und ist vor fünf oder sechs Jahren verstorben [...]

Das ist einer der großen Vorbilder von so jemandem wie Olli Dietrich. Loriot sagt über ihn 'Dann haben wir ihn wohl nicht verdient', wenn ihn dann keiner kennt. [...]
Dieses Buch ist ein sehr bewegendes Buch über die Zeit in Hamburg zwischen 70ern und 80ern, in der solche Leute wie Hubert Fichte auch ganz wichtig gewesen sind. Es ist wahnsinnig interessant zu lesen, wie Heino Jäger an all die wichtigen Leute gekommen ist [...]
Du findest da alles - von Drama über höchsten, besten Humor bis zu bizarrsten Beschreibungen dieser Zeit. [...]
Man muss ein bisschen Interesse haben für bizarre Gestalten, für Humor und für Andersartigkeit.
Der Typ war so anders und so unfähig sich anzupassen und dem Mainstream hinterher zu laufen, oder dem Mainstream etwas anzubieten, um erfolgreich zu sein, dass er quasi an all dem letztlich gescheitert ist. Aber das hat ihn noch zu einem viel größeren Helden gemacht, als er geworden wäre, wenn er funktioniert hätte.
Er ist einer der großen untergegangenen Helden, in meinen Augen."

 
 
  Jaeger, Heino: Man glaubt es nicht. Leben und Werk.
herausgegeben von Joska Pintschovius, Kein und Aber, Zürich
 
 
 
Tony Parsons - "Als wir unsterblich waren"
  "Das ist ein Buch, das ich zur Zeit lese und noch nicht fertig gelesen habe. Aber ich habe in diesem Fall gemerkt, dass ich das Buch nicht bei Seite legen kann. [...]
Ich gebe jedem Buch, das ich lese, die Chance von 100 Seiten. Das ist meine Regel. Egal wie schlecht es ist, ich lese 100 Seiten. [...]
Bei diesem Buch wusste ich nach 20 Seiten schon, 'das ist es', und nach 120 erst recht 'das bleibt auch so'.
Das ist ein Buch von jemandem, der seit vielen, vielen Jahren in England Kolumnen schreibt und Essays und Musikjournalist ist. [...]

Dieses Buch handelt von der Nacht 1977, in der Elvis Presley gestorben ist. Das ganze Buch spielt in einer Nacht. Und '77 war ja das größte Jahr von Punkrock - zumindest in England. Aber nicht das wichtigste. Das wichtigste war das Jahr davor, '76. '77 war das Jahr der Explosion und des Endes und das größte und entscheidendste Jahr.
Und er beschreibt in der einen Nacht alles, was entscheidend war, und parametisiert das so durch - anhand von drei Hauptdarstellern - und die beschreibt er so gut und er wechselt so gut zwischen diesen Gestalten und beschreibt die Szenen, den Lifestyle, die Art, die Klamotten, die Aggression, die Teds, die Gewalt,
und erklärt England nochmal nebenbei und die politischen Vorkommnisse - das bringt viel Spaß und man lernt gleichzeitig sehr viel. Es ist einfach komplett gelungen [...]. Das kann noch kippen, aber ich kann mir das nicht vorstellen. [...] Ein Volltreffer."

 
 
  Parsons, Tony: Als wir unsterblich waren. Roman
Aus dem Englischen von Christian Seidl. Blumenbar, München 2006.

Titel der Originalausgabe: Stories we could tell.
 
 
 
Simone de Beauvoir - "Alle Menschen sind sterblich"
  "Eines meiner Lieblingsbücher.
Eines der berührendsten Bücher, die ich kenne. Ein Mann, der im Mittelalter lebt und den Wunsch hegt, unsterblich zu werden. Es gibt dann eine Substanz, die macht unsterblich, und er und eine kleine weiße Maus trinken diese Substanz und werden dann unsterblich.
Simone de Beauvoir arbeitet sich an diesem Wunsch nach Unsterblichkeit ab und lässt diese Gestalt über Jahrhunderte leben. Sie führt diese Idee ad absurdum, dadurch dass diese Gestalt am Ende eigentlich immer nur verliert - und zwar alles, was sie liebt.
Alle Menschen sterben, alle Gegenstände vergehen, alle Zusammenhänge zerbrechen. Und nach fünf oder sechs Jahrhunderten des Verlusts bleibt von dieser Figur nur noch eine depressive Puppe übrig, die nicht mehr reden kann, weil sie nicht mehr dazu in der Lage ist, Kontakt zu Menschen aufzunehmen, denn dieser Kontakt führt eh zu nichts - nichts bleibt, nichts verweilt.
Diese Gestalt endet in der totalen Verzweiflung.

Dieses Drama ist wahnsinnig gut erzählt und geschichtlich sehr gut recherchiert. Simone de Beauvoir führt einen durch die Jahrhunderte und erklärt die geschichtlichen Zusammenhänge auch noch und kommt dann in der Jetztzeit in diesem totalen Drama an. Und das ist über 500 Seiten einfach ganz gut zu lesen.
[...]
Es erfüllt einen total und entlockt einem - wenn man dafür offen ist - auch Tränen.
[...]
Es war auch ihr Großwerk, ging aber vergleichsweise unter. Leider. Zu Unrecht."

 
 
  de Beauvoir, Simone: Alle Menschen sind sterblich. Rowohlt Tb, Reinbek bei Hamburg, 2004
 
 
 
  Die FM4-Bücherei besticht durch ihre unregelmäßigen Öffnungszeiten ...
Versucht 2007 aber regelmäßig ihre Tür zu öffnen.
 
 
 
  On Air zu hören ist die FM4-Bücherie mit Rocko Schamoni am Sonntag, 21. Jänner von 15 bis 17 Uhr.
 
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  Die FM4-Bücherei
Zu den bisherigen Besucherinnen und Besuchern zählen Sibylle Berg, Francoise Cactus, Arno Geiger, Christian Kracht, Kathrin Passig, Sven Regener, Christiane Rösinger, Tex Rubinwitz, Rocko Schamoni, Funny van Dannen und Franz Adrian Wenzl.
   
 
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